Anpassung par excellence Sind die Hörsäle voller Duckmäuser?

"Warum sind unsere Studenten so angepasst?" Diese Frage will die Politikwissenschaftlerin Christiane Florin in ihrem Buch beantworten. Ein Interview über Desinteresse und Ahnungslosigkeit der Studenten von heute.

Christiane Florin ist Journalistin und Lehrbeauftragte für Politikwissenschaften an der Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Quelle: Presse

WirtschaftsWoche: Sie sagen, die heutigen Studenten haben keine Lust mehr zu diskutieren. Im Internet sieht das aber oft ganz anders aus...

Christiane Florin: Sie haben zumindest häufig keine Lust, im Seminarraum zu diskutieren und sich beim Austausch unterschiedlicher Positionen in die Augen zu sehen.

Weil sie reale Reaktionen nicht mehr aushalten?

Auch das, ja. Aber vor allem, weil im Seminarraum etwas anderes gefragt ist als nur auf "Like" zu klicken. In einem akademischen Rahmen wird erwartet, dass man Argumente entwickelt, sich in die Rolle des Gegenübers hineinversetzt. Idealerweise steht dann am Ende ein eigener, begründeter Standpunkt, nicht nur eine Meinung. Das ist anstrengend. Und die Studenten erfahren leider nicht immer, dass sich diese Anstrengung auch lohnt. Sie können ja auch durch ein Studium kommen, ohne jemals einen eigenen Standpunkt entwickelt zu haben.

Das Buch

Können Sie sich erklären, woran das liegt?

Meine naive Annahme war: Wer sich für ein Studium einschreibt, der hat Freude daran, sich Gedanken zu machen. Der bereitet zum Beispiel ein Referat vor, am Ende des Referats steht eine These, über die die Kommilitonen dann munter diskutieren. Das funktioniert so nicht mehr. Diskussionsbereitschaft ist nicht mehr selbstverständlich vorhanden, die müssen wir explizit einfordern und eben auch belohnen. Wir unterwerfen uns einer ökonomischen Logik.

Zur Person

Als wichtig gilt, was prüfungsrelevant ist und was benotet wird. Dozenten, die ausdrücklich Debattenseminare anbieten und dafür dann auch Punkte vergeben, die machen gute Erfahrung. Da wird diskutiert.

Wie man Debatten gewinnt
Zwei Personen sitzen an einem Rednerpult Quelle: Fotolia
Ein Schild weist auf einen Kreisverkehr hin Quelle: Fotolia
Eine Frau und ein Mann im Gespräch Quelle: Fotolia
Ein wütender Mann ballt die Fäuste Quelle: Fotolia
Zwei Männer betrachten ein Flip-Chart Quelle: Fotolia
Ein Mann hält den Daumen nach oben Quelle: Fotolia
Ein Mann hält die Hand als Stop-Symbol nach oben Quelle: Fotolia

Ist dafür nicht das Creditpoint-System von Bologna verantwortlich? Die Studenten wollen ihre Zeit und Energie nicht einfach auf etwas verschwenden, dass ihnen nicht messbar etwas einbringt…

Bologna steht am Ende eines bestimmten Prozesses, nicht am Anfang. Die Beobachtung, dass es sehr mühsam ist, überhaupt einmal Widerspruch zu bekommen, konnten Sie schon vor der Bologna-Reform machen. Um fundiert widersprechen zu können, müsste man allerdings auch etwas gelesen haben, das man der Dozentin um die Ohren hauen könnte. Aber auch gelesen wird nur das, was als prüfungsrelevant auf der Literaturliste angeben ist. Mein Eindruck ist, dass viele Studenten Bologna begeistert oder zumindest mit einer gewissen Erleichterung annehmen, weil es einfach die Fortsetzung der Schule ist. Da weiß man, woran man ist. In der Regel muss man den Stundenplan nicht selber zusammenstellen, dazu kommt die klare Ansage: "Diese Seiten müssen Sie jetzt für die Prüfungen lesen und die Seiten können Sie weglassen." Das wird von den meisten Studenten sehr geschätzt. Es ist eher meine Altersgruppe, die jammert und klagt, weil alles so verschult ist und wir selbst freier studieren konnten. Dass früher alles besser war, habe ich damit nicht gesagt.

