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Bildung Die Inflation des Abiturs

Der Streit um die G8-Reform verdeckt die wahren Probleme des deutschen Schulsystems. Eine desorientierte Politik und vulgärökonomistische Ideologen ruinieren das Bildungsniveau der Abiturienten.

Abiturprüfung 2011 im Fach Deutsch in der Turnhalle des Anton-Bruckner-Gymnasiums in Straubing (Bayern) Quelle: dpa

Die Schulen sind zum Experimentierfeld einer völlig enthemmten Bildungspolitik geworden. Gerade erst hatten alle Bundesländer außer Rheinland-Pfalz die Umstellung auf "G8", also das achtjährige Gymnasium mit dem Abitur nach 12 statt wie bislang 13 Schuljahren, beschlossen. Nach den ersten Erfahrungen in der Praxis gab es harsche Kritik von Schülern, Eltern und Lehrern - eine Emnid-Umfrage zeigt, dass neun von zehn Müttern oder Vätern gar nichts vom "Turbo-Abi" halten. Und umgehend rücken jetzt viele Länder zumindest teilweise wieder davon ab. In Nordrhein-Westfalen gibt es bereits einige Modellschulen, an denen G9 wieder eingeführt wurde, ähnliches gilt für Schleswig-Holstein. Baden-Württemberg will seinen Schulen die Entscheidung überlassen, Bayern erlaubt Schülern, freiwillig ein Jahr länger zu bleiben.

Tatsächlich ist allerdings die heiß diskutierte Frage, ob nun G8 oder G9 besser ist, nicht die wirklich entscheidende. Hinter der Fassade des Streits um das Turbo-Abi geschehen an unserem Schulsystem nämlich Veränderungen, die einschneidender sind, als die Frage nach dem pro oder contra für ein Schuljahr, das in der Realität ohnehin eher ein halbes als ein ganzes Unterrichtsjahr war und ist. Nicht wann oder wie lange unsere Schüler lernen ist entscheidend, sondern was und ob sie mit einem Abiturzeugnis tatsächlich "hochschulreif" sind. Die Entscheidungen darüber fallen aber ohne öffentliche oder parlamentarische Debatten in den Hinterzimmern der Exekutive.

Wo die Schulen am besten sind
Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat Quelle: dpa
Schülerinnen und Schüler der Klassen drei und vier der Grundschule Langenfeld Quelle: dpa
SaarlandStärken: Im Saarland machen 51,9 Prozent das Abitur. Das ist über Bundesdurchschnitt und befördert das Land damit in die Spitzengruppe im Ländervergleich. Auch in puncto Integration ist das Saarland weit vorne: Nur 4,3 Prozent aller Schüler sind vom Regelschulsystem ausgeschlossen und werden in speziellen Förderschulen unterrichtet. Schwächen: Wirkliche Schwächen haben die Schulen beziehungsweise das Bildungssystem im Saarland laut dem Chancenspiegel nicht. In den einzelnen Bereichen der Kategorien Durchlässigkeit und Kompetenzförderung bewegt sich das Bundesland immer im Mittelfeld. So hat ein Kind auf einer sozial starken Familie eine dreimal höhere Chance, aufs Gymnasium zu gehen als ein Kind aus einer schwächer gestellten Familie. Das ist unschön, aber immer noch überdurchschnittlich gut. 15,9 Prozent aller Schüler in der Primar- und Sekundarstufe 1 besuchen eine Ganztagsschule (Bundesdurchschnitt: 26,9 Prozent). Ländervergleich: Untere Gruppe. Auch das Verhältnis 1:3,3 beim Wachsel der Schulform (pro Schüler, der von der Real- oder Hauptschule "aufsteigt", wechseln 3,3 Schüler vom Gymnasium auf die Realschule beziehungsweise von Real- zu Hauptschule) liegt noch unterhalb des Bundesdurchschnitts von 1:4,3. Auch im Lesen sind saarländische Schüler aud den vierten und neunten Klassen mittelmäßig. huGO-BildID: 25450255 ARCHIV - Schüler und Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat. Zu den Ergebnissen der Koalitionsrunde vom Wochenende gehört das Ziel, noch in dieser Wahlperiode eine Grundgesetzänderung zu erreichen, die das Kooperationsverbot von Bund und Ländern in der Bildungspolitik aufhebt. Foto: Frank Rumpenhorst dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa
Eine behinderte Schülerin sitzt am 01.11.2011 im Gebäude einer Integrierten Gesamtschule Quelle: dpa
Constanze Angermann steht vor dem Finale des Schreibkampfes "Frankfurt schreibt! - Der große Diktatwettbewerb" vor einer Tafel Quelle: dpa
 Ein Schulkind bearbeitet Schulaufgaben Quelle: dpa
Malstunde in der deutsch-chinesischen Kita im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg Quelle: dpa

