Bertelsmann-Chancenspiegel: Das deutsche Schulsystem ist ungerecht
Platz zehn: Bremen
In Bremen wie auch in Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein kommen auf jeden Lehrer der Sekundarstufe II, also der gymnasialen Oberstufe, 15 Schüler. Der Bundesdurchschnitt liegt etwas darunter, nämlich bei 14,9 Gymnasiasten pro Lehrer. In puncto Ausbildungsplätze landet Bremen auf Platz elf: 101,4 Ausbildungsstellen kommen dort auf 100 Suchende. In Schleswig-Holstein sieht es für Schulabgänger schon schlechter aus: Auf 100 Jugendliche, die eine Lehre suchen, kommen 99,7 Ausbildungsstellen. Im Ländervergleich kommen die Nordlichter so nur auf Platz 14. Baden-Württemberg räumt dagegen ab: Für 105,4 Ausbildungsplätze pro 100 Lehrlinge gibt es Platz drei im Ranking.
Foto: dapdPlatz neun: Bayern
In Bayern sind die Schulklassen in der Oberstufe nur geringfügig kleiner als im Bundesdurchschnitt: Statt 14,9 kommen hier nur 14,8 Schüler auf einen Lehrer. Dafür erreicht das Bundesland im Süden Deutschland den zweiten Platz was die Dichte der Ausbildungsstellen anbelangt: Auf 100 Azubis kommen in Bayern 107,3 offene Lehrstellen.
Foto: dpaPlatz acht: Saarland
Im Saarland kommen auf einen Lehrer der gymnasialen Oberstufe 14,5 Schüler; zudem ist die Zahl derer, die die Schule ohne gültigen Abschluss verlassen, zwischen 2008 und 2010 um 1,1 Prozent zurückgegangen. Auch bezüglich der Ausbildungsplätze sieht es im Saarland gut aus: 103,3 Lehrstellen kommen auf 100 Auszubildende. Das gibt Platz sechs im Bundesländerranking.
Foto: dpa/dpawebPlatz sieben: Hamburg
In der Hansestadt muss sich ein Lehrer in der gymnasialen Oberstufe um durchschnittlich 14,4 Schüler kümmern. Die Klassengröße ist somit in Ordnung, dafür ist es mit den Lehrstellen nicht weit her. 100 Azubis müssen sich auf 98,4 Ausbildungsplätze verteilen. Dafür ist auch in Hamburg die Zahl der Schulabbrecher rückläufig: um 2,3 Prozentpunkte ging die Zahl derer, die die Schule ohne Abschluss verlassen, zurück. Deutschlandweit ist das die größte positive Dynamik und beschert Hamburg in diesem Punkt den ersten Platz.
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Platz sechs: Berlin
Auch in Berlin verließen im Jahr 2010 weniger Schüler ohne Hauptschulabschluss die Schule als noch 2008. Mit einer Veränderung von -0,4 Prozentpunkten reicht es hier allerdings nur für Platz zwölf. Was die Klassengröße anbelangt, schafft es die Bundeshauptstadt dagegen auf Platz sechs: Auf jeden Oberstufenlehrer kommen nur 13,4 Schüler. Die sich allerdings nach dem Abitur - so sie nicht studieren - um Ausbildungsplätze prügeln müssen. 100 Azubis müssen sich nämlich auf 95,6 Lehrstellen verteilen. Im bundesweiten Vergleich ist das das schlechteste Ergebnis.
Foto: dpaPlatz fünf: Brandenburg
Im Nachbarland Brandenburg sind die Klassen in der Oberstufe im Schnitt noch etwas kleiner als in Berlin. Dort kommen auf einen Lehrer nur 12,9 Schüler. Rein rechnerisch sollte auch jeder dieser Schüler eine Lehrstelle finden können: In Brandenburg kommen 100 Azubis auf 101,4 Lehrstellen. Außerdem ging die Zahl der Schulabbrecher von 2008 bis 2010 um 1,4 Prozentpunkte zurück.
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Platz vier: Mecklenburg-Vorpommern
Mecklenburg-Vorpommern hat es nicht ganz aufs Treppchen geschafft und ist in puncto Klassengröße auf dem vierten Platz gelandet. Schüler der gymnasialen Oberstufe lernen dort in verhältnismäßig kleinen Klassen von 12,8 Schülern pro Lehrer. Was die Ausbildungsplatzdichte anbelangt ist das Bundesland deutschlandweit führend. Auf 100 Bewerber kommen im Schnitt 111,1 offene Stellen.
Foto: dpa/dpawebPlatz drei: Sachsen
In Sachsen kommen auf einen Lehrer in der Oberstufe durchschnittlich nur 11,8 Schüler. Im Bundesländerranking gibt das Platz drei. Dafür gab es in dem östlichen Bundesland eine unschöne Entwicklung bei der Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss. Im Jahr 2010 verließen 1,2 Prozent mehr Schüler die Schule ohne entsprechende Qualifikation, als es noch 2008 der Fall war. Das beschert Sachsen einen eher traurigen 13. Platz. Dafür haben sächsische Jugendliche gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz: Auf 100 Suchende kommen 103,8 Stellen.
