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Bildung Wie der Vermessungs-Wahn unseren Schulen schadet

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Fragwürdige Quoten

1. Die Abiturientenquote ist das medial sichtbarste Symbol von vermeintlichem Erfolg oder Misserfolg eines Schulsystems. An der Abiturientenquote hängt das Prestige von Schulleitern, Ministern und ganzen Regierungen. Länder werden in OECD-Statistiken an den Pranger gestellt, wenn die Quoten zu niedrig scheinen. Das hat politische Folgen.

In Nordrhein-Westfalen machen 54,1 Prozent aller Schüler eines Jahrgangs in NRW das Abitur. Ein Spitzenplatz unter den deutschen Ländern. An anderer Stelle jedoch erfährt man, dass die Schüler aus NRW in den PISA-Tests im bundesweiten Leistungsvergleich der Neuntklässler unter dem Durchschnitt bleiben. Eine Diskrepanz, die ohne politische Nachhilfe bei der Notengestaltung nicht zu erklären ist.

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    2.  Das Abschneiden beim PISA-Test der OECD liefert einen Anhaltspunkt für die Leistungsfähigkeit von Schülern. Allerdings ist die Struktur dieser Tests den Lehrern nach ein bis zwei Durchläufen vertraut, und sie können die Schüler entsprechend präparieren. "Teaching to the test" nennt sich dies im Jargon.  Wer gut abschneidet, ist womöglich nur in den Tests gut.

    3. Zur Sitzenbleiberquote: Nichts ist einfacher als eine Versetzungsordnung qua ministeriellem Federstrich so abzuändern, dass der Kreis potenzieller Wiederholer schrumpft und eine geringe Quote erreicht wird, was dann als positiv vermarktet wird. Das Denken in "Input" und "Output" und "Rankings" führt dazu, dass die Wirklichkeit den gewünschten Zahlen angepasst wird. Nichts ist wirksamer als ein Schulleiter, der, angestachelt vom Ehrgeiz, im internen Ranking des Kultusministeriums mit „seiner“ Schule möglichst hoch oben zu stehen, an seiner Schule keine Wiederholer will und dies seinem Kollegium unmissverständlich deutlich macht. Wozu man wissen muss, dass der Schulleiter – zumindest in manchen Bundesländern – neuerdings im Rahmen der „eigenständigen Schule“ ein gewichtiges Wort bei der Beförderung „seiner“ Lehrer mitzureden hat. Wenige "Sitzenbleiber" spiegeln also eher politische Wunschvorstellungen und persönlichen Ehrgeiz von Vorgesetzten einerseits und von Konformismus seitens Untergebener andererseits anstatt Qualität von Unterricht. Außerdem: Einige Bundesländer haben das "Sitzenbleiben" ganz abgeschafft. Sind die Schulen deswegen besser geworden? Haben sich die Leistungen der Schüler dadurch verbessert?

    Die Länder mit der höchsten Akademikerquote
    Platz 10: IrlandBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 39,7 ProzentIm Jahr 2012 haben knapp 40 Prozent der Iren zwischen 25 und 64 Jahren eine universitäre Ausbildung. Das resümiert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (kurz: OECD) in ihrem Bildungsbericht 2014. Deutschland hingegen schafft es nicht unter die Top Ten: Nur 28 Prozent haben einen Tertiärabschluss – also ein abgeschlossenes Studium oder einen Meister. Der OECD-Durchschnitt liegt dagegen bei knapp 33 Prozent. Quelle: AP
    Platz 9: NeuseelandBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 40,6 ProzentDie weltweite Finanzkrise hat sich in Neuseeland nicht wirklich bemerkbar gemacht: Während die Zahl der Studenten in vielen Industriestaaten zwischen 2008 und 2011 zurückgegangen ist, steigt sie in Neuseeland weiter an und liegt bei knapp 41 Prozent. Im Jahr 2011 investieren neuseeländische Studenten im Durchschnitt knapp 11.000 US-Dollar in ihre Hochschulausbildung. Quelle: dpa
    Platz 8: GroßbritannienBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 41,0 ProzentA-Level-Studentin Tabitha Jackson (r.) freut sich mit ihren Kommilitoninnen über ihren Abschluss am Brighton College. 41 Prozent der britischen Bevölkerung hat einen Hochschulabschluss. Ein Studienjahr in Großbritannien kostet rund 16.000 US-Dollar. Quelle: REUTERS
    Platz 7: AustralienBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 41,3 ProzentEin Surfer springt mit seinem Brett in die Wellen vor Sydney. Auch „Down Under“ hat eine gut qualifizierte Bevölkerung, die deutlich über dem OECD-Durchschnitt liegt: 41,3 Prozent der Erwachsenen haben einen Universitätsabschluss. Pro Jahr muss ein australischer Student etwa 16.000 US-Dollar für seine Ausbildung zahlen. Quelle: AP
    Platz 6: KoreaBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 41,7 ProzentJunge koreanische Studentinnen feiern ihren Abschluss an der privaten Sookmyung Universität in Seoul. In Korea haben 41,7 Prozent der erwachsenen Bürger einen Hochschulabschluss. Ein Studienjahr kostet knapp 10.000 US-Dollar. Quelle: dpa
    Platz 5: USABevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 43,1 ProzentVon allen 30 untersuchten Staaten ist ein Studium in den USA am teuersten: Rund 26.000 US-Dollar muss ein Student dort pro Jahr an einer Universität zahlen. Dennoch kann fast jeder zweite Erwachsene einen Hochschulabschluss vorweisen. Auf diesem Foto ist der Campus der Georgetown University in Washington zu sehen. Quelle: AP
    Platz 4: IsraelBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 46,4 ProzentDieses Bild zeigt die israelische Universität Beerscheva, die auch als Ben-Gurion University of the Negev bekannt ist. Auch Israels Bevölkerung ist mit einem Anteil von 46,4 Prozent Hochschulabsolventen überdurchschnittlich gut ausgebildet. Pro Jahr investiert ein israelischer Student im Durchschnitt knapp 12.000 US-Dollar in seine Ausbildung. Quelle: dpa

    4. Eine hohe oder niedrige Inklusionsquote behinderter Schüler scheint mir eher auf die Stärke oder Schwäche des Sozialsystems hinzuweisen als auf die des Schulsystems: Keine Schule wird einen Behinderten abweisen, der fähig ist, dem Unterricht zu folgen. Die Exklusion hat sich bisher primär daraus ergeben, dass die baulichen Gegebenheiten wie  Lifte, spezielle Sanitäranlagen und ähnliches fehlten. Inklusion der geistig behinderten Kinder entspricht zwar dem gegenwärtigen Stand politischer Korrektheit. Ob sie aber für die Beteiligten sinnvoