WiWo App Jetzt gratis testen!
Anzeigen

Bildung Die Inflation des Abiturs

Der Streit um die G8-Reform verdeckt die wahren Probleme des deutschen Schulsystems. Eine desorientierte Politik und vulgärökonomistische Ideologen ruinieren das Bildungsniveau der Abiturienten.

Abiturprüfung 2011 im Fach Deutsch in der Turnhalle des Anton-Bruckner-Gymnasiums in Straubing (Bayern) Quelle: dpa

Die Schulen sind zum Experimentierfeld einer völlig enthemmten Bildungspolitik geworden. Gerade erst hatten alle Bundesländer außer Rheinland-Pfalz die Umstellung auf "G8", also das achtjährige Gymnasium mit dem Abitur nach 12 statt wie bislang 13 Schuljahren, beschlossen. Nach den ersten Erfahrungen in der Praxis gab es harsche Kritik von Schülern, Eltern und Lehrern - eine Emnid-Umfrage zeigt, dass neun von zehn Müttern oder Vätern gar nichts vom "Turbo-Abi" halten. Und umgehend rücken jetzt viele Länder zumindest teilweise wieder davon ab. In Nordrhein-Westfalen gibt es bereits einige Modellschulen, an denen G9 wieder eingeführt wurde, ähnliches gilt für Schleswig-Holstein. Baden-Württemberg will seinen Schulen die Entscheidung überlassen, Bayern erlaubt Schülern, freiwillig ein Jahr länger zu bleiben.

Tatsächlich ist allerdings die heiß diskutierte Frage, ob nun G8 oder G9 besser ist, nicht die wirklich entscheidende. Hinter der Fassade des Streits um das Turbo-Abi geschehen an unserem Schulsystem nämlich Veränderungen, die einschneidender sind, als die Frage nach dem pro oder contra für ein Schuljahr, das in der Realität ohnehin eher ein halbes als ein ganzes Unterrichtsjahr war und ist. Nicht wann oder wie lange unsere Schüler lernen ist entscheidend, sondern was und ob sie mit einem Abiturzeugnis tatsächlich "hochschulreif" sind. Die Entscheidungen darüber fallen aber ohne öffentliche oder parlamentarische Debatten in den Hinterzimmern der Exekutive.

Wo die Schulen am besten sind
Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat Quelle: dpa
Schülerinnen und Schüler der Klassen drei und vier der Grundschule Langenfeld Quelle: dpa
SaarlandStärken: Im Saarland machen 51,9 Prozent das Abitur. Das ist über Bundesdurchschnitt und befördert das Land damit in die Spitzengruppe im Ländervergleich. Auch in puncto Integration ist das Saarland weit vorne: Nur 4,3 Prozent aller Schüler sind vom Regelschulsystem ausgeschlossen und werden in speziellen Förderschulen unterrichtet. Schwächen: Wirkliche Schwächen haben die Schulen beziehungsweise das Bildungssystem im Saarland laut dem Chancenspiegel nicht. In den einzelnen Bereichen der Kategorien Durchlässigkeit und Kompetenzförderung bewegt sich das Bundesland immer im Mittelfeld. So hat ein Kind auf einer sozial starken Familie eine dreimal höhere Chance, aufs Gymnasium zu gehen als ein Kind aus einer schwächer gestellten Familie. Das ist unschön, aber immer noch überdurchschnittlich gut. 15,9 Prozent aller Schüler in der Primar- und Sekundarstufe 1 besuchen eine Ganztagsschule (Bundesdurchschnitt: 26,9 Prozent). Ländervergleich: Untere Gruppe. Auch das Verhältnis 1:3,3 beim Wachsel der Schulform (pro Schüler, der von der Real- oder Hauptschule "aufsteigt", wechseln 3,3 Schüler vom Gymnasium auf die Realschule beziehungsweise von Real- zu Hauptschule) liegt noch unterhalb des Bundesdurchschnitts von 1:4,3. Auch im Lesen sind saarländische Schüler aud den vierten und neunten Klassen mittelmäßig. huGO-BildID: 25450255 ARCHIV - Schüler und Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat. Zu den Ergebnissen der Koalitionsrunde vom Wochenende gehört das Ziel, noch in dieser Wahlperiode eine Grundgesetzänderung zu erreichen, die das Kooperationsverbot von Bund und Ländern in der Bildungspolitik aufhebt. Foto: Frank Rumpenhorst dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa
Eine behinderte Schülerin sitzt am 01.11.2011 im Gebäude einer Integrierten Gesamtschule Quelle: dpa
Constanze Angermann steht vor dem Finale des Schreibkampfes "Frankfurt schreibt! - Der große Diktatwettbewerb" vor einer Tafel Quelle: dpa
 Ein Schulkind bearbeitet Schulaufgaben Quelle: dpa
Malstunde in der deutsch-chinesischen Kita im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg Quelle: dpa

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, nennt das, was an deutschen Gymnasien passiert, einen "Abiturwahn". Man könnte auch von einer galoppierenden Inflation sprechen. Beispiel Nordrhein-Westfalen: Es war nur wenigen Medien eine kurze Nachricht wert, dass sich in Nordrhein-Westfalen nicht nur die absolute Zahl der Abiturienten erhöht, sondern dass sich in den vergangenen Jahren auch die Noten dieser Abiturienten sehr stark verbessert haben. 2002 lag die Durchschnittsabiturnote noch bei 2,68, während sie im vergangenen Jahr bei 2,5 lag. Die Zahl der Abiturienten mit einem glatten Einser-Schnitt (1,0) stieg in den letzten fünf Jahren um sagenhafte 120 Prozent auf genau 1000 Schüler. Die Entwicklung ist nicht auf NRW beschränkt. Zum Beispiel schafften junge Thüringer im Schnitt sogar ein 2,0- und Bayern und Baden-Württemberger ein 2,4-Abi.

WirtschaftsWoche Shop

Was ist los mit den deutschen Schülern? Können mehr als 40 Prozent der Kinder – in Hamburg liegt der Abiturientenanteil bereits bei über 50 Prozent - überhaupt das Niveau erreichen, das zur Hochschulreife nötig ist? Sind sie kollektiv klüger und fleißiger geworden? Die nordrhein-westfälische Kultusministerin Sylvia Löhrmann behauptet das tatsächlich. Gerade die guten Schüler strengten sich besonders an. Sie gehe daher davon aus, dass der Anstieg "nicht auf eine Senkung der Anforderungen im Abitur" zurückzuführen sei – wie die CDU-Landtagsabgeordnete Ina Scharrenbach zuvor behauptet hatte.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%