WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

50 Jahre "Bildungskatastrophe" Studium für alle ist ein Holzweg

Seite 2/2

Die bisherige OECD-Position ist unhaltbar

Das sind die besten deutschen Unis
Rang 1: Universität von Oxford Quelle: Creative Commons/Bill Tyne
Platz zehn: Uni Bonn Quelle: Universität Bonn, Dr. Thomas Mauersberg
Platz neun: Universität in Tübingen Quelle: dpa
Platz acht: Technische Uni Berlin Quelle: dpa
Platz sieben: Freie Universität Berlin Quelle: dpa/dpaweb
Platz sechs: Universität Freiburg Quelle: dpa/dpaweb
Platz fünf: Rheinisch-Westfaelische Technische Hochschule (RWTH) Aachen Quelle: dpa

Dabei handelt es sich hier um eine ganz überwiegend schulische Berufsausbildung mit einem sehr geringen Praxisanteil von etwa 18 Wochen, die gleichwohl zur Aufnahme jedes Studiums an einer öffentlichen Universität berechtigt. Dort aber findet nach dem ersten Studienjahr eine scharfe Auslese statt, die für viele Studenten bereits das Aus bedeutet. Und wer wirklich Karriere machen will, muss eine der Elitehochschulen mit zweijährigem Vorbereitungskurs und eigenen strengen Aufnahmeprüfungen absolvieren.

Auch der ökonomische Effekt dieser „Demokratisierung“ ist äußerst fraglich. 2006 unterzog die Bildungssoziologin Marie Duru-Bellat in ihrem Buch „L’inflation scolaire“ das Dogma einer kritischen Revision. Ihre international vergleichende Analyse brachte keinen Anhaltspunkt dafür, dass die Ausdehnung des Schulbesuchs in den entwickelten Ländern zum wirtschaftlichen Wachstum oder zur Senkung von Jugendarbeitslosigkeit beiträgt. In historischer Perspektive zeigte sich vielmehr, dass die Verlängerung der Ausbildung in Frankreich seit den 1970er Jahren mit steigender Jugend­arbeitslosigkeit einherging. Dieser Befund wird durch neuere Zahlen bestätigt. Seit 2004 liegt die Erwerbslosigkeit der 15-24-Jährigen in Frankreich stets über 20 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie in der Bundesrepublik heute. Das Volkseinkommen pro Kopf ist dagegen fast 10 Prozent niedriger als in Deutschland.

Auf der anderen Seite gibt es in Europa Länder, deren Abiturienten- und Akademikerquoten wie die Deutschlands unter dem OECD-Durchschnitt liegen, nämlich Österreich und die Schweiz. Dort hat stattdessen das duale System der Berufsausbildung einen hohen Stellenwert. Eine weitere Gemeinsamkeit dieser Länder besteht darin, dass sie die niedrigste Jugend­arbeitslosigkeit in Europa aufweisen. In Österreich betrug sie 2013 wie in Deutschland etwa 8 Prozent (bei einem EU-Durchschnitt von 23,3), in der Schweiz gar nur 3,5 Prozent. Das Volkseinkommen pro Kopf lag 2010 in Österreich um 3,5 Prozent, in der Schweiz sogar um 22 Prozent über dem Deutschlands, das wiederum klar vor den südeuropäischen Staaten rangierte. Deutschlands südliche Nachbarn schaffen das mit deutlich niedrigeren Abiturienten- und Hochschulabsolventenquoten. In Österreich lag die Maturitätsquote 2010 bei 40 Prozent eines Jahrganges, in der Schweiz gar nur bei 33 Prozent.

Ein überraschendes Lob erfuhr die duale Ausbildung in Deutschland vor einem Jahr aus dem Mund des amerikanischen Präsidenten Obama. Der Hintergrund ist, dass die USA nach Jahrzehnten forcierter Akademisierung gegenwärtig von allen OECD-Ländern die höchsten Abbrecherquoten in post-sekundären Bildungsgängen aufweisen, wie die OECD-Bildungsdirektorin Barbara Ischinger in einem Aufsatz selbst feststellt: „Von den etwa 70 Prozent einer Alterskohorte, die ein Studium am College beginnen, haben im Alter von 25 Jahren nur etwa die Hälfte tatsächlich einen Abschluss erreicht. Und von diesen 25-jährigen College-Absolventen sind wiederum etwa die Hälfte entweder arbeitslos, oder sie arbeiten in Jobs, die nicht ihrem formalen Ausbildungsstand entsprechen.“

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Hier wird die Kehrseite der zum Dogma erstarrten Humankapitaltheorie greifbar. Die bildungspolitische Heilslehre der OECD führt eben nicht unbedingt dazu, „Schüler und Studierende von Weltklasseformat auszubilden“, wie es im aktuellen OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick“ vollmundig heißt. Vielmehr bleiben – so Ischinger – „in einem System, das primär auf die Universitätsbildung fokussiert ist und darüber die berufliche Ausbildung vernachlässigt, diejenigen auf der Strecke, die keine ausgeprägten akademischen Neigungen haben und deren Talente eher in angewandter Technik oder im Handwerk liegen.“ Diese Erkenntnis sollte Grund genug sein, die bisherige Position der OECD schnellstens zu revidieren.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%