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Gute Vorsätze Anleitung für alle Sich-Selbst-Anstubser

Mehr Zeit für die Kinder? Endlich Abteilungsleiter? Dreimal die Woche Sport? Was nehmen wir uns vor für 2013? Ein paar Tipps und ein paar polemische Gedanken zum Jahreswechsel.

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Mindfulness Daily Quelle: Fotolia

Jungfräulich ist das neue Jahr, unbefleckt und rein. Ist das nicht ein herrliches Gefühl? Noch ist kein guter Vorsatz auf der Strecke geblieben; noch haben wir uns nicht mangelnde Konsequenz vorzuwerfen. Im Gegenteil: In diesen ersten Stunden des jungen Jahres werden wir das Gefühl der eigenen Großartigkeit gar nicht mehr los. Unser Restleben liegt wie ein unbeschriebenes Buch vor uns, ein Buch, das nur darauf wartet, vollgeschrieben zu werden mit Geschichten,  die wir einmal gerne über uns lesen wollen, dereinst, wenn dieses Leben sich dem Ende zuneigt.

Heute Abend werden wir fernsehen, okay, aber nur den Tatort und die Nachrichten, wie mit uns abgemacht. Wir haben mit den Kindern gespielt, fünfmal Obst und Gemüse gegessen und den SUV noch nicht bewegt. Wir haben mal wieder gemerkt, dass der Lebenspartner blendend aussieht, noch dazu ein netter Mensch ist (und ihm das sogar gesagt). Und erste Notizen haben wir natürlich schon eingetragen in unser neues Tagebuch, das wir immer schon mal schreiben wollten (und diesmal auch bestimmt zu Ende führen). Es wird so spannend sein, in zwei, drei Jahrzehnten nachzulesen, was man einmal so getrieben, gefühlt, gedacht hat: mit den Freunden, über die Kollegen, den neuen Italiener und natürlich die Staatsschuldenkrise.

Diese Neujahrsvorsätze sind zum Scheitern verurteilt
Entrümpeln Quelle: dpa
Kater Quelle: Fotolia
Soziale Netzwerke Quelle: dpa
Gehaltsverhandlung Quelle: Fotolia
Freunde Quelle: dpa
Zigarettenkippen Quelle: AP
Wasser sparen Quelle: dpa

Vom Einverstandensein mit sich selbst

Ach, könnte das neue Jahr nicht nur einen Monat dauern? Dann ließe sich all die wundervolle Harmonie dieser ersten Stunden, dieses Gefühl des Einverstandenseins mit sich selbst vielleicht sogar auf Dauer stellen. Dann hätten all unsere erhebenden Selbstversprechen wenigstens eine Chance, auch unseren Alltag zu erhellen. Alles Mühen, Streben, Sehnen wäre gleichsam eingebettet in einen Zeithorizont, der unsere Selbstdisziplin nicht überfordern und uns ein gelingendes Leben ermöglichen würde. Mehr Anstrengung und Erfolg im Beruf, mehr Disziplin in punkto Gesundheit, mehr Zeitverbringung mit der Familie, mehr Verzicht, was Alkohol und fette Speisen anbelangt - das alles lässt sich einen Monat - oder fastenzeitliche sechs Wochen - lang bewältigen, aber seien wir ehrlich: Unserem Leben ein ganzes Jahr lang eine andere Richtung geben, das überfordert uns.

Man kann daraus nun drei Konsequenzen ziehen. Erstens: Man ändert gar nichts, akzeptiert seine Mittelmäßigkeit, seine Schwächen, lernt sie zu akzeptieren wie einen langjährigen Partner, der nie den Müll runter trägt und die Klorolle immer falsch herum einhängt, will sagen: Man lebt weiter in einem eheähnlichen Verhältnis zu sich selbst. Zweitens: Man entschließt sich zu einem superhumanen Dasein a) der dionysischen  Selbstverausgabung (in der Kunst, in der Ausschweifung) oder b) des asketisch-appollinischen Hochgefühls (im Gebet, im Verzicht, im Eremitendasein), das heißt: Man gibt seinem Leben eine radikale Wende, zieht hinaus in die weite Welt oder zieht sich zurück in Geist und Gedanken, führt das kurze, schnelle Leben eines Rockstars oder das lange, weise eines Eremiten. 

