Gute Vorsätze Anleitung für alle Sich-Selbst-Anstubser

Mehr Zeit für die Kinder? Endlich Abteilungsleiter? Dreimal die Woche Sport? Was nehmen wir uns vor für 2013? Ein paar Tipps und ein paar polemische Gedanken zum Jahreswechsel.

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Jungfräulich ist das neue Jahr, unbefleckt und rein. Ist das nicht ein herrliches Gefühl? Noch ist kein guter Vorsatz auf der Strecke geblieben; noch haben wir uns nicht mangelnde Konsequenz vorzuwerfen. Im Gegenteil: In diesen ersten Stunden des jungen Jahres werden wir das Gefühl der eigenen Großartigkeit gar nicht mehr los. Unser Restleben liegt wie ein unbeschriebenes Buch vor uns, ein Buch, das nur darauf wartet, vollgeschrieben zu werden mit Geschichten,  die wir einmal gerne über uns lesen wollen, dereinst, wenn dieses Leben sich dem Ende zuneigt.

Heute Abend werden wir fernsehen, okay, aber nur den Tatort und die Nachrichten, wie mit uns abgemacht. Wir haben mit den Kindern gespielt, fünfmal Obst und Gemüse gegessen und den SUV noch nicht bewegt. Wir haben mal wieder gemerkt, dass der Lebenspartner blendend aussieht, noch dazu ein netter Mensch ist (und ihm das sogar gesagt). Und erste Notizen haben wir natürlich schon eingetragen in unser neues Tagebuch, das wir immer schon mal schreiben wollten (und diesmal auch bestimmt zu Ende führen). Es wird so spannend sein, in zwei, drei Jahrzehnten nachzulesen, was man einmal so getrieben, gefühlt, gedacht hat: mit den Freunden, über die Kollegen, den neuen Italiener und natürlich die Staatsschuldenkrise.

Diese Neujahrsvorsätze sind zum Scheitern verurteilt
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Vom Einverstandensein mit sich selbst

Ach, könnte das neue Jahr nicht nur einen Monat dauern? Dann ließe sich all die wundervolle Harmonie dieser ersten Stunden, dieses Gefühl des Einverstandenseins mit sich selbst vielleicht sogar auf Dauer stellen. Dann hätten all unsere erhebenden Selbstversprechen wenigstens eine Chance, auch unseren Alltag zu erhellen. Alles Mühen, Streben, Sehnen wäre gleichsam eingebettet in einen Zeithorizont, der unsere Selbstdisziplin nicht überfordern und uns ein gelingendes Leben ermöglichen würde. Mehr Anstrengung und Erfolg im Beruf, mehr Disziplin in punkto Gesundheit, mehr Zeitverbringung mit der Familie, mehr Verzicht, was Alkohol und fette Speisen anbelangt - das alles lässt sich einen Monat - oder fastenzeitliche sechs Wochen - lang bewältigen, aber seien wir ehrlich: Unserem Leben ein ganzes Jahr lang eine andere Richtung geben, das überfordert uns.

Man kann daraus nun drei Konsequenzen ziehen. Erstens: Man ändert gar nichts, akzeptiert seine Mittelmäßigkeit, seine Schwächen, lernt sie zu akzeptieren wie einen langjährigen Partner, der nie den Müll runter trägt und die Klorolle immer falsch herum einhängt, will sagen: Man lebt weiter in einem eheähnlichen Verhältnis zu sich selbst. Zweitens: Man entschließt sich zu einem superhumanen Dasein a) der dionysischen  Selbstverausgabung (in der Kunst, in der Ausschweifung) oder b) des asketisch-appollinischen Hochgefühls (im Gebet, im Verzicht, im Eremitendasein), das heißt: Man gibt seinem Leben eine radikale Wende, zieht hinaus in die weite Welt oder zieht sich zurück in Geist und Gedanken, führt das kurze, schnelle Leben eines Rockstars oder das lange, weise eines Eremiten. 

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