Abitur-Skandal in Schweinfurt Ministerium überprüft Durchfaller-Schule

Dass ein Schüler in der Abiturprüfung durchfällt, ist in Deutschland höchst selten. Umso skandalöser erscheint nun der Fall eines komplett durchgefallenen Jahrgangs an einer Privatschule in Schweinfurt.

Eingang der Privaten Schulen Schwarz in Schweinfurt. Der gesamte Abi-Jahrgang der privaten Fachoberschule hat das Fachabitur nicht bestanden. Quelle: dpa

Der gesamte Abi-Jahrgang mit 27 Schülern einer privaten Fachoberschule in Schweinfurt ist bei der Abschlussprüfung durchgefallen. Nachdem die Eltern der Schüler Alarm geschlagen und dem Betreiber der Schule mit Schadenersatzklagen drohen, hat das bayrische Kultusministerium angekündigt, die Qualität der Einrichtung unter die Lupe zu nehmen. Es sei offensichtlich, dass die Schüler nicht aus eigenem Verschulden durchgefallen seien, sagte der Sprecher des Ministeriums, Ludwig Unger. „Offensichtlich war die Vorbereitung an der Schule so unzureichend, dass keiner der Schüler auch nur annähernd die nötigen Kompetenzen für die Prüfung mitbrachte.“ Am Ende einer umfangreichen Analyse der Situation an der privaten Fachoberschule in Schweinfurt könnte die Genehmigung für die Schule aberkannt werden.

So steht es um die deutsche Bildung
Ein Studium und eine gute Berufsausbildung zahlen sich in wirtschaftlichen Krisenjahren besonders aus. So gibt es für Akademiker und Meister in Deutschland laut dem aktuellen Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nahezu Vollbeschäftigung. Nur 2,4 Prozent von ihnen waren in der Bundesrepublik 2011 erwerbslos - während es im Schnitt der 30 wichtigsten OECD-Industrienationen 4,8 Prozent waren. Aber selbst für EU-Krisenländer wie Griechenland und Spanien gilt: Je höher die Qualifikation, desto niedriger die Arbeitslosenquote. Quelle: dpa
Laut dem Bericht ist die Zahl der Studienanfänger in Deutschland zwischen 2005 und 2011 von 36 auf 46 Prozent eines Altersjahrganges gestiegen - im Schnitt der anderen Industrienationen im gleichen Zeitraum von 54 auf 60 Prozent. 28 Prozent der jungen Deutschen zwischen 25 und 34 verfügen über einen akademischen Abschluss (OECD-Schnitt: 39 Prozent). Quelle: dpa
Als besonders positiv für die Bundesrepublik wird der überdurchschnittliche Anstieg der Studienanfängerzahlen in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern herausgestellt. Und bei den Abschlüssen in diesen Disziplinen dringen zunehmend Frauen nach vorn: So ist in den Naturwissenschaften der Anteil der weiblichen Absolventen innerhalb von zehn Jahren von 27 Prozent auf 42 Prozent (2011) gestiegen. Quelle: dpa/dpaweb
Viele Akademiker lohnen sich auch für den Staat: Pro ausgebildetem Akademiker erhält der Staat in Deutschland über das gesamte Lebenseinkommen gerechnet im Schnitt 115.000 Euro mehr an Steuern zurück als er in die Studienkosten investiert hat. Erstmals hat der OECD-Bericht auch Nebenaspekte wie die Gesundheit von unterschiedlich gebildeten Bevölkerungsgruppen untersucht. Danach neigen Akademiker seltener zu Fettsucht und rauchen auch deutlich weniger. Quelle: dpa/dpaweb
Und eine gute Ausbildung zahlt sich aus: Akademiker verdienten 2011 nahezu zwei Drittel mehr als Absolventen einer Lehre. Im Jahr 2000 waren dies erst 40 Prozent mehr. „Bei Spitzenqualifikationen hat die Bundesrepublik nach wie vor Nachholbedarf“, sagte OECD-Experte Andreas Schleicher. Dies schlage sich auch in den hohen Gehälter für Akademiker nieder. In Deutschland ist der Einkommensunterschied zwischen Akademikern und beruflich ausgebildeten Fachkräften in den vergangenen zehn Jahren laut OECD sprunghaft gestiegen, und zwar um 20 Prozentpunkte. Das ist mehr als in jeder anderen Industrienation. Quelle: dpa
Doch auch eine sehr gute Ausbildung schützt nicht vor Gehaltsunterschieden: In Deutschland verdienen Frauen nur etwa 74 Prozent des Gehalts der Männer. Besonders deutlich wird der Unterschied bei Spitzenfunktionen. So erhalten 43 Prozent der Männer mit akademischer Qualifikation mehr als das doppelte des Durchschnittseinkommens. Bei den Frauen sind dies hingegen nur 11 Prozent. Als eine mögliche Begründung verweist der Bericht darauf, dass 56 Prozent der Frauen mit akademischem Abschluss nur Teilzeit beschäftigt sind, während dies nur für 19 Prozent der Männer gilt. Quelle: dapd
Bei den Doktorarbeiten liegt Deutschland im weltweiten Vergleich an der Spitze. 2,7 Prozent eines Altersjahrganges schließen ihre akademische Ausbildung mit einer Promotion ab. Nur in der Schweiz (3,2 Prozent) und Schweden (2,8) werden mehr Doktorhüte vergeben. Quelle: dpa