"Studenten haben Angst Fehler zu machen"

Sind die Studenten denn grundsätzlich gut auf die Universität vorbereitet?

Schule heute ist stark auf Kompetenzen ausgerichtet, weniger darauf, dass man das Gelernte tatsächlich längere Zeit im Kopf behält und verarbeitet. Die Hauptsache ist, dass die Schüler wissen, wo sie auf Nachfrage Informationen finden. Trotzdem würde ich bei jemandem, der Politikwissenschaft studiert, voraussetzen, dass er oder sie zum Beispiel die Bundeskanzler in der richtigen Reihenfolge nennen kann. Natürlich nicht deswegen, weil sich das Politikwissenschaftsstudium im Auswendiglernen von Namen und Daten erschöpft, sondern deswegen, weil ein Mindestmaß an Vorwissen auf ein ernsthaftes Interesse schließen lässt. Der Akku des Smartphones kann mal leer sein, dann ist es ganz gut, ein paar Dinge netzunabhängig parat zu haben. Im Schulunterricht kommen elementare Kenntnisse des deutschen Regierungssystems nicht immer vor, also nimmt man es ins Studium auf. Das heißt, die Uni holt Stoff nach, der am Gymnasium nicht mehr behandelt wurde. Dafür können Studenten aber häufiger Tai Chi als früher ...

Sie schreiben, dass es beispielsweise an der Uni Frankfurt Kurse gibt, die die Studenten auf das Studieren vorbereiten…

Solche Kurse werden offenbar nachgefragt. Wir müssen viele Dinge erklären, von denen wir glaubten, dass wir sie nicht explizit erklären müssen.

Die da wären?

Wie halte ich eine Hausarbeit durch? Wie halte ich ein Studium durch? Wie motiviere ich mich selbst?

Sind die Studenten denn so unsicher?

Sie sind umstellt von Erwartungen und haben den Eindruck, dass sie keinen Fehler machen und keinen Umweg gehen dürfen. Es ist eigentlich normal, dass es zum Beispiel beim Schreiben einer Hausarbeit Tage gibt, an denen einem nichts einfällt. Aber heute ist das oft eine große Katastrophe, gegen die man ganz schnell irgendeine Turbo-Therapie finden muss. Interessant ist: Die Zeitspanne, die man bis zum Master braucht, hat sich im Vergleich zum Magister nicht verringert. Aber das Gefühl, dass alles so schnelllebig ist und dass immer eine Hausarbeit der nächsten und eine Prüfung auf die andere folgt, das ist bei den Studenten sehr stark. Deshalb glauben viele auch, dass alles sofort perfekt sein muss. Und dann reizt es natürlich, wenn die Uni ein Angebot macht: "So lernst du richtig" und Banalitäten wie "anfangen, durchhalten und beenden" mit einer akademischen Autorität als Heilslehre verkündet. 