Foto: dpaPlatz zwei: Sachsen-Anhalt
Die Silbermedaille für gute Lernbedingungen bekommt Sachsen-Anhalt: Dort unterrichtet ein Oberstufenlehrer im Schnitt 11,5 Schüler. Was das Lehrstellenangebot anbelangt, rangiert das Land im Mittelfeld und belegt mit 102,8 Lehrstellen auf 100 Suchende den achten Platz. Dafür ist leider die Zahl der Schulabbrecher gestiegen. Binnen zwei Jahren erhöhte sich die Quote um 1,4 Prozentpunkte.
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Platz eins: Thüringen
Das beste deutsche Bundesland für Schüler ist Thüringen: Dort lernen Gymnasiasten im kleinsten Klassenverband der Republik. Auf einen Lehrer kommen nur 11,1 Schüler. Auch bei den Ausbildungsplätzen steht Thüringen gut da: Für 105,2 Lehrstellen auf 100 Azubis gibt es im Vergleich den vierten Platz.
Foto: dpaDie Chancengerechtigkeit in den deutschen Schulsystemen macht zwar stetige, aber nur langsame Fortschritte. Das zeigt der Chancenspiegel, den die Bertelsmann Stiftung mit der Technischen Universität Dortmund und der Friedrich-Schiller-Universität Jena veröffentlicht hat.
Weniger Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss, und der Anteil der Hochschulzugangsberechtigten steigt. Der Bildungserfolg jedoch ist nach wie vor stark von der sozialen Herkunft abhängig. Neuntklässler aus höheren Sozialschichten haben in Mathematik bis zu zwei Jahre Vorsprung vor ihren Klassenkameraden aus bildungsferneren Familien.
Große regionale Unterschiede
Der Chancenspiegel analysiert jährlich, wie gerecht und leistungsstark das jeweilige Schulsystem der Bundesländer ist. Bildungsforscher vergleichen dafür die Durchlässigkeit der Schulsysteme sowie die Möglichkeiten der Schüler, sich gut ins Schulsystem zu integrieren, fachliche Kompetenzen zu entwickeln und gute Abschlüsse zu erhalten.
Die diesjährige Neuauflage bestätigt: Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind groß, aber kein Land ist in allen Bereichen Spitze oder Schlusslicht. Im Ausmaß überraschend ist, dass Bildungschancen auch innerhalb der einzelnen Bundesländer regional höchst ungleich verteilt sind.
Weniger Schulabgänger ohne Abschluss
Die bundesweit positiven Trends: Seit dem Vorjahr sank erneut der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss. Verließen 2011 noch 6,2 Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss, waren es 2012 nur noch 6,0 Prozent (2009: 6,9 Prozent). Gestiegen ist hingegen der Anteil der Jugendlichen, die Fachhochschul- bzw. Hochschulreife erlangten. 2011 gelang dies 51,1 Prozent der Schulabgänger, 2012 bereits 54,9 Prozent (2009: 46,7 Prozent).
Geringe Fortschritte stellt der Chancenspiegel bei schulischen Ganztagsangeboten fest. 2012 besuchten 32,3 Prozent der Schüler eine Ganztagsschule. Dieser Anteil hatte 2011 bei 30,6 Prozent gelegen. Der insgesamt langsame Ausbau deckt bei Weitem nicht die Nachfrage der Eltern nach Ganztagsplätzen; sie liegt bei 70 Prozent.
Im gebundenen Ganztag – also in Schulklassen, die über den gesamten Tag gemeinsam als Klassenverband unterrichtet werden – lernen lediglich 14,4 Prozent der Schüler. Genau diese Ganztagsform, so die Bildungsforschung, bietet jedoch gute Rahmenbedingungen dafür, alle Schüler individuell optimal zu fördern.
Der gebundene Ganztag kann potenziell am ehesten die Nachteile derjenigen Kinder ausgleichen, die in ihren Familien nur geringe Unterstützung erfahren. Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, forderte deshalb einen erheblich schnelleren Ausbau der Ganztagsangebote: "Ein Rechtsanspruch wäre der entscheidende Hebel, damit genügend Ganztagsschulen eingerichtet und bessere Konzepte entwickelt werden."
Anteil der Sonderschüler bleibt konstant
Zwischen Fortschritt und Stagnation sieht der Chancenspiegel die Teilhabechancen von Schülern mit Förderbedarf. Zwar gehen immer mehr Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf auf eine Regelschule, der Anteil der Sonderschüler jedoch bleibt konstant. "Dieses Doppelsystem schließt nach wie vor fast 5 Prozent aller Schüler vom Regelschulsystem aus. Außerdem bindet es wichtige Ressourcen, die für guten inklusiven Unterricht in den Regelschulen gebraucht werden", sagte Dräger.
Erstmals untersucht der Chancenspiegel nicht nur die Länderebene, sondern auch die Kreise und kreisfreien Städte. Die Bildungschancen sind auf der kommunalen Ebene höchst ungleich verteilt. In Bayern etwa verlassen landesweit nur 4,9 Prozent der Jugendlichen ohne Abschluss die Schule.
Regional allerdings schwankt dieser Anteil zwischen 0,7 Prozent und 12,3 Prozent – auch bedingt durch das jeweilige Schulangebot vor Ort. Beispiel Sachsen: Hier machen 44,7 Prozent der Schüler Fachabitur oder Abitur. Die kommunale Spannbreite liegt zwischen 32 Prozent und 63 Prozent. "Eine stärkere Unterstützung der regionalen Schulentwicklung durch die Länder ist ratsam. So kann der Entstehung von Ungleichheit begegnet werden, unabhängig von den kommunalen Finanzlagen", sagt Bos von der TU Dortmund.