Digitales Self-Nudging

Zehn Entscheidungsfallen, in die wir regelmäßig tappen
Spontan macht großzügigWer spontane Entscheidungen trifft, ist spendabel – wer dagegen lange zögert, neigt eher zur Knausrigkeit. Das fanden Forscher der Universität Harvard in einer Studie mit 2000 Teilnehmern heraus. In einem Experiment wurden die Probanden in Vierergruppen eingeteilt und sollten jeweils Geld in einen Topf werfen. Das wurde später verdoppelt und auf alle Gruppenmitglieder aufgeteilt. Die Personen, die ihr Geld schneller in die Gemeinschaftskasse warfen, gaben in der Regel auch mehr Geld  ab als diejenigen, die sich mit ihrer Entscheidung länger Zeit ließen. Quelle: Fotolia
Weniger ist manchmal mehr Wer bei seinen Kaufentscheidungen zwischen einer großen Auswahl an Produkten wählen kann, wird mit seiner Entscheidung am Ende nicht unbedingt glücklicher sein. Das Phänomen beschreibt Verhaltenspsychologe Barry Schwartz oft am Beispiel des Jeans-Kaufs. Wer vor einer riesigen Auswahl an Jeans mit verschiedenen Farben und Schnitten steht, hat es schwer die richtige zu finden. Zum einen dauert die Entscheidung deutlich länger als bei einer kleinen Auswahl, zum anderen kommen zu Hause die Selbstzweifel: Habe ich das richtige Model gewählt, gibt es vielleicht bessere? Ähnliches passiert in Restaurants mit umfangreichen Speisekarten. Studien zeigen, dass Kunden im Supermarkt mehr kaufen, wenn die Auswahl kleiner ist. Quelle: REUTERS
Actionspiele beeinflussen Entscheidungen positivVerhaltensforscher der Universität Rochester haben herausgefunden, dass Actionspiele dabei helfen, Entscheidungen schnell und korrekt zu treffen. Die Spieler können der Studie zufolge besser einschätzen, was um sie herum vorgeht. Das hilft im Alltag beim Autofahren oder anderen Multitasking-Situationen. Probanden der Studie waren 18 bis 25-Jährige, die nicht regelmäßig spielten. Quelle: dpa
Sport macht effektivÄhnlich positiv wirkt sich Sport auf Entscheidungen aus. Wer sich im sportlichen Wettkampf gegen den Gegner durchsetzen will, muss schnelle Entscheidungen treffen. Eine Studie an 85 Handballern zeigte, dass deren Aktionen umso effektiver waren, je weniger Zeit sie vorher zum Nachdenken hatten. Quelle: dpa
Wahl nach ÄußerlichkeitenVersuchen zufolge hängen Wahlentscheidungen stark von der äußeren Erscheinung des jeweiligen Politikers ab. In einer Studie beurteilten die Testpersonen Wahlplakate aus der Schweiz. Obwohl sie nichts über die Politiker wussten, sondern nur ihr Aussehen kannten, trafen sie insgesamt fast die gleiche Wahlentscheidung wie die echten Wähler.   Quelle: dpa
Bequemlichkeit für mehr Gesundheit Wer sich vornimmt, im neuen Jahr, ab morgen oder nächster Woche endlich gesünder zu essen, wird voraussichtlich scheitern: Denn nur wenn gesünder auch gleichzeitig bequemer heißt, ist das Vorhaben erfolgversprechend. Ist die Salatbar näher als das Nachspeisenbuffet, greifen mehr Menschen zur Tomate. Schließt die Tür des Aufzugs sehr langsam, benutzen mehr Leute die Treppe. Dies zeigten Versuche an der Universität Cambridge.  Quelle: Creative Commons-Lizenz
Sohn zur Mutter, Tochter zum VaterBei der Partnerwahl lassen sich Menschen offenbar stark von ihrer Familie beeinflussen. Einer Studie der ungarischen Universität Pécs zeigt, dass Männer sich gerne für Lebenspartnerinnen entscheiden, deren Gesichtszüge denen der Mutter ähneln. Andersherum wählen Frauen gerne Männer, in denen sich der Vater wiedererkennen lässt. Quelle: dpa

