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WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb 2013 Großes Interesse an Boxcryptor wegen NSA-Schnüffeleien

Mit ihrer Verschlüsselungssoftware Boxcryptor haben Robert Freudenreich und Andrea Pfundmeier den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb 2013 gewonnen. Wegen weltweiter Geheimdienst-Schnüffeleien ist das Interesse an Datensicherheit rasant gewachsen – doch die Konkurrenz des Augsburger Startups schläft nicht.

Secomba ist Sieger des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs 2013. (zum vergrößern bitte anklicken) Quelle: Martin Hangen für WirtschaftsWoche

Wer den Programmierern des Startups Secomba in Augsburg über die Schulter blickt, sieht auf ihren großen Flachbildschirmen jede Menge Zeichensalat: „GfZZuih’?“ steht da, „76$%$gu6“ und „80ui=!*“.

Das Chaos ist gewollt: Die Mitarbeiter des Startups, die hier in Kapuzenpullis sitzen und in die Tastaturen hacken, entwickeln Verschlüsselungssoftware. Boxcryptor heißt das Programm, an dem das 14-köpfige Team aus Festangestellten und Werkstudenten arbeitet. Wer es auf PC oder Smartphone nutzt, kann Dateien mit einem Passwort verschlüsseln, bevor er sie übers Internet auf die Festplatten von Speicherdiensten wie Dropbox oder Google Drive in die sogenannte Cloud überträgt – die Datenwolke im Netz, auf die die Nutzer von unterwegs zugreifen können. Sobald die Daten über PC oder Smartphone wieder abgerufen werden, entschlüsselt Boxcryptor sie, ohne dass der Nutzer es merkt.

Die Nacht der jungen Unternehmer
Das Theater Kerhwieder im Hamburger Hafen. Hier feierten Veranstalter und Gründer gemeinsam die Preisträger. Quelle: Christian Martin für WirtschaftsWoche
v.l.n.r.: Ole Tillmann, Roland Tichy (WirtschaftsWoche) Quelle: Christian Martin für WirtschaftsWoche
Dr. Carsten Brosda (Leiter Amt Medien, Senatskanzlei Hamburg) Quelle: Christian Martin für WirtschaftsWoche
Matthias Hohensee (Korrespondent Wiwo) Quelle: Christian Martin für WirtschaftsWoche
Felix Swoboda (Mobile Event Guide) Quelle: Christian Martin für WirtschaftsWoche
Ulrich Dietz (GFT Technologies) Quelle: Christian Martin für WirtschaftsWoche
v.l.n.r.: Jens Tönnesmann (WirtschaftsWoche), Günter Faltin (Founder Teekampagne; Founder Stiftung Entrepreneurship) Quelle: Christian Martin für WirtschaftsWoche

„Wir schützen die Daten vor dem Zugriff von Dritten“, sagt Robert Freudenreich, der Secomba zusammen mit Andrea Pfundmeier gegründet hat. „Selbst wenn die Informationen Hackern oder Geheimdiensten in die Hände fallen sollten, bekommen die nur Zeichenmüll.“

Produkt der Stunde

Das Produkt der beiden Gründer verbreitet sich rasant – und zwar weltweit, wie Pfundmeier und Freudenreich anhand einer Landkarte zeigen, auf der es vor roten Punkten nur so wimmelt. Die Markierungen zeigen an, wo auf dem Globus Internet-Nutzer Boxcryptor vergangene Woche heruntergeladen haben, um damit ihre Daten zu verschlüsseln – ob Tagebücher oder Geschäftspläne, Urlaubsfotos oder Firmenpräsentationen. Die Umrisse von Europa und den USA sind unter den farbigen Flecken kaum noch zu erkennen, und auch in Ländern wie Kenia, Kolumbien oder Kasachstan finden sich rote Punkte.

Mehr als eine Million Menschen nutzen die Software bereits; darunter viele, die von der kostenlosen Basisversion auf das 36-Euro-Jahresabo umgestiegen sind. Zu den Kunden gehören Privatleute genauso wie eine große deutsche Hochschule oder ein Medizinerverband aus den USA.

Das meint die Jury

Freudenreich und Pfundmeier punkten mit ihrer Idee aber nicht nur bei Internet-Nutzern: Das Gründer-Duo konnte auch die Jury des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs überzeugen, der in diesem Jahr zum siebten Mal ausgeschrieben war. Das Gremium kürte das Startup aus Augsburg am Donnerstag im Rahmen des WirtschaftsWoche-Gründerkongresses Neumacher in Hamburg zum Sieger.

„Die Gründer befriedigen ein echtes Kundenbedürfnis und bringen alles mit, um in wenigen Jahren ein Marktführer im Bereich IT-Sicherheit zu werden“, lobten die Juroren (siehe Kasten Seite 88). Secomba sei eine „Startup-Perle“ und die Software Boxcryptor das „Produkt der Stunde“.