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, nennt das, was an deutschen Gymnasien passiert, einen "Abiturwahn". Man könnte auch von einer galoppierenden Inflation sprechen. Beispiel Nordrhein-Westfalen: Es war nur wenigen Medien eine kurze Nachricht wert, dass sich in Nordrhein-Westfalen nicht nur die absolute Zahl der Abiturienten erhöht, sondern dass sich in den vergangenen Jahren auch die Noten dieser Abiturienten sehr stark verbessert haben. 2002 lag die Durchschnittsabiturnote noch bei 2,68, während sie im vergangenen Jahr bei 2,5 lag. Die Zahl der Abiturienten mit einem glatten Einser-Schnitt (1,0) stieg in den letzten fünf Jahren um sagenhafte 120 Prozent auf genau 1000 Schüler. Die Entwicklung ist nicht auf NRW beschränkt. Zum Beispiel schafften junge Thüringer im Schnitt sogar ein 2,0- und Bayern und Baden-Württemberger ein 2,4-Abi.

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Was ist los mit den deutschen Schülern? Können mehr als 40 Prozent der Kinder – in Hamburg liegt der Abiturientenanteil bereits bei über 50 Prozent - überhaupt das Niveau erreichen, das zur Hochschulreife nötig ist? Sind sie kollektiv klüger und fleißiger geworden? Die nordrhein-westfälische Kultusministerin Sylvia Löhrmann behauptet das tatsächlich. Gerade die guten Schüler strengten sich besonders an. Sie gehe daher davon aus, dass der Anstieg "nicht auf eine Senkung der Anforderungen im Abitur" zurückzuführen sei – wie die CDU-Landtagsabgeordnete Ina Scharrenbach zuvor behauptet hatte.

