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Handyfreie Zone Endlich wieder Ruhe im Alltag

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"Elektronisches Fasten"

„Elektronisches Fasten“, so hat Hotelier Christian Harisch erst jüngst zu Protokoll gegeben, sei ein „großes Thema“ für den Lanserhof, der ein Bollwerk sein will gegen die Beschleunigung des Lebens, eine Gegenwelt zum digitalen Stress. Die Zimmer und Suiten haben „natürlich“ WLAN, „nicht atemraubend schnell“, wie der stellvertretende ärztliche Direktor Dr. Jan Stritzke hinzufügt, aber in öffentlichen Bereichen, auch in den medizinischen Räumen, seien Handy und Laptop „unerwünscht“: Auf den Tischen der Lobby werden die Gäste mit einem durchgestrichenen Handy diskret daran erinnert.

Leibarbeit: ranthal, Chef des Meditationshauses, vorm Zen-Garten. Quelle: Meditationshaus St. Franziskus

Der Hinweis wird von vielen, nicht von allen respektiert. Stritzke hat schon erlebt, dass Gäste beim ärztlichen Gespräch am Smartphone spielten, andere hingegen sind zehn Tage lang „komplett offline“. Nach drei Tagen gehen sie durch die obligate Kurkrise, haben Kopfschmerzen, schlafen schlecht und fragen sich: „Warum mache ich das überhaupt?“ Andere, die es gewohnt sind, im Mittelpunkt der Party zu stehen, kommen sich plötzlich bedeutungslos vor, haben Angst vor der Stille, ziehen reflexartig ihr Handy oder beschweren sich: Warum das Internet auf dem Zimmer so schlecht sei? Und überhaupt: Was man hier tun könne?

Entscheidend sei, so Stritzke, dass man mal nicht an das „nächste Geschäftsessen“ denkt – und „die Leere zulässt“. Dann, spätestens nach vier Tagen, komme die „große Klarheit“, stiegen neue Einsichten auf, womöglich Visionen, die das Leben verändern können, beruflich und privat. Nicht zufällig, so Stritzke, erinnere die Architektur des Lanserhofs mit seinem quadratischen Innenhof an ein Kloster: Sie schafft einen abgeschirmten, kontemplativen Gegenraum des Luxus-Wellness-Kults.

Nur die richtige Entspannung führt zum Erfolg
Leute stehen zusammen und trinken Kaffee und Wasser Quelle: Robert Kneschke - Fotolia.com
Eine Familie beim Spaziergang Quelle: dpa
Eine Frau dehnt sich hinter dem Schreibtisch. Quelle: Robert Kneschke - Fotolia.com
Eine Frau scheint tief einzuatmen. Quelle: fizkes - Fotolia
Eine To-Do-Liste Quelle: Bjoern Wylezich
Zwei Rennradfahrer Quelle: Kzenon - Fotolia.com

Wer will, kann in Dietfurt im Altmühltal das Original erleben, in seiner vollen Sommerschönheit: Schon der ummauerte Garten des 1660 gegründeten Franziskanerklosters ist eine „gegen den Rest der Welt abgeschlossene Idealnatur“, ein „Realbild des Paradieses“, wie ein Gast es formuliert hat, der sich hier vor ein paar Jahren in Zazen übte, einer Spielart der Zen-Meditation: eine Woche sitzen, schweigen, schlafen. Ohne Handy unter der Bettdecke. Ohne Buch und Fernsehen. In spartanisch eingerichteten Zimmern. Auch wer nach Dietfurt kommt, um nach den Regeln der Zen-Meditation (sechs Tage ab 422 Euro) oder der christlichen Kontemplation in die Stille zu finden, erlebt seine Krise.

Das Schweigen und Meditieren sei „anstrengend“, sagt eine Kölner Werbedesignerin, das Sitzen tue „weh“, nach den ersten Tagen sei man „kaputt“: „Und dann gehen einem ständig Dinge durch den Kopf, es bricht alles hervor, ein Ansturm von Gedanken, dem man ausgeliefert ist, manchmal weint man sogar, ein befreiendes, reinigendes Weinen.“

Eine „Pause vom Rennen“, um danach schneller mitrennen zu können? Das Kloster als „Fitmacher“ und spirituelle Wohlfühlzone? Regeneration sei nur ein „Nebenprodukt“, sagt Othmar Franthal. Der 62-jährige Leiter des Meditationshauses St. Franziskus in Dietfurt erinnert an die Wüstenväter, die sich von der Welt zurückzogen, um „den Ursprung des Ganzen der Welt“ zu erfahren. Damit redet Franthal nicht dem Eskapismus das Wort: Der Weg in die Stille führe, wie eine Zen-Weisheit sagt, auf den „Marktplatz des Lebens“. Wenn Franthal zur Einführung des Zen-Kurses sagt: „Das Handy bleibt ausgeschaltet“, dann geht es ihm um „heilsame Reduktion“. Der Verzicht dient der Einübung des „richtigen“ Lebens, das verschüttet ist unter den Automatismen des Alltags.

Die Kursteilnehmer sollen „gesammelt werden aus der Zerstreuung“, „zurückgeschmissen werden auf sich selbst“, um sich dem „Unsagbaren“ zu öffnen: „Wer bin ich wirklich? Wohin gehe ich? Ist da etwas, das von mir bleibt, wenn alle Rollen abfallen?“

Leicht ist das nicht. Es kann Angst machen, die Kontrolle zu verlieren, sagt Franthal, „dabei merken viele nicht, dass da letztlich nichts zu kontrollieren ist oder dass sie die Kontrolle längst verloren haben“. Dietfurt bietet hier die Chance zur Ein- und Umkehr.

Ein IT-Manager etwa hatte beim ersten Kurs zwei Handys dabei, beim zweiten nur noch eins, beim dritten keines mehr. Für einen Unternehmer begann mit dem Zen-Kurs eine „neue Zeitrechnung“: Er verkaufte seine Firma und begann ein Philosophiestudium. Zu den Dietfurter Lektionen gehört es, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Möglichst radikal. „Versuch’s vom Totenbett aus zu sehen“, rät Franthal, „das ist wie ein Kompass, der die Richtung des Lebens anzeigt, er kann helfen herauszufinden, worum es wirklich geht.“

Das tun Führungskräfte für ihre Gesundheit
Grillwurst Quelle: dpa
vegetarische Suppe Quelle: dpa Picture-Alliance
Vitaminpillen auf einem Löffel Quelle: dpa
drei Leute joggen Quelle: dpa
Zigaretten Quelle: dpa
Frauen in einer Saune Quelle: dpa Picture-Alliance
Menschen machen Yoga am Times Square Quelle: AP

Daran erinnert die Uhr im Speisesaal mit der lateinischen Aufschrift „una ex his tua“ – „eine von diesen Stunden wird deine sein“. Mit Memento mori schmeckt es nicht nur besser, die Vergänglichkeitsmahnung lehrt auch, die Dinge zu sehen, „wie sie sind“.

Die Zen-Kurse in Dietfurt sind auf Monate ausgebucht, die Wartelisten lang. Ob das Meditationshaus Luxus sei? Franthal sieht es als „Notwendigkeit“. Nach fünf Tagen strenger „Leibarbeit“, mit schmerzenden Beinen und Rückenwirbeln, erzählt er, würden die Leute manchmal am plätschernden Gartenbrunnen stehen, die Tränen fließen, und selbst ein einfacher Glockenschlag vom Kirchturm könne sich so anhören, „als wären alle Symphonien Beethovens darin eingeschlossen“.

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