Massives Interesse

Gründerpreis 2013: Die Finalisten
Brooklyn-SoapDas Hamburger Startup will mit Naturkosmetika wie Duschgel und Shampoo Konsumenten erreichen, die nach Meinung der Gründer von etablierten Herstellern eher ignoriert werden: den „modernen urbanen Mann“, wie Felix Ermer es formuliert. Ermer gründete das Unternehmen 2012 mit Jonas Hillebrecht und Viktor Dik. Das Trio will seine Produkte vorerst im Online-Handel, künftig auch über ausgewählte Läden vertreiben. bklynsoap.com Quelle: Presse
ChangersMarkus Schulz und Daniela Schiffer wollen die Welt verändern, den Klimawandel aufhalten und die Energiewende beschleunigen – mit Maroshi, einem Solarpanel zum Stromerzeugen, und Kalhuohfummi, einem Akku zum Stromspeichern. Wer damit sein Smartphone oder Tablet auflädt, sammelt Bonuspunkte, die sich in Ökoprodukte eintauschen lassen. Mit den bisher verkauften Geräten haben die Kunden des Startups bereits eine halbe Million Wattstunden Strom erzeugt. changers.com Quelle: Andreas Chudowski für WirtschaftsWoche
Pflegeschule.deDeutschland im Jahr 2030: Rund 3,4 Millionen Pflegefälle leben hier – rund eine Million mehr als heute. Doch viele Betroffene und Angehörige wissen nicht, welche Leistungen ihnen zustehen. Clemens Meyer-Holz, Timo Heinemann, Oliver Diestel, Alexander Hohl und Philipp Zell haben das Online-Portal Pflegeschule ins Leben gerufen, das Hilfe bietet. Das Startup aus Oldenburg arbeitet mit gewerblichen Partnern zusammen und erhält Provisionen. pflegeschule.de Quelle: Presse
IognosRekord: 2013 werden in Deutschland rund 26 Millionen Smartphones verkauft. Das Münchner Startup Iognos will über die Mobiltelefone Daten erheben und Vorhersagen treffen – im Auftrag von Unternehmen, Behörden, Parteien. Wer an Umfragen teilnimmt und seinen Datenstrom anonymisiert zur Verfügung stellt, wird belohnt. Das Gründerteam ergänzt sich gut: Jörg Blumtritt ist Marktforscher, Kira Nezu und Michael Reuter führen eine App-Agentur und Yukitaka Nezu ist erfahrener Investmentmanager. iognos.com Quelle: Presse
KontextRRund 6,4 Milliarden Euro haben Unternehmen 2012 in Online-Werbung investiert. Weil sich klassische Werbeformate wie Banner auf Smartphones aber nicht gut anzeigen lassen, hat das Münchner Startup KontextR um Gründer Chris Eberl eine neue Werbeform entwickelt. Dabei werden an Schlüsselwörtern Symbole eingeblendet, die Nutzer auf Angebote von Unternehmen leiten sollen. Die ersten Kampagnen auf großen Web-Seiten sind bereits umgesetzt. Quelle: Rudolf Wichert für WirtschaftsWoche

Zum einen, weil auch Laien das Programm ohne großen Aufwand installieren können. Zum anderen, weil es den Nerv der Zeit trifft, seit der Amerikaner Edward Snowden Anfang Juni begonnen hat, geheime Dokumente des US-Geheimdienstes National Security Agency (NSA) zu veröffentlichen. Die Dokumente zeigen, wie vor allem die USA das Internet überwachen, Nutzerdaten auf Vorrat speichern und sogar das Mobiltelefon von Bundeskanzlerin Angela Merkel regelmäßig abhörten. Oder, wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, aus internationalen Rechenzentren von Google und Yahoo Millionen von Nutzerdaten abfischen.

Enthüllungen wie diese, die zuletzt fast täglich publik wurden, sorgten dafür, dass das Vertrauen der Deutschen in Internet-Dienste und Institutionen in sich zusammenfiel. Nur noch rund ein Drittel der Befragten erklärte in einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom im Juli, staatlichen Behörden beim Datenschutz im Netz zu vertrauen – zwei Jahre zuvor waren es noch mehr als die Hälfte. Zwei von drei Befragten befürchten außerdem, dass ihre Daten im Netz nicht sicher sind. Wo sich die Deutschen bisher im guten Glauben auf Staaten und Konzerne verlassen haben, wuchert nun Skepsis.

