Anpassung par excellence Sind die Hörsäle voller Duckmäuser?

Seite 4/4

"Wir sollten nicht nur auf die Noten achten"

Haben Sie eine Lösung für das Problem?

Eine schnelle Lösung gibt es nicht. Mein Buch ist ja – trotz des vordergründig wenig studentenfreundlichen Titels - eine Selbstkritik. Wir stellen uns viel zu selten die Fragen: Wie und was lehren wir denn überhaupt? Wie bringen wir wichtige geisteswissenschaftliche Erkenntnisse für bewahrenswert halten, an die Studenten? Wie inspirierend sind wir für neue Gedanken? Wir trauen uns nicht, zuzugeben, dass wir als Lehrende gar nicht so selten scheitern oder zumindest ratlos sind. Wir reden viel zu wenig über die Lehre.

Sie haben auch geschrieben, dass sich Dozenten und Studenten gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Beide gingen den Weg des geringsten Widerstandes.

Wie Noten vergeben werden, ist gerade in den Geisteswissenschaften ein geheimnisvoller Prozess. Der Wissenschaftsrat hat in einer großen Studie Ende 2012 eine wundersame Vermehrung guter und sehr guter Abschlussnoten festgestellt. Warum das so ist, darüber kann man nur mutmaßen. Aus der eigenen Praxis würde ich sagen: Es hat auch damit zu tun, dass beim Bachelorzeugnis jede Note sichtbar ist. Eigentlich sollte dieses Punktesammeln den Druck von der Abschlussprüfung nehmen. Es hat aber auch dazu geführt, dass man bei der Bewertung Hemmungen hat, eine Vier zu geben, weil sie bis in die Abschlussnote hinein durchschlägt.

Woher kommt diese Einserflut?

Woher kommt die Explosion bei den 1,0-Abiturnoten? Es gibt die politische Erwartung, dass wir Exzellenz im Bildungswesen produzieren und wenn die Noten besser werden, dann sieht das nach einer erfolgreichen Bildungspolitik aus. Jetzt melden sich Wirtschaftsverbände und sagen: Wir haben nur noch Bewerber mit Top-Durchschnitten, wir glauben euren Bewertungen nicht mehr. So ganz ehrlich und transparent ist die Notengebung offenkundig nicht.

Ein Zustand, den die Lehrerschaft aber selbst in der Hand hat...

Ein erster Schritt ist es auch hier, Zweifel und Kritik offen auszusprechen. Zu fragen: Gehen den besseren Noten objektiv bessere Leistungen voraus? Oder ist die Eins nur der Weg des geringsten Widerstands?

So suchen Unternehmen ihre Azubis aus
NotenDas Abschlusszeugnis ist den Unternehmen gar nicht immer so wichtig. Für 21 Prozent der Betriebe sind Schulnoten bei der Einstellung eines Azubis nicht mehr ausschlaggebend. Das ist zumindest das Ergebnis der Ausbildungsumfrage des Deutschen Industrie und Handelskammertages (DIHK), aus der die Bild zitiert. Sehr ernst nehmen nur Banken und Versicherungen die Noten: Bei ihnen achten 83 Prozent auf gute Zensuren. Bei den kleinen Unternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern schauen nur 61 Prozent auf die Noten, bei Betrieben mit zehn bis 19 Angestellten sind es 69 Prozent.
PraktikaViel wichtiger seien ihr zufolge die praktischen Erfahrungen, die ein potenzieller Lehrling bereits im Betrieb gemacht hat. Das gilt ganz besonders für das Hotel- und Gastgewerbe: Wer hier schon einmal ein Praktikum absolviert und dabei einen guten Eindruck gemacht hat, kann sich bei 89 Prozent der Betriebe sicher sein, auch einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Doch auch in anderen Branchen zählt die Erfahrung: So sagten insgesamt 72 Prozent der befragten Ausbildungsbetriebe, dass sie bei der Auswahl der Lehrlinge auf die Erfahrungen aus Praktika Wert legen. Bei kleinen Unternehmen mit bis zu 19 Beschäftigten sind Praktika sogar wichtiger als das Zeugnis. Quelle: dpa
Vitamin BAuch persönliche Empfehlungen sind bei den Kleinstunternehmen wichtiger als bei allen anderen. Quelle: Fotolia
EinstellungstestsGroße Betriebe setzen dagegen oftmals auf Einstellungstests: So vertrauen 61 Prozent der Banken und Versicherungen auf hauseigene Kompetenztests, um geeignete Bewerber zu finden. 37 Prozent nutzen Assesment-Center, also mehrstufige - und oft auch mehrtägige - Prüfungsverfahren. Quelle: Fotolia
VorstellungsgesprächDoch viel wichtiger sind 97 Prozent der Betriebe die Eindrücke aus dem Vorstellungsgespräch.

Will der Markt nur Leute mit Einserschnitt?

Bisher waren die Signale so. Wer Top-Absolventen haben kann, lädt auch nur Bewerber mit Einserabschluss ein. Gute bis sehr gute Noten werden einfach vorausgesetzt. Und weil das nicht reicht, erwarten Arbeitgeber darüber hinaus noch zahlreiche Zusatzqualifikationen, vor allem Praktika in möglichst exotischen Ländern.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Wie nehmen die Studenten denn die Noteninflation wahr?

Ich gebe zu jeder Hausarbeit eine Begründung der Note und biete natürlich auch ein Gespräch an. Bereits bei einer Drei plus gibt es regelrecht Verhandlungsbedarf. Wenn sich herumspricht, dass Sie auch Vieren oder gar „nicht bestanden“ vergeben, dann geht das Gros dorthin, wo die Punkte leichter zu bekommen sind. Manche Studenten sagen nach der Prüfung ganz ehrlich, dass sie sich wundern, wie oft sie bei überschaubarer Leistung mit guten Noten durchkommen. Nun kann man das natürlich nicht für alle Fächer sagen. Es gibt auch Professoren, die sich damit brüsten, wie viele Studenten bei ihnen durchfallen - in Jura oder in den Ingenieurswissenschaften zum Beispiel. Es wäre ideal, wenn wir zu einem Zustand fänden, in dem die Noten tatsächlich etwas aussagen. Oder aber wir einigen uns darauf, dass wir an der Hochschule allen ein „Sehr gut“ ausstellen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%