Drittens: Man bedient sich bei seinen Änderungsvorhaben technischer Hilfsmittel, die unseren hochfliegenden Optimierungs- und Besserungsvorhaben durch eine Art digitales Self-Nudging dauerhaft Flügel verleihen. Wie bitte? Self-Nudging? Was soll’n das sein? Also: Der Begriff Nudge wurde 2008 von einem amerikanischen Autorenduo (Richard Thaler, Cass Sunstein) erfunden. Er lässt sich am besten mit “Stubs” übesetzen. Dahinter steht der, pardon: perverse Gedanke einer liberalen Gesellschaftssteuerung, der hierzulande in allen politischen Parteien eine glänzende Karriere hingelegt hat: Nicht durch Verbote, Befehle und Gesetze (des bösen, bösen Staates) soll der Mensch des 21. Jahrhunderts dazu gebracht werden, sich selbst, den Mitmenschen und den überlasteten Sozialkassen ein innig Freund zu sein, sondern durch Anreize. Der Paternalismus wird den Bürgern sozusagen eingepflanzt, was natürlich nur dann glaubhaft geschehen kann, wenn man den Menschen nicht mehr als kühl berechnendes, auf seinen Vorteil bedachtes Rationalitätsmonster (homo oeconomicus) begreift, wie es uns der dominante, volksverblödende Zweig der Wirtschaftswissenschaften drei Jahrzehnte lang weismachen wollte, sondern im Gegenteil: wenn man den Menschen zu einem bloßen Opfer neuronaler Prozesse degradiert, zu einer instinktgesteuerten Reizreaktionsmaschine, die sich ihrer Vernunft nicht wirklich bedienen kann. 

Primärsinnliche Impulse

Der gesellschaftliche und anthropologische Fortschritt des Nudging ist ganz unzweifelhaft. Steht beispielsweise der Mann bei der Erledigung der allerkleinsten seiner Alltagsgeschäfte an einem Urinal, haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, so landet dabei 80 Prozent weniger Urin auf dem Flurboden, wenn sich im Auffangbecken des Urinals das Abbild einer Fliege zeigt - und der dressierte Mann diese Fliege beim Urinieren gezielt ansteuert. Na, überzeugt? Vielleicht hilft Beispiel zwei: Stehen in der Betriebskantine Äpfel, Birnen und Bananen (statt Muffins und Schokoriegel) in Sichthöhe und Greifnähe des wartenden Kunden, steigt die Qualität der Mitarbeiterernährung sprunghaft an, weil der gemeine Angestellte gar nicht anders kann, als seinen primärsinnlichen Impulsen zu folgen.

Das digitale Self-Nudging überträgt die trivialpsychologischen “Erkenntnisse” der neuerdings zu “Behavioristen” geadelten “Wissenschaftler” auf die private Ebene. Das hat den Vorteil, dass auch Menschen wie Sahra Wagenknecht sich nicht mehr wie Opfer einer Verführungsindustrie vorkommen müssen, die uns Willenlose dazu bringt, laufend bei McDonalds einkehren und stets das neueste IPhone erwerben zu wollen, im Gegenteil: Die Konformismus-Diktatur der Großkonzerne hat dank des digitalen Self-Nudgings ein Ende, weil wir uns nicht mehr dressieren lassen, sondern dazu übergehen, uns freiwillig selbst zu dressieren.