Robert Freudenreich und Andrea Pfundmeier hilft das: Sie hatten just am Tag vor den ersten Enthüllungen Snowdens die neue Version ihrer Software ins Netz gestellt. Plötzlich erlebte das Gründerduo einen Besucheransturm: Binnen Tagen wurde die Software zigtausendfach heruntergeladen, die Zahlen stiegen kontinuierlich um bis zu 40 Prozent pro Monat.

Boombranche IT-Sicherheit: Wie die Nachfrage nach IT-Sicherheitsgütern. (zum vergrößern bitte anklicken)

„Wofür unsere Software gut ist“, sagt Secomba-Gründer Freudenreich, „müssen wir jetzt niemandem mehr erklären.“

Vor allem größere Unternehmen dürften durch die NSA-Affäre gewarnt sein und sich nach neuen Sicherheitslösungen für ihre IT umsehen. Davon ist Michael Waidner überzeugt, Professor für IT-Sicherheit an der TU Darmstadt. „Seit der NSA-Affäre hat das Interesse der Industrie an IT-Sicherheitstechnik massiv zugenommen.“

Was für Secomba nicht nur weiter steigende Nachfrage nach ihren Produkten bedeuten könnte. Sondern auch mehr Konkurrenz. Um von der allgemein gestiegenen Sensibilität für das Thema Datensicherheit zu profitieren, werden wohl auch etablierte Softwarehersteller, Speicherdienste oder andere Startups versuchen, Verschlüsselungsprogramme anzubieten.

Standortvorteil Deutschland

Dass gerade Gründer auf dem Markt für IT-Sicherheit gute Karten haben, legt eine aktuelle Studie des Bundeswirtschaftsministeriums nahe: Demnach gibt es in Deutschland zahlreiche kleine Unternehmen, die technologisch bessere Produkte anbieten und ein besseres Ansehen genießen als ihre Wettbewerber im Ausland.

"Wir wollen den Durchbruch selbst schaffen!“

Die besten Standorte für Startups
Platz 17: Berlin Quelle: dpa
Platz 10: Moskau Quelle: dpa
Platz 9: Bangalore Quelle: Reuters
Platz 8: Sao Paulo Quelle: Reuters
Platz 7: Singapur
Platz 6: Los Angeles Quelle: AP
Platz 5: Tel Aviv Quelle: Reuters

Gabriel Yoran kann das nur bestätigen. Der 35-Jährige ist Gründer und Chef des Berliner Unternehmens Steganos, das seit 1997 Sicherheitssoftware vertreibt. Er wirbt inzwischen offensiv mit dem Label made in Germany. Das könnte auch Innovo Cloud tun: Das Startup aus Eschborn entwickelt sichere virtuelle Rechenzentren für Mittelständler. Abusix aus Karlsruhe will für mehr Sicherheit und weniger Spam in Netzwerken sorgen, Secucloud aus Hamburg entwickelt Systeme, die vor Cyber-Angriffen schützen sollen. Und Tutao aus Hannover bietet einen Dienst an, mit dem sich E-Mails verschlüsseln lassen.

Am Geld sollten diese Geschäftsideen derzeit eher nicht scheitern: „Auch Investoren haben das Thema IT-Sicherheit entdeckt“, sagt Ammar Alkassar. Der Kryptografie-Experte engagiert sich im Vorstand des deutschen IT-Sicherheitsverbands Teletrust und in der Exportinitiative IT-Security Made in Germany. Im Jahr 2000 gründete er das Unternehmen Sirrix. Es hat unter anderem eine Technologie entwickelt, mit der sich Festplatten von Notebooks verschlüsseln lassen. „Als wir gestartet sind, haben wir uns noch die Füße nach Geldgebern wundgelaufen“, sagt Alkassar. „Heute kriegen wir Investorenanfragen aus der ganzen Welt, und auch anderen jungen Unternehmen geht es so.“

Das war nicht immer so: Für Mario Grobholz etwa kam die NSA-Affäre etwas zu spät. Er hatte schon 2009 den Dienst Secureme gegründet, der Nutzern des sozialen Netzwerks Facebook beim Schutz ihrer Daten hilft. Eine nützliche Sache, die aber damals nicht ganz leicht zu verkaufen war – denn ein gutes Sicherheitsprodukt laufe eben unauffällig im Hintergrund und sei nicht besonders unterhaltsam, sagt Grobholz. Er und sein Mitgründer schlitterten knapp an der Insolvenz vorbei und verkauften Secureme dann an Avast, ein Prager IT-Unternehmen.

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Auch die Secomba-Gründer hätten ihr Startup versilbern können. Kaum gestartet erhielten sie eine Kaufofferte (siehe Gründertagebuch). Doch die beiden lehnten ab. „Keine leichte Entscheidung“, sagt Andrea Pfundmeier. „Aber wir wollen den Durchbruch selbst schaffen!“

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