Warum Sie sich besser motivieren können als jeder andere
Interne Motivation:Bei den unterschiedlichen Motivationsstrategien unterscheiden Wissenschaftler zwischen internen und externen Motivationsfaktoren. Weitaus effektiver sind die internen Anreize, die uns zu Höchstleistungen anspornen. Sie müssen es also selber wollen: Die Psychologen Amy Wrzesniewski und Barry Schwartz von der Universität Yale haben dies in einer Langzeitstudie mit Kadetten der amerikanischen Militärakademie West Point nachgewiesen. Die Kadetten wurden zu Beginn ihrer Kadettenlaufbahn befragt, woher sie ihre Motivation nehmen an der Ausbildung teilzunehmen. Nach der Auswertung von über 10.000 Daten kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass Kadetten, die ihre Motivation aus inneren Überzeugungen ziehen können, überdurchschnittlich erfolgreiche Akademie-Abschlüsse ablegen. Verglichen mit Kollegen, die ihre Motivation aus externen Gründen wie einem sicheren Job oder Einkommen ziehen, haben sie eine 20-Prozent höhere Chance, West Point erfolgreich abzuschließen. Quelle: AP
Eifersucht, Hass und LiebeStarke Gefühle sind die besten Motivationshelfer: Unsere Entscheidungen treffen wir oft genug nicht bewusst und überlegt. Im Gegenteil. In unserem Gehirn kämpfen ein rationaler und ein emotionaler Teil über die Entscheidungshoheit. Um Mitmenschen zu motivieren, eignet sich der emotionale Flügel aber weitaus besser. Gefühle wie Eifersucht, Liebe oder Mitleid bewirken viel schneller Verhaltensänderungen als rationale Argumente. Dieses Thema greifen auch die beiden Autoren Chip and Dan Heath in ihrem Buch „Feel something“ auf. Dabei beziehen sie sich auf Untersuchungen mit etwa 400 Probanden aus über 130 Unternehmen. Quelle: Fotolia
FortschrittBetrachten Sie die Fortschritte, die Sie schon gemacht haben, anstatt die Aufgaben, die noch vor Ihnen liegen: Nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch im Alltagsleben kann diese Motivation Gold wert sein. Teresa Amabile von der Universität Havard erklärt in ihrem Buch „The Progress Principle“, dass viele kleine Fortschritte während eines Arbeitsprozesses Menschen mehr anspornen als seltene, große motivierende Ereignisse. Amabile stützt ihre Theorie auch eine Analyse von etwa 12.000 Tagebucheinträgen von rund 240 Angestellten aus sieben unterschiedlichen Unternehmen. Als Tipp rät die Autorin Führungspersönlichkeiten daher, die Mitarbeiter regelmäßig zu Reflektionen anzuregen. Wo habe ich begonnen und wie weit bin ich gekommen? So werden auch kleine Fortschritte deutlicher. Quelle: Fotolia
Warum – und nicht wasEs ist egal, was Sie tun, solange Sie wissen, warum Sie es tun. So lange Sie keinen Sinn in Ihrem Handeln sehen, wird es schwer fallen, sich zu motivieren. Diesen Forschungsansatz verfolgt auch Simon Sinek, der das Verhalten von Führungspersonen wie Abraham Lincoln, Martin Luther King oder Steve Jobs analysiert. In seinem Buch „Start with Why: How great Leaders Inspire Everyone to Take Action“ identifiziert er vor allem eine Gemeinsamkeit der historischen Personen: Ihre Fähigkeit Menschen durch Reden zu motivieren. Eine nähere zeigt, Lincoln, King & Co. legten besonders viel Wert darauf, das „Warum“ zu erklären und nicht bloß das „Was“. Quelle: Fotolia
Das Beste aus dem Arbeitsalltag machen Quelle: Fotolia
IdentifikationEin Schlüssel für motivierte Kollegen und Mitarbeiter ist ihr Identifikations- und Zufriedenheitsgefühl im Job. Immerhin 67 Prozent der Beschäftigten machen hierzulande nur noch Dienst nach Vorschrift, sind also kaum bei der Sache. Jeder sechste hat innerlich sogar gekündigt - das geht aus einer Studie der Unternehmensberatung Gallup hervor. Für die Motivation von Mitarbeitern ist dieser innere Boykott Gift. Umso wichtiger ist es also für Manager und Führungskräfte, von vornerein dieses Missstimmung zu vermeiden. Auch Google-Gründer Larry Page sagte dem Magazin Fortune, es sei äußerst erstrebenswert dass
Sich selbst belohnen Quelle: Fotolia

Also doch irgendwie Esoterik...