Dialektik der Freiheit

So geht es der Winterdepression an den Kragen
Licht ist wichtigDie Wintertage sind in Mitteleuropa kurz. Wer kann, sollte die wenigen hellen Stunden am Tag nutzen und so viel Licht wie möglich tanken. Zu wenig Helligkeit ist meist der Grund für Winterdepressionen, der Körper stellt sich schneller auf das Schlafen ein und produziert verstärkt das Schlafhormon Melatonin. Schon ein kleiner Spaziergang hilft, sogar an Schlecht-Wetter-Tagen. Sogar dann liegt die Lichtstärke draußen noch bei 2000 Lux. In beleuchteten Räumen ist es zwischen 500 und 600 Lux hell. Im Norden Europas, wo es bekanntlich noch dunkler ist, versuchten Stockholmer Gastronomen aus dem Lichtmangel eine Geschäftsidee zu schlagen und eröffneten das sogenannte Lichtcafé. Hier saß man in grellem UV-Licht und genoss seinen Cappuccino. Richtig rentiert hat sich die Idee nicht. Das Café musste inzwischen wegen zu hoher Mieten geschlossen werden. Quelle: dpa
LachenLachen ist mit die beste Medizin gegen den Winterblues. Studien haben gezeigt, dass beim Lachen Serotonin also Glückshormone ausgeschüttet werden. Das regt die Selbstheilungskräfte des Körpers an. Am besten trifft man sich mit Freunden auf einen Spieleabend, schaut sich eine Komödie im Kino an oder besucht mal wieder das Kabarett. Das hilft. Quelle: dpa
SportSport hält nicht nur fit, Sport macht gute Laune. Durch die Bewegung kommt der Stoffwechsel in Schwung. Der Körper schüttet Hormone wie Endorphin, Dopamin und Serotonin aus. Das macht gute Laune. Doch Vorsicht: Wer im Winter gerne Sport treibt, sollte ein paar Regeln beachten. Diese finden sie hier. Quelle: dpa
Ab ins WarmeWer einen tropischen Indoor-Garten in seiner Stadt hat (wie hier im Leipziger Zoo), sollte die Gelegenheit nutzen und ein bisschen Wärme tanken. Das tut den Knochen und der Seele gut. Quelle: dpa
Beauty-TagWenn es draußen schon grau und hässlich ist, kann man doch wenigstens etwas für die eigene Schönheit tun. Eine vitaminreiche Maske sorgt für Entspannung, reinigt die durch Heizungsluft geplagte Haut und versorgt sie mit Feuchtigkeit. Quelle: AP
Wellness purSich einmal richtig durchkneten lassen - der Winter ist genau die richtige Zeit für das Verwöhnprogramm. Dabei bietet sich sowohl die schnelle halbstündige Massage in der Mittagspause als auch der Besuch einer Saunalandschaft oder eines Dampfbades an. Quelle: dpa/dpaweb
ShoppingDem grauen Tag einen bunten Schal entgegen setzen, so macht Winter Spaß. Frei nach dem Motto "Gönn dir was" ist shoppen in der Winterzeit eine gute Alternative, um aus dem Haus zu kommen. Am besten lässt es sich in beheizten Malls einkaufen - und das, wenn möglich unter der Woche, wenn die Läden nicht ganz so überlaufen sind. Quelle: dpa

Anders gesagt: Der Mensch der Zukunft ist ein technisch versierter Sich-Selbst-Anstubser. Er lässt sich nicht vom schieren Überangebot einer bunten Warenwelt lenken und auch nicht von schön verpackten Worten seines Chefs beeinflussen, nein: er lenkt und beeinflusst sich selbst, auto-gesteuert durch die Verinnerlichung einer Moral der ständigen Optimierung, die ihn, appgesteuert, ständig daran erinnert, seinem täglichen Pflichtprogramm nachzukommen. Dialektik der Freiheit! Das autonome Ich gewinnt seine Selbstbestimmung durch Selbstunterwerfung! Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich die entsprechenden Bestseller-Titel des Jahres 2013 vorzustellen. Sie werden zuerst in den USA erscheinen, versteht sich, und Namen tragen wie: “Self-Engineering - The freedom of digital slavery” oder “Ego-Enhancement - The Path to a captivating lifestyle” trägt.

Was genau aber ist mit digitalem Self-Nudging gemeint? Nun, vor allem die neuen, technischen Möglichkeiten der Selbstvermessung, neudeutsch: appgesteuertes Self-Tracking. Gewicht, Puls, Atem, Stuhlgang, Schlafrhythmus, Nahrungsaufnahme,  Stresslevel - alles lässt sich heutzutage auf Knopfdruck speichern, quantifizieren und in hübsch aufbereiteten Verlaufstabellen und Grafiken darstellen. Wer also immer schon mal wissen wollte, dass seine Tiefschlafphase am 21. November 2012 um exakt 13 Minuten kürzer ausfiel als einen Tag später, kann daraus den Rückschluss ziehen, dass das entweder mit dem späten Glas Rotwein zu tun hatte, das er damals unvernünftigerweise zu sich nahm oder aber mit der Tatsache, dass er im Fitness-Studie die halbe Stunde auf dem Laufband aussparte. Aber vielleicht muss er diesen Rückschluss nicht einmal mehr selbst ziehen: Es gibt ziemlich sicher schon eine Meta-App, die auch das noch für einen erledigt.

