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Alltag an Universitäten Studenten von heute - gehetzt, gedopt, gemein

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Wie mache ich wo am schnellsten Karriere?

Was wirklich hinter Lernmythen steckt
Bloß nicht mit den Fingern rechnen Quelle: Fotolia
Eine Lehrerin schreibt mit Kreide an die Tafel Quelle: dpa
Schüler mit dem Smartphone auf dem Schulhof Quelle: dpa
Fehler helfen beim LernenWer sich beim Lernen häufig verhaspelt und die Lösung raten muss, lernt trotzdem was. Eine kanadische Studie hat gezeigt, dass die Gedächtnisleistung sogar von den Fehlern profitiert. Dies gilt allerdings nur, wenn die Raterei nicht völlig ins Kraut schießt, sondern nur knapp an der richtigen Lösung vorbei ist. Wer häufig fast richtige Vermutungen anstellt, dem helfen diese wie kleine Brücken beim Erinnern an die korrekte Information. Diesen Vorteil konnten die Forscher sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Probanden feststellen. Wer sich selbst herantastet, profitiert davon also mehr, als wenn ihm die richtige Antwort vorgesagt wird. Quelle: Fotolia
Texte wiederholt zu lesen, heißt viel zu lernen Quelle: dpa
Gelerntes erzählen, hilft es sich zu merken Quelle: AP
Hochbegabte sind LernüberfliegerWer einen ungewöhnlich hohen IQ hat, ist in der Schule noch lange kein Überflieger. Weil viele Hochbegabte in der Schule unterfordert sind, markieren sie den Klassenclown und bekommen entsprechend schlechte Noten. Quelle: Fotolia

Gute Noten zu haben, aber auch der Anspruch an sich selbst, schnell zu studieren und gleichzeitig mit Praktika, Auslandserfahrungen und mehreren Fremdsprachen zu punkten -  so laute generell das Credo vieler Studenten von heute. „Die Herausforderungen sind eben gewachsen in unserer globalisierten Hetzwelt", erklärt Diplom-Psychologe, Bernd Nixdorff, der schon seit rund 20 Jahren Studenten an der Uni Hamburg als psychologischer Berater unter die Arme greift. "Ende 20 muss schon alles eingetütet sein. Im Job und im Privaten am besten auch noch." Solidarität und Gemeinsinn blieben dabei immer mehr auf der Strecke. "Die wichtigste Frage unter den Studierenden lautet heute: Wie mache ich wo am schnellsten Karriere?" Doch damit setzten sich die jungen Menschen nicht nur einem starken Konkurrenzdruck aus, sondern sich selbst unter Dauerstress: "Bei unseren Erhebungen geben bis zu 20 Prozent an, unter großem Druck zu stehen und sich gehetzt zu fühlen." Sich selbst zugestehen, auch mal Fehler machen zu dürfen, sei geradezu undenkbar. Es gehe schlicht darum, zu funktionieren.

Auch Professor Rainer Holm-Hadulla, Leitender Arzt der Psychosozialen Beratungsstelle der Uni Heidelberg, beobachtet wachsenden, unguten Konkurrenzdruck. Und zwar auch unter Studenten der  Geisteswissenschaften oder der Psychologie. "Da sagt uns etwa eine Studentin unter Tränen, dass sie ihre Freundin verloren hat. Der Grund: Sie machen jetzt beide ihre Bachelor-Prüfung, sind damit plötzlich Konkurrentinnen und Freundschaft hat da keinen Platz mehr." Zu Holm-Hadulla kommt auch der Master-Student, der Schluss gemacht hat mit seiner Freundin: "Aber nicht, weil es in der Beziehung nicht gut lief, sondern weil er meint, sich jetzt ganz und gar auf sein Studium konzentrieren zu müssen." Wer nur noch sich selbst der Nächste ist, hat aber den Anderen nicht mehr im Blick. Von einer zunehmenden Vereinzelung der Studenten spricht in diesem Zusammenhang auch der psychologische Berater aus Hamburg: "Zwar sind die Studierenden gut über Facebook vernetzt, aber gemeinsam in der Gruppe aktiv werden, das gibt es immer weniger." Nixdorff sieht darin eine Gefahr: „Sie werden immer mehr zu Einzelkämpfern."

Hohe Bereitschaft für Doping

Unter diesen Lernbedingungen ist der Wunsch naheliegend, seine Leistung zu optimieren, noch besser zu werden, alles aus sich rauszuholen. Wenn es sein muss, darf auch mal nachgeholfen werden. Laut einer Studie der Uni Mainz sind 80 Prozent der Studenten bereit, sich zu dopen, um damit ihre Leistung zu steigern. "Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die zu nehmende Substanz keine Nebenwirkungen hat und nicht illegal ist", ergänzt Professor Klaus Lieb, der seit 2008 an der Uni Mainz an dem Thema Hirndoping forscht. Doch auch wenn es solch eine "Zauber"-Pille nicht gibt, werden Substanzen wie Amphetamine, Metylphenidat (Ritalin) oder Modafinil gerne ausprobiert. Wie die Mainzer Forscher belegen, betreibt zumindest phasenweise jeder fünfte Student Hirndoping. Die eingenommene Palette reicht von Koffein-Tabletten und Energy-Drinks bis hin zu verschreibungspflichtigen Mitteln wie Metylphenidat, das bei der Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zum Einsatz kommt, oder Modafinil, einer Substanz, die für mehr Wachheit sorgt und bei Narkolepsie, der so genannten Schlafkrankheit, verabreicht wird.

Während die Bereitschaft für die Einnahme dieser Präparate in anonymen Umfragen nachweislich ist, outen sich Studenten an den Unis eher selten. "Die kommen nicht zu uns und sprechen darüber", sagt Bernd Nixdorff, psychologischer Berater der Uni Hamburg. Auch in den Hörsälen selbst kursieren oft nur Gerüchte über Kommilitonen, die so etwas nehmen. "Doch die Dunkelziffer schätzen wir recht hoch", sagt Klaus Lieb. "Der Gebrauch von illegalen Medikamenten unter Gesunden ist längst da." Das belegt auch der weltweite Konsum, etwa von Metylphenidat. Allein in Deutschland ist der Anstieg rasant: Wurden 1993 noch 36 Kilogramm davon verabreicht, werden seit 2010 mehr als 1,7 Tonnen abgesetzt. Tendenz weiter steigend. Und so ist auch in manchen Einführungsseminaren Hirndoping schon ein Thema. Archäologie-Student Stephan (20) wurde an der Uni Mainz vor Ritalin gewarnt. "Uns wurde abgeraten, solche Medikamente auszuprobieren. Nicht nur, weil sie illegal sind, sondern weil auch über die Langzeitfolgen noch nichts bekannt ist.“

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