Ich möchte diese Angebote gar nicht verdammen. Ich frage mich nur, warum braucht man sowas in Fächern, die die Leute ja letztlich frei gewählt haben. Es zwingt einen niemand dazu, Politik oder Geschichte zu studieren. Wir Lehrende gehen immer noch ganz idealtypisch von dem Studenten aus, der eine hohe innere Motivation hat. Speziell in den Geisteswissenschaften vermuten wir Idealisten, gerade weil Absolventen geisteswissenschaftlicher Studiengänge selten Top-Manager und Spitzenverdiener werden. Wir stellen aber oft fest, dass auch da Neugier und innerer Antrieb fehlen. Die Hauptmotivation sind die Noten und der Abschluss, den man möglichst schnell erreichen will.

"Ich wünsche mir Leidenschaft auf einer abstrakten Ebene"

Aber das ist doch auch so gewollt. Die Studenten sollen schnell der Wirtschaft zur Verfügung stehen. Das macht Druck - vielleicht sogar Angst?

Aber woher kommt diese Existenzangst? Wir sind eigentlich in einer guten wirtschaftlichen Situation. Ein Studium, auch ein geisteswissenschaftliches, gilt als Schutz vor Arbeitslosigkeit. Der Druck und die Angst haben damit zu tun, dass die Altersgruppe der jetzt unter 25-Jährigen die erste Generation ist, die ernsthaft versucht, alles unter einen Hut zu bringen: Der Job soll nicht nur Broterwerb sein, sondern Sinnspender, aber das ganze Leben soll er nicht bestimmen. Die Partnerschaft soll gelingen, ein Kind gehört auch meistens zur Lebensplanung, und man will bei all dem selber nicht zu kurz kommen. Es gibt keine andere Altersgruppe, die sich ein solches Pflichtprogramm vorgenommen hat. Die Betonung liegt auf Pflicht. Deshalb verstehe ich, dass viele Studenten sich unter Druck fühlen. Aber ich wünsche mir, dass sie das nicht erst dann artikulieren, wenn einer Dozentin der Kragen platzt. Mir geht es nicht um einen Generationenkonflikt.

Sondern?

Mir geht es darum zu sagen: Fordert das, was eine Uni leisten könnte, auch mal ein. Gebt euch nicht damit zufrieden, dass wir hier nur Prüfungsergebnisse abfragen.

Welchen Typus Student wünschen Sie sich denn?

Diejenigen, von denen es trotz allem noch einige gibt und die manchmal von ihren effizienten Kommilitonen regelrecht fertig gemacht werden: Studenten, die sich über gesellschaftliche Entwicklungen Gedanken machen und sich nicht nur fragen: "Was bringt mir diese Veranstaltung namens Studium für den Lebenslauf?". Die auch einmal jenseits der persönlichen Betroffenheit auf einer abstrakteren Ebene nachdenken. Banales Beispiel: Wenn ich nachfrage, was sie unter Politik verstehen, sagen mir Seminarteilnehmer, sie finden einen klassischen Politikbegriff langweilig. Staat, Partei, Ämter, Nachrichten vom Typus "Minister A ist nach B gereist" – langweilig. Dann frage ich: „Was ist denn dann Politik für Sie - jenseits von Staat, Amtsinhabern und Parteien?“ Dann blicke ich in ratlose Gesichter. Da fehlt die Leidenschaft, ein alternatives Modell der Beteiligung zu entwickeln. Zu überlegen, wie kann denn Politik anders funktionieren? Und nicht nur dann, wenn es dafür Credit Points gibt.

Die unterschiedlichen Studenten-Typen

Ist das für Sie frustrierend?

Frustriert bin ich nicht, denn es ist ja nicht so, als gebe es überhaupt keine engagierten und über den eigenen Bauchnabel hinaus schauenden Studenten. Was ich sage gilt weder nicht für jeden. Es ist eine Entwicklung, die ich bei einer größer werdenden Gruppe beobachte. Es gibt sozusagen eine kritische Masse der Unkritischen. Und das finde ich bedenklich. Man braucht ja in einer Demokratie ernsthafte Debatten. Man braucht Leute, die Argumente austauschen und sagen: Das könnte doch auch ganz anders funktionieren. Wenn bei Umfragen unter Studenten immer nur die Rückmeldung kommt, dass sie im Studium noch besser auf die Arbeitswelt vorbereitet werden wollen, dann kann ich das zwar verstehen - aber es ist zu wenig. Wenn man in den Gesellschaftswissenschaften nicht mehr zweckfrei über Gesellschaft nachdenken kann, dann weiß ich nicht, wo das sonst passieren sollte.