Der Inhaber und Leiter der Privatschule, Michael Schwarz, war am Montag nicht für eine persönliche Stellungnahme zu erreichen. Der „Mainpost“ hatte er zuvor gesagt, dass er die Verantwortung für die Situation übernehme. Er hätte es demnach verstanden, wenn „acht, neun, zehn oder sogar die Hälfte“ gescheitert wären, aber mit diesem Debakel sei nicht zu rechnen gewesen. Am Mittwoch will er sich öffentlich äußern.

Schwarz betreibt in Schweinfurt eine Realschule, eine Wirtschaftsschule und seit 2011 auch eine Fachoberschule, auf der Real- und Wirtschaftsschüler ein Fachabitur erwerben können, dass den Zugang zu Fachhochschulen gestattet. Die Fachoberschule war vom Kultusministerium genehmigt, aber noch nicht anerkannt worden. Das bedeutet, dass die Schüler die Abiturprüfungen, die in Bayern landesweit einheitlich sind, an einer anderen staatlichen Schule ablegen müssen. Die "ungenügenden" Benotungen - auch "sechs" genannt - wurden also nicht von denselben Lehrern vergeben, die die Schweinfurter Schüler auch unterrichteten.

Laut Rechtsanwältin der Eltern der betroffenen Schüler, Patricia Fuchs-Politzki hatten diese schon vor der Prüfung über schlechte Lehrer und veraltete Lehrbücher geklagt. Die Werbung auf der Homepage der privaten Fachoberschule verheißt dagegen "eine Schule mit familiärer Atmosphäre und optimaler Betreuung in kleinen Klassen" und "eine Lernumgebung, die von gegenseitigem Respekt geprägt ist".

Für den bayrischen Kultusminister Ludwig Spaenle ist die Affäre höchst unangenehm, da man sich in Bayern sehr viel auf die überdurchschnittliche Qualität des Schulwesens zugute hält. Beim Genehmigungsverfahren für Privatschulen achte man vor allem auf die Qualifikation der Lehrer, sagte Sprecher Unger. Die von Schwarz schon länger betriebene Realschule und die Wirtschaftsschule sind nicht nur genehmigt, sondern auch staatlich anerkannt.

Ein Beauftragter des Ministeriums wird nun ein Treffen zwischen Schwarz und den Eltern der durchgefallenen Schüler organisieren. Man werde den Schülern "kulante" Optionen bieten, auf anderen Schulen das Fachabitur nachzuholen. Für die Schüler und deren Eltern sei es entscheidend, eine Lösung zu finden, die dafür sorge, "dass Sie nicht ihr Leben lang mit einem roten Balken im Lebenslauf belastet würden", sagte Fuchs-Politzki. "Wir werden die jungen Menschen nicht im Regen stehen lassen", hieß es dazu aus dem Ministerium.

Mit Material von dpa

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