Kampf gegen Zeitfresser und Fremdbestimmung

Motivation durch Selbstvermessung?

Freilich, man kann sich fragen, wohin so eine Selbstvermessung führt. Die Optimierungsjünger der Internetplattform Quentiq zum Beispiel (Slogan: “It’s all about you”) , auf der man seine Arbeit am persönlichen Gesundheitsniveau (“currently jogging”) nicht nur dokumentieren, sondern seinen aktuellen “Health Score” (auf einer Skala von 0 bis 1.000) auch seinen registrierten Freunden mitteilen kann, schwärmen von Motivation und Selbstherausforderung, von wachsendem Gesundheitsbewusstsein und steigendem Wohlbefinden: Der ständige Abgleich mit Daten, das Tracking seiner Aktivität (und Nicht-Aktivität), so das Versprechen, führen zu einem selbst-bewussteren Lebensstil. 

Was aber, wenn man sich zu hohe Ziele setzt, seinen eigenen Ansprüchen nicht genügt - und man dank der Technik täglich daran erinnert wird, was für ein großer Versager man ist? Wie wird die neue Volkskrankheit nach dem Burnout heißen? Etwa DAppressiv? Und was, wenn das Self-Tracking in die Hände von Krankenkassen gerät - beziehungsweise zurück in die Hände einer nudge-versessenen Politik, die sich dazu entschließt, das perfekte Leben ihrer Bürger wortwörtlich gesund zu rechnen? 

Schlimmer als die Schwiegermutter!

Diese Floskeln wollen wir nicht mehr hören
Jürgen Trittin, Spitzenkandidat von Bündnis 90/Die Grünen, verkündete über den Kurznachrichtendienst Twitter: " Ich werde für Fraktionsspitze nicht wieder antreten." Quelle: dpa
Auch Grünen-Chefin Claudia Roth erklärte: " Ich bin nicht zurückgetreten, sondern ich habe gesagt, ich werde nicht mehr antreten für die Neuwahl des Bundesvorstands." Sie glaube, dass dies ein gutes Signal für die anstehende Neuausrichtung der Partei mit Blick auf die nächste Bundestagswahl 2017 sei. Quelle: Reuters
Genauso klang die Rücktrittserklärung des Bundesvorsitzenden der Piratenpartei, Bernd Schlömer. Er verbreitete nach dem enttäuschenden Abschneiden der Partei bei der Bundestagswahl über Twitter die Botschaft: "Tschüß #Piraten! Das war es für mich. Ich ziehe mich zurück. Vielen Dank für 4 1/2 tolle Jahre im #BuVo." Quelle: dpa
FDP-Chef Philipp Rösler schwurbelte erstaunlich wenig, als er sagte, er wolle mit seinem Rückzug von der Parteispitze auch die Verantwortung für den „bittersten Abend“ nach einer Bundestagswahl übernehmen. Quelle: REUTERS
Der FDP-Landesvorsitzende Christian Lindner übernimmt auch nur deshalb den Parteivorsitz, weil er in dieser schwierigen Lage Verantwortung übernehmen wolle, „um die liberale Partei zu erneuern und bei der nächsten Bundestagswahl zurück ins Parlament zu führen.“ Quelle: dpa
"Es wird unsere Aufgabe sein, Vertrauen zurückzugewinnen", sagte Göring-Eckardt nach der ersten Sitzung der neuen Bundestagsfraktion in Berlin. Quelle: dpa
Und von Cem Özdemir, dem Vorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen stammt das gehaltvolle Statement: „Ein "Weiter so" wird es sicherlich nicht geben.“ Er ergänzte: „Dazu gehört eine personelle und eine inhaltliche Neuaufstellung.“ Quelle: dpa