Ich frage in jedem meiner Module: "Warum studieren Sie Politikwissenschaften?" oder "Warum studieren Sie es ausgerechnet hier, in Bonn?". Oft bekomme ich da sehr pragmatische Antworten. Weil man eben irgendetwas studieren sollte, wenn man Abitur gemacht hat. Weil die Familie oder die Freunde in der Nähe wohnen. Weil München zu teuer ist.

Ist das nicht nachvollziehbar?

Doch, aber ich möchte mir einen gewissen Idealismus bewahren dürfen. Etwa, dass ich ein Studienfach immer noch nach Begabung und Neigung auswählen darf. Dass ich ein Institut wähle, dessen Profil mich interessiert. Dass ich dorthin gehe, wo auch Originaltexte gelesen werden. Dass ich mich bewusst für akademische Bildung entscheide und nicht nur für Ausbildung. Kann sein, dass das nostalgisches Gesülze ist. Aber ich habe allein auf die Ankündigung des Buches hin so viele Rückmeldungen bekommen – von Studierenden wie von Lehrenden -, die darauf schließen lassen, dass es da offenkundig Probleme gibt, über die bisher nicht offen gesprochen wurde.

"Wir sollten nicht nur auf die Noten achten"

Haben Sie eine Lösung für das Problem?

Eine schnelle Lösung gibt es nicht. Mein Buch ist ja – trotz des vordergründig wenig studentenfreundlichen Titels - eine Selbstkritik. Wir stellen uns viel zu selten die Fragen: Wie und was lehren wir denn überhaupt? Wie bringen wir wichtige geisteswissenschaftliche Erkenntnisse für bewahrenswert halten, an die Studenten? Wie inspirierend sind wir für neue Gedanken? Wir trauen uns nicht, zuzugeben, dass wir als Lehrende gar nicht so selten scheitern oder zumindest ratlos sind. Wir reden viel zu wenig über die Lehre.

Sie haben auch geschrieben, dass sich Dozenten und Studenten gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Beide gingen den Weg des geringsten Widerstandes.

Wie Noten vergeben werden, ist gerade in den Geisteswissenschaften ein geheimnisvoller Prozess. Der Wissenschaftsrat hat in einer großen Studie Ende 2012 eine wundersame Vermehrung guter und sehr guter Abschlussnoten festgestellt. Warum das so ist, darüber kann man nur mutmaßen. Aus der eigenen Praxis würde ich sagen: Es hat auch damit zu tun, dass beim Bachelorzeugnis jede Note sichtbar ist. Eigentlich sollte dieses Punktesammeln den Druck von der Abschlussprüfung nehmen. Es hat aber auch dazu geführt, dass man bei der Bewertung Hemmungen hat, eine Vier zu geben, weil sie bis in die Abschlussnote hinein durchschlägt.

Woher kommt diese Einserflut?

Woher kommt die Explosion bei den 1,0-Abiturnoten? Es gibt die politische Erwartung, dass wir Exzellenz im Bildungswesen produzieren und wenn die Noten besser werden, dann sieht das nach einer erfolgreichen Bildungspolitik aus. Jetzt melden sich Wirtschaftsverbände und sagen: Wir haben nur noch Bewerber mit Top-Durchschnitten, wir glauben euren Bewertungen nicht mehr. So ganz ehrlich und transparent ist die Notengebung offenkundig nicht.

Ein Zustand, den die Lehrerschaft aber selbst in der Hand hat...