Taschenspielertricks der Kultusministerien

Deutschlands Spitzen-Universitäten 2012
RWTH AachenAachen liegt in allen technischen Disziplinen vorne. Das ist auch der Anspruch der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH), die als eine der wenigen deutschen Elite-Unis gilt. Mit ihrem Zukunftskonzept „RWTH 2020“ hat sie sich zum Ziel gesetzt, bis zum Ende des Jahrzehnts eine der weltweit besten „integrierten interdisziplinären technischen Hochschulen“ zu werden. Diese Anstrengungen fördert die Bundesregierung mit ihrer Exzellenz-Initiative. Exzellenz bescheinigt die WirtschaftsWoche der RWTH auch in ihrem Uni-Ranking: Sie belegt den ersten Platz in Naturwissenshaften, Elektrotechnik, Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau. Bei Informatik steht Aachen auf dem zweiten Platz Quelle: dapd
Uni MannheimJunge Universität, alter Sitz. Erst 1967 wurde die Mannheimer Handelshochschule zur Universität erhoben. Die im Mannheimer Barockschloss heimische Hochschule gehört damit zu den jüngeren deutschen Unis. Aufgrund ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Ursprünge, zeigt sich in diesem Bereich auch die Kompetenz der Uni. Im Hochschul-Ranking der WirtschaftsWoche belegt sie in den Fächern VWL und BWL jeweils den ersten Platz. Außerdem ist sie in den Top 10 jeweils in Wirtschaftsinformatik (3), Informatik (8) und Jura (8). Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)Die Uni Karlsruhe war die Informatik-Pionierin unter den deutschen Hochschulen. 1969 etablierte sie als erste deutsche Hochschule einen Informatik-Diplomstudiengang, drei Jahre später entstand in Karlsruhe die erste deutsche Fakultät für Informatik. Nachdem, sie sich 2005 den Zusatz „Forschungsuniversität“ gab fusionierte sie 2009 mit dem Kernforschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Die Informatik-Pionierarbeit hat sich gelohnt: Das KIT belegt in dem Fach den ersten Platz im WirtschaftsWoche-Ranking. Bei Elektrotechnik, Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurwesen kommt das KIT auf den zweiten Platz, bei Naturwissenschaften auf den dritten. Quelle: dpa
Technische Uni München (TUM)Die Bundesregierung zeichnete die Technische Uni München (TUM) gleich doppelt aus: Einerseits gehörte sie 2007 zu den ersten drei geförderten Hochschulen ihrer Exzellenz-Initiative, andererseits ernannte sie der Bund als Teil seiner Existenzgründer-Initiative „Exist“ zur Gründerhochschule. Denn an der TUM soll nicht nur geforscht, sondern damit auch Geld verdient werden. Dafür hat sie mit der UnternehmerTUM GmbH etwa eine eigene Unternehmensberatung für ihre Studenten gegründet, die auch über einen Förder-Fonds verfügt. Im Fach Wirtschaftsinformatik verleiht die WirtschaftsWoche der TUM den ersten Platz unter der deutschen Hochschulen, bei Naturwissenschaften gibt es den zweiten Platz, bei Elektrotechnik, Maschinenbau und Wirtschaftsinformatik den dritten Platz, sowie bei BWL den zehnten Platz. Quelle: Technische Universität München, Albert Scharger
Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)Konrad Adenauer, Theodor Heuss und Gustav Heinemann studierten hier schon: Die 1472 gegründete Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) zählt zu den renommiertesten Universitäten Deutschlands. Im internationalen Times-Higher-Education-Ranking wurde sie 2011 als beste deutsche Universität ausgezeichnet, beim Ranking der Shanghaier Jiao-Tong-Universität landet sie in Deutschland auf dem zweiten Platz nach der TU München. Bei der WirstchaftsWoche belegt sie den ersten Platz im Fach Jura, sowie den dritten Platz bei BWL und VWL, sowie den vierten bei Naturwissenschaften. Quelle: Creaitve Commons: CC BY-SA 3.0
Uni KölnDicht hinter Mannheim, liegt in den Wirtschaftswissenschaften die Uni Köln. Bei VWL und BWL belegt sie im WirtschaftsWoche-Ranking den zweiten Platz, bei Jura Platz 3 und bei Wirtschaftsinformatik Platz 5. Genau wie in Mannheim, geht auch die Kölner Uni auf eine Handelshochschule zurück. Gegründet im Jahr 1901, wurde sie 1919 zur Universität umgewandelt. Ihre Vorgänger-Uni wurde 1388 als vierte Universität im deutsch-römischen Kaiserreich gegründet. 1798 wurde sie unter napoleonischer Besetzung geschlossen. Die heutige Universität zu Köln wird ebenfalls von der Exzellenz-Initiative der Bundesregierung gefördert. Quelle: dpa/dpaweb
Technische Uni DarmstadtHoheitlich ist der Sitz des Technischen Uni Darmstadt. Wie in Mannheim, beherbergt auch in Darmstadt ein Residenzschloss die Hochschule. Ihr universitärer Status ist allerdings ganze 30 Jahre jünger als der Mannheimer. Seit 1877 ist sie eine Technische Hochschule, zur Universität wurde sie erst 1997. Getreu ihrem Namen liegen ihre Stärken im technischen Bereich: Beim Wirtschaftsingenieurwesen landet sie im WirtschaftsWoche-Ranking auf dem dritten Platz, bei Informatik, Elektrotechnik und Maschinenbau kommt sie auf den vierten, bei Naturwissenschaften auf Rang 5. Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Man muss schon fest an den Fortschritt der Menschheit und die Möglichkeiten der Pädagogik glauben, um Löhrmann zu folgen. Die Wirklichkeit ist ganz offensichtlich leider eine andere. Sie offenbart sich nicht in Studien, offiziellen Bildungsstatistiken und schon gar nicht in den Aussagen von Bildungspolitikern. Eher schon, wenn man Lehrer fragt – unter Zusicherung der Anonymität. Einhellige Antwort: Die Kinder sind nicht klüger oder fleißiger als früher. Es ist einfach heute deutlich leichter für nordrhein-westfälische Schüler, gute Noten zu bekommen als noch vor einigen Jahren. Oder besser gesagt: Es wird ihnen immer schwerer gemacht, wirklich schlechte Noten zu erhalten. "Eine fünf in einem Abitur-Fach ist fast unmöglich", sagt ein Oberstudienrat an einem Düsseldorfer Gymnasium. Tatsächlich haben sich schlicht und einfach die Vorgaben, nach denen nordrhein-westfälische Lehrer ihre Schüler benoten, verändert.