Vor allem aber: Wer verrechnet die Ersparnisse der körperlich ertüchtigten Selbstoptimierer mit den Kosten, die diese Vitalen der Allgemeinheit durch den Dauerbesuch beim Psychologen auferlegen? Denn eines ist doch wohl klar: Die Apps mahnen uns vor allem, an unseren Restmängeln zu arbeiten: Sie sind das, was Sigmund Freud das Über-Ich nannte, eine digitale Form des schlechten Gewissens, die uns an all das erinnern,  was wir noch nicht geschafft haben: siebenmal wöchentlich Sport, dreimal täglich Zähneputzen (mit Zahnseide!), fünfmal Obst und Gemüse…. 

Und dann sollen wir uns noch eine App aufs Handy laden, die uns an die täglichen Alltagspflichten erinnert? Schauen Sie im Internet mal bei “Astrid” vorbei, dem “persönlichen Assistenten”, der sie in “lustiger” Weise daran erinnert, dass sie morgen Putzdienst haben und die Tochter vom Hort abholen müssen! Eine nützliche Organisationshilfe soll Astrid sein? Sie ist schlimmer als die sprichwörtliche Schwiegermutter!

So glücklich sind die Deutschen
Die Deutschen sind genauso glücklich - oder unglücklich - wie noch vor drei Monaten. Der gefühlte Wohlstand hat sich seit der ersten Berechnung des Wohlstandsindex vor drei Monaten nicht verändert; er steht nach wie vor bei 42 von 100 möglichen Punkten. Für die Analyse wurden 2000 Menschen ab 14 Jahren befragt. Der Index, den der Zukunftsforscher Horst Opaschowski und das Marktforschungsinstitut Ipsos entwickelt haben, will neben dem ökonomischen Status auch die Zufriedenheit der Deutschen messen. „Durch Deutschland gehen Wohlstands-Risse“, sagte Opaschowski. Der Ipsos NAWI-D ist ein Barometer, das die für die Deutschen wichtigen aktuellen Grundvoraussetzungen für den Wohlstand erfasst und auf der Annahme beruht, dass Glück auf vier Säulen beruht: ökonomischer Wohlstadt (sicher und ohne Geldsorgen leben), Ökologischer Wohlstand (naturnah und nachhaltig leben), gesellschaftlicher Wohlstand (frei und in Frieden leben) und individueller Wohlstadt (gesund und ohne Zukunftsängste leben). Quelle: dpa
Frauen sind glücklicherMänner favorisieren und leben ganz andere Wohlstandswerte. Sie fühlen sich erst richtig wohl, wenn sie ein sicheres Einkommen haben, Eigentum (Haus, Wohnung, Auto) besitzen und sich materielle Wünsche erfüllen können. Männer denken mehr an die Sicherung ihres Lebensstandards, Frauen eher an die Erhaltung ihrer Lebensqualität. Lebenswichtig ist offensichtlich beides – mit einem wesentlichen Unterschied: Lebensqualität trägt mehr zur Lebenszufriedenheit bei. Auch ein Grund dafür, warum jede zweite Frau (51 Prozent) von sich sagen kann: „Ich bin glücklich“ (Männer: 47 Prozent). Methode: Der quantitativen Hauptstudie mit 4000 Befragten, bei der Wohlstandsverständnis und Wohlstandswirklichkeit abgefragt wurden, beruhte auf einer qualitativen, vorgeschalteten Repräsentativstudie unter 1000 Befragten. Quelle: obs
GeldsorgenFür den Großteil der Befragten (75 Prozent) bedeutet ökonomischer Wohlstand, frei von finanziellen Sorgen zu sein. Dass das auf sie zutrifft, sagen allerdings nur 37 Prozent. Noch ganz so deutlich ist der Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit beim sicheren Einkommen: Das geben zweidrittel der Befragten als Maßstab für ökonomischen Wohlstand an, 46 Prozent - und damit nicht einmal jeder zweite Deutsche - sagen, dass das auf sie zutrifft. Nur 16 Prozent gaben an, dass für sie die Sicherheit des Arbeitsplatzes entscheidend ist - 34 Prozent immerhin halten den eigenen für sicher. Insgesamt fühlen sich demnach 42,2 Prozent im ökonomischen Wohlstand lebend. Aber: Zum Wohlstand heute gehört für mehr als die Hälfte der Bundesbürger im Alter bis zu bis 55 Jahren (53 Prozent), einen Beruf zu haben, „der Sinn macht“. Quelle: dapd
Umweltbewusst lebenÖkologischer Wohlstand ist den Befragten im Vergleich nicht so wichtig wie der ökonomische: Nur 18 Prozent gaben an, dass für sie das Verständnis von Wohlstand ist, in einer Welt zu leben, die gut mit der Natur umgeht, beziehungsweise selbst umweltbewusst (16 Prozent) zu leben. Ökologischen Wohlstand empfinden demnach 27,8 Prozent. Quelle: dpa
Meinungsfreiheit60 Prozent der Deutschen geben an, in einer Gesellschaft zu leben, in der die Meinung frei geäußert werden kann, als Wohlstandsmaßstab gaben das allerdings nur 29 Prozent an. Gesellschaftlicher Wohlstand bemisst sich für die meisten darin, in Frieden mit ihren Mitmenschen zu leben (30 Prozent), 65 Prozent sagen immerhin, dass das ihrer Lebenswirklichkeit entspricht. Nur jeder Vierte hat für sich das Gefühl in einer toleranten Gesellschaft zu leben, für nur 19 Prozent ist das indes ein Wohlstandsindikator. Gesellschaftlichen Wohlstand sehen demnach 53,4 Prozent der Befragten in ihrer eigenen Lebenswirklichkeit. Quelle: dpa-dpaweb
Geld für die medizinische VersorgungIhren individuellen Wohlstand bemessen die Deutschen zum Großteil (52 Prozent) darin, sich eine gute medizinische Versorgung leisten zu können und keine Angst vor der Zukunft zu haben, auf 42 Prozent beziehungsweise 35 Prozent (Zukunftsangst) trifft dies laut der Studie zu. Für jeden zweiten Befragten war der Aspekt, sich gesund zu fühlen ausschlaggebend für den individuellen Wohlstand, auf 49 Prozent trifft diese Wunschvorstellung gar nach eigener Aussage zu. 41,9 Prozent sehen sich demnach in individuellem Wohlstand. Quelle: dpa-dpaweb
Ein Frau hält einen Geldbeutel in Händen Quelle: dpa

Kutscher oder Esel?

Nun also: Was fangen wir mit dem dem neuen Jahr an? Wollen wir uns mit Apps optimieren? Uns dem Self-Nudging hingeben? Uns ständig steuern, verbessern - uns als Dompteure unserer selbst verstehen, als Kutscher unseres Lebens und als Esel zugleich, weil unsere Freiheit darin besteht, uns Möhren hinzuhalten, denen wir willenlos hinterherlaufen? Oder sollen wir vielleicht doch in 2013 eine Auszeit nehmen, die ausgenüchterte Moderne romantisieren durch eine Kündigung oder eine neue Geliebte, durch ein pralles Leben, ein Sabbatical, einen Klosterbesuch?

In Arbeit
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Ach was. Hören wir ganz einfach auf, uns so wichtig zu nehmen. Hören wir auf, unsere Normalität zu pathologisieren, unseren Arbeitsalltag als bloße Last zu empfinden, unsere Freizeit als Zufluchtsort zu verheiligen - und vor allem: unsere kleinen Schwächen immerzu ausmerzen zu wollen.

Hören wir auf, unseren Freunden und Kollegen ständig Erfolg, Kreativität und Vitalität anzudemonstrieren, gestehen wir uns unsere Schwächen zu, unsere kleinen Laster, unsere Niederlagen. Rüsten wir nicht jede Minute mit Effizienz zu, nehmen wir uns Zeit zu Langeweile und Faulheit. Denken wir daran, dass unser Leben 30.000 Tage zählt, 1.000 Monate - erstaunlich, so wenig. Üben wir also nicht Optimierung, Verzicht und quantifizierbares Self-Enrichment - üben wir unser Leben zu nehmen, wie es ist. 

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