Ein erster Schritt ist es auch hier, Zweifel und Kritik offen auszusprechen. Zu fragen: Gehen den besseren Noten objektiv bessere Leistungen voraus? Oder ist die Eins nur der Weg des geringsten Widerstands?

So suchen Unternehmen ihre Azubis aus
NotenDas Abschlusszeugnis ist den Unternehmen gar nicht immer so wichtig. Für 21 Prozent der Betriebe sind Schulnoten bei der Einstellung eines Azubis nicht mehr ausschlaggebend. Das ist zumindest das Ergebnis der Ausbildungsumfrage des Deutschen Industrie und Handelskammertages (DIHK), aus der die Bild zitiert. Sehr ernst nehmen nur Banken und Versicherungen die Noten: Bei ihnen achten 83 Prozent auf gute Zensuren. Bei den kleinen Unternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern schauen nur 61 Prozent auf die Noten, bei Betrieben mit zehn bis 19 Angestellten sind es 69 Prozent.
PraktikaViel wichtiger seien ihr zufolge die praktischen Erfahrungen, die ein potenzieller Lehrling bereits im Betrieb gemacht hat. Das gilt ganz besonders für das Hotel- und Gastgewerbe: Wer hier schon einmal ein Praktikum absolviert und dabei einen guten Eindruck gemacht hat, kann sich bei 89 Prozent der Betriebe sicher sein, auch einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Doch auch in anderen Branchen zählt die Erfahrung: So sagten insgesamt 72 Prozent der befragten Ausbildungsbetriebe, dass sie bei der Auswahl der Lehrlinge auf die Erfahrungen aus Praktika Wert legen. Bei kleinen Unternehmen mit bis zu 19 Beschäftigten sind Praktika sogar wichtiger als das Zeugnis. Quelle: dpa
Vitamin BAuch persönliche Empfehlungen sind bei den Kleinstunternehmen wichtiger als bei allen anderen. Quelle: Fotolia
EinstellungstestsGroße Betriebe setzen dagegen oftmals auf Einstellungstests: So vertrauen 61 Prozent der Banken und Versicherungen auf hauseigene Kompetenztests, um geeignete Bewerber zu finden. 37 Prozent nutzen Assesment-Center, also mehrstufige - und oft auch mehrtägige - Prüfungsverfahren. Quelle: Fotolia
VorstellungsgesprächDoch viel wichtiger sind 97 Prozent der Betriebe die Eindrücke aus dem Vorstellungsgespräch.

Will der Markt nur Leute mit Einserschnitt?

Bisher waren die Signale so. Wer Top-Absolventen haben kann, lädt auch nur Bewerber mit Einserabschluss ein. Gute bis sehr gute Noten werden einfach vorausgesetzt. Und weil das nicht reicht, erwarten Arbeitgeber darüber hinaus noch zahlreiche Zusatzqualifikationen, vor allem Praktika in möglichst exotischen Ländern.

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Wie nehmen die Studenten denn die Noteninflation wahr?

Ich gebe zu jeder Hausarbeit eine Begründung der Note und biete natürlich auch ein Gespräch an. Bereits bei einer Drei plus gibt es regelrecht Verhandlungsbedarf. Wenn sich herumspricht, dass Sie auch Vieren oder gar „nicht bestanden“ vergeben, dann geht das Gros dorthin, wo die Punkte leichter zu bekommen sind. Manche Studenten sagen nach der Prüfung ganz ehrlich, dass sie sich wundern, wie oft sie bei überschaubarer Leistung mit guten Noten durchkommen. Nun kann man das natürlich nicht für alle Fächer sagen. Es gibt auch Professoren, die sich damit brüsten, wie viele Studenten bei ihnen durchfallen - in Jura oder in den Ingenieurswissenschaften zum Beispiel. Es wäre ideal, wenn wir zu einem Zustand fänden, in dem die Noten tatsächlich etwas aussagen. Oder aber wir einigen uns darauf, dass wir an der Hochschule allen ein „Sehr gut“ ausstellen.

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