Für die Inflation des Abiturs sind nicht die Schüler und auch nicht allzu lasche Studienräte verantwortlich. Es ist das Werk einer völlig desorientierten Politik, die Abiturientenquoten mit erfolgreicher Bildung verwechselt. Im Schulgesetz von NRW steht: "Die Schule hat den Unterricht so zu gestalten und die Schülerinnen und Schüler so zu fördern, dass die Versetzung der Regelfall ist". Das ist eine implizite Drohung an Lehrer: Lass bloß keinen durchfallen, sonst bekommst Du Ärger.

Um ganz sicher zu gehen, dass Nordrhein-Westfalens Schulen immer mehr Abiturienten mit immer besseren Noten produzieren, hat Löhrmanns Ministerium den Lehrern praktische Taschenspielertricks zur Verfügung gestellt. "Wenn die Hälfte der Bevölkerung Marathon laufen oder an der Olympiade teilnehmen soll, muss man die Bedingungen ändern", hat der Mathematik-Professor Ruedi Seiler von der TU Berlin mal gesagt.

Die beliebtesten Abschlüsse

Zum Beispiel im Fach Geschichte in NRW: In der Abiturprüfung wird nur noch die Neuzeit ab der napoleonischen Epoche thematisiert. Den Rest der Weltgeschichte können Abiturienten getrost vergessen. Bei der Quellenanalyse bekommt der Schüler schon zwei von 100 Punkten dafür, wenn er den Autor der Quelle korrekt abschreiben kann. In der Abiturprüfung von 2010 ging es zum Beispiel um die Analyse einer Hitler-Karikatur von 1931. Allein für die Erkenntnis, dass es sich um eine Karikatur handelt, für die Beschreibung des Bildes, die Nennung des Zeichners (der Name stand unter dem Bild) und die Nennung des Erscheinungsdatums (es stand auch unter dem Bild) erhielt ein Prüfling schon 26 von 100 möglichen Punkten. Wenn er nun noch in korrektem und verständlichem Deutsch formulierte, erhielt er noch mal 20 Punkte – und hatte die Prüfung damit schon bestanden, selbst wenn die eigentliche analytische Leistung null war.

Die vom Ministerium für Schule und Weiterbildung vorgegebenen Bewertungsgrundsätze sind so gestaltet, dass es fast keine Fünfer mehr geben kann. "Die schlechteste Note, die man geben kann, ist eine 5+, aber da muss der Schüler auch schon sehr viel Mist gebaut haben", sagt ein Lehrer. Die Note "ungenügend" (6) existiert de facto gar nicht mehr.

"Kompetenzorientierung" als Fetisch

Die Noteninflation an den Unis
Sprach- und KulturwissenschaftenIm Prüfungsjahr 2000 bekamen 80,5 Prozent der Absolventen (ohne Promotionen) die Noten sehr gut oder gut. 2011 waren es schon 88,4 Prozent. Quelle: destatis Quelle: dapd
SportDer Anteil der sehr guten und guten Noten veränderte sich zwischen 2000 und 2011 von 80,4 auf 83,3 Prozent. Quelle: Fotolia
Rechts-, Wirtschafts- und SozialwissenschaftenIn Jura wird traditionell streng benotet. Bei Soziologen und Ökonomen dagegen nicht. Gemeinsam ergibt sich dadurch ein Anteil der Einser- und Zweier-Zeugnisse von 55,3 (2000) beziehungsweise 71,8 Prozent (2011) Quelle: Fotolia
Mathematik und NaturwissenschaftenDie „harten“ Naturwissenschaftler haben die Inflation offenbar schon hinter sich. Schon 2000 wurden 83,3 Prozent der Absolventen wurden mit „sehr gut“ oder „gut“ bewertet. Nun sind es 83,6 Prozent. Quelle: Fotolia
MedizinAußer den Juristen sind Medizinprofessoren die härtesten Notengeber. Der Anteil der mindestens als „gut“ benoteten Absolventen stieg dennoch von 57,3 auf 71,3 Prozent.  Angehende Tierärzte wurden sogar nur zu 56,5 Prozent mit mindestens „gut“ benotet. Quelle: dpa
Agrar-, Forst- und ErnährungswissenschaftenDie Landwirte machen vor, dass es auch anders geht. Der Anteil der „sehr guten“ und „guten“ Abschlüsse sank von 80,2 auf 77 Prozent. Quelle: dpa
IngenieurwissenschaftenDie Ingenieure werden noch relativ streng benotet. Aber auch bei ihnen war die Noteninflation deutlich: 76,3 auf 79,6 Prozent. Quelle: dpa/dpaweb

Im Fach Englisch gab es bis vor einigen Jahren für jeden Prüfling einen Fehlerquotienten - Anzahl der Fehler mal Hundert durch Wortzahl. Wenn der höher als sechs war, konnte die Klausur nicht als bestanden gewertet werden. Den Quotienten gibt es nicht mehr. Stattdessen werden nun 30 von 150 möglichen Punkten im Abitur für die "kommunikative Textgestaltung" vergeben. Absätze einzufügen wird also bereits mit Punkten belohnt.

Der wirkungsvollste Noten-Booster für die Fremdsprachen war aber ohne Zweifel ein anderer Verwaltungsakt: In Fremdsprachenprüfungen sind seit einigen Jahren zweisprachiges Wörterbücher zugelassen. Spicken ist damit legalisiert.

Diese Wörterbücher, von denen frühere Abiturienten-Generationen nur träumen konnten, sind die Inkarnation des zentralen Schlagwortes der deutschen Schullehrpläne. Nicht mehr Wissen sollen die Schüler erwerben, sondern "Kompetenzen". Früher mussten Abiturienten Vokabeln memorieren, heute reicht es, sie nachschlagen zu können.

Was bedeutet "Kompetenzorientierung" und wo kommt diese Idee her? Sie geht unmittelbar auf das Bildungskonzept der OECD zurück, das die Wirtschaftsorganisation mit ihren PISA-Tests weitgehend erfolgreich zum internationalen Standard erhoben hat. Dieses Kompetenzkonzept setzt als Ziel der Bildung – vereinfacht gesagt – die Fähigkeit der Schüler, sich auf aktuelle, vor allem ökonomische Erfordernisse einzustellen. Anpassungsfähigkeit als höchstes Ideal. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was unter humanistischer Bildung bisher verstanden wurde.

Alle Bildungsreformen der Vergangenheit – von Humboldt bis zu den Uni-Neugründungen der 1960er Jahre – hatten eine philosophische Grundlage. Sie folgten der Idee vom Menschen als einem frei geborenen, vernunftbegabten und sozialen Wesen. Zu diesem humanistischen Ideal gehörte die Gewissheit, dass Bildung um ihrer selbst willen erstrebenswert ist, nicht um irgendeinen anderen, ökonomischen oder sonstigen Zweck damit zu verfolgen.

Welche Länder das Budget kürzen

Diese Selbstgewissheit ist im Laufe des 20. Jahrhunderts verloren gegangen. Die aktuelle Bildungspolitik baut nicht mehr auf ein humanistisches Fundament, sondern auf den Treibsand der "Employability". Der Begriff "Bildung" mutierte innerhalb weniger Jahre und bezeichnet nun meist sinngemäß die arbeitsmarktgerechte Ausbildung junger Menschen. Die Frage, was die Existenz des Menschen jenseits seines Arbeitsplatzes ausmacht, wird gar nicht erst gestellt.

Die deutsche Bildungspolitik des 19. und 20. Jahrhunderts war erfolgreich, weil sie sich eben gerade dadurch auszeichnete, dass sie ihre Ziele völlig abgekoppelt von unmittelbaren Verwertungszielen festlegte. Die Saat für den kometenhaften Aufstieg der deutschen Wissenschaft und in der Folge auch der deutschen Wirtschaft im 19. Jahrhundert war dieser Begriff von Bildung und Wissen als Selbstzweck. Nicht nur die vielen deutschen Nobelpreisträger, sondern auch die großen Köpfe der deutschen Unternehmensgeschichte waren Produkte dieses in sich selbst ruhenden Bildungssystems.

Kollektiver Selbstbetrug statt Bildungsauftrag

Die beliebtesten Studienfächer in Deutschland
IngenieurwissenschaftenIn dieser Fächergruppe fiel der Rückgang besonders stark aus: Noch knapp 106.300 junge Menschen begannen dieses Studium. Das sind 8,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Vor allem die Zahl der männlichen Studienanfänger sank, während die Anzahl der Frauen stieg. Ursache ist nach Angaben der Statistiker die Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011, die damals zu einem deutlichen Anstieg der männlichen Erstimmatrikulierten geführt hatte. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 1Es muss nicht immer das oberste Gericht sein wie die Richter vom Bundesverfassungsgericht (Bild). Für 185.856 Studienanfänger, die voriges Semester 2011/2012, das Studium der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften angefangen haben, gibt es an deutschen Gerichten auch nicht genügend Arbeitsplätze. Die Politologen, Volkswirte und Juristen, die jedes Jahr zu Tausenden die Universitäten verlassen, finden ausreichend Betätigungsfelder in Politik, Wirtschaft und Medien. Quelle: dapd
Mathematik und NaturwissenschaftAuch in dieser Fächergruppe sank 2012 die Anzahl der Erstimmatrikulierten im Vergleich zum Vorjahr um 7,2 Prozent. Insgesamt schrieben sich 84.600 Anfänger für das Studium ein. Quelle: dpa/dpaweb
Sprach-und Kulturwissenschaften 82.600 Personen nahmen 2012 ein Studium aus der Fächergruppe der Sprach- und Kulturwissenschaften auf. Damit ist auch hier ein Rückgang um 5,1 Prozent zu verzeichnen. Quelle: dpa
Rechts-, Wirtschafts- und SozialwissenschaftenFür ein Studium dieser Fächergruppe entschieden sich 163.500 Studierende. Mit 2,9 Prozent ist lediglich ein kleiner Rückgang zu verzeichnen. Quelle: dpa
Humanmedizin und GesundheitswissenschaftenAls einzige Fächergruppe kann der Bereich Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften ein Plus verzeichnen und dann direkt - mit 7,9 Prozent - ein großes. 24.100 Studienanfänger gab es in diesem Bereich im vergangenen Jahr. Quelle: dpa

Der Pisa-Schock von 2000, also der von der OECD festgestellte, angeblich katastrophale Zustand des deutschen Schulsystems, war die Basis für eine seither nicht abflauende Reformwut. Angefeuert wird sie von der ununterbrochenen Begleitmusik der Studien von wirtschaftsnahen Stiftungen und Sonntagsreden der selbsternannten Bildungsexperten in Unternehmensverbänden und Beratungsfirmen. Anstelle von Philosophen dominieren nun Topmanager wie Jürgen Kluge und Thomas Sattelberger den bildungspolitischen Diskurs. Es gibt wenige Beispiele in der Geschichte dafür, dass ein Land derart widerstandslos wie Deutschland ein offensichtliches Erfolgsrezept freiwillig aufgegeben hat.

Debatten über Bildung werden seither nicht mehr mit Zitaten von Aristoteles oder Kant geführt, sondern mit Hilfe von Studien und Tests, die belegen sollen, dass die Turbo-Abiturienten besser lernen oder gestresster sind, oder beides oder weder das eine noch das andere. Und wahrscheinlich ist diese Flut der Studien ein Teil des Problems, weil sie den Begriff von dem, was Bildungserfolg eigentlich ist, radikal verändern. Gut ist eine Schule oder ein Schulsystem demnach, wenn es in den Rankings der Vergleichsstudien oben steht, also wenn es viele Abiturienten mit "Kompetenzen" produziert. Seit dem durchschlagenden PR-Erfolg der ersten PISA-Studie der OECD wird über Bildung so debattiert wie über das Bruttoinlandsprodukt, und in den Kultusministerien klappern vor jedem neuen PISA-Test die Zähne.

Das sind die besten Anbieter für MBA-Studiengänge

Das tiefgründige Unbehagen, das wegen dieser Selbstaufgabe und Unterwerfung unter die ökonomische Wettbewerbslogik die Lehrerzimmer und Kultusministerien in Deutschland ergriffen hat, wird durch gegenseitiges Schulterklopfen aller Beteiligten betäubt. Ein kollektiver Selbstbetrug durch Aufweichung der Standards macht blind für den Niedergang des humboldtschen Bildungsideals, dessen Ausdruck das Abitur als "allgemeine Hochschulreife" war. Solange die Position in den internationalen Vergleichsstudien sich verbessert, muss man ja alles richtig gemacht haben. Und die Schüler sind auch zufrieden. "Auf Grund der guten Noten entwickeln manche einen Genie-Verdacht gegen sich selbst", sagt ein Lehrer. Die sind jedoch oft jäh enttäuscht, wenn sie an der Uni in der ersten Mathematikvorlesung von Professor Seiler merken, dass ihnen nicht Kompetenzen, sondern handfestes Wissen fehlt.

Die beliebtesten Business-Schools
The Archbishop of Cantebury Rowan Williams (R) and atheist scholar Richard Dawkins pose for a photograph outside Clarendon House at Oxford University Quelle: REUTERS
Screenshot SDA Bocconi Quelle: Screenshot
Screenshot Rotterdam School of Management Quelle: Screenshot
Screenshot HEC Quelle: Screenshot
PR-Bild vom Campus des IMD Schweiz Quelle: Pressebild
Screenshot Quelle: Screenshot
Foto vom Campus des Iese Quelle: Pressebild

Ergebnis ist ein Scheinwettbewerb, in dem nicht der tatsächliche Bildungserfolg, auch nicht einmal der Ausbildungserfolg das Kriterium ist, sondern zweifelhafte Zahlen aus Qualitätsevaluationen. Die OECD oder der Stifterverband definieren irgendwelche Ziele, zum Beispiel eine Studierquote von Nichtakademikerkindern - und die Schulen und Hochschulen laufen ihnen wie geprügelte Hunde hinterher. Lehrer sind dadurch zu Dienstleistern und Schulleiter zu Managern umfirmiert. Sie sorgen nicht mehr für Bildungserlebnisse, sondern optimieren die Zahlen. Ihr Antrieb soll sein, dass Eltern ihre Kinder bei Ihnen anmelden und möglichst viele von diesen die Schule mit einem möglichst guten Abiturzeugnis verlassen. Und da die Nichtakademikerkinder nicht klüger werden, nutzt man halt die oben beschriebenen Taschenspieltricks.

In Arbeit
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Dieses politisch angeheizte Anmeldungswettrennen zwischen den einzelnen Schulen verbessert nicht das Schulwesen und schon gar nicht die Bildung der Schüler, sondern produziert quantitative Erfolge, die in Wahrheit so gut wie nichts bedeuten. Und die schlimmste Folge: Der an Zahlen festgemachte Wettbewerb zerstört die unverzichtbare Grundlage für jedes wirklich erfolgreiche Bildungssystem, nämlich die intrinsische Motivation der Lehrer, ihren Schülern etwas beizubringen. "Anstatt Umfragen, standardisierte Tests und Kompetenzraster, die Objektivität bloß vorgaukeln und uns zu Bürokraten degradieren, brauchen wir Pädagogen Muße und Vertrauen, um unserem Bildungsauftrag mit Einfühlung und Fachkenntnis nachzukommen", schreibt ein Lehrer in einem Leserbrief der FAZ. Kein Bildungssystem kann besser sein als seine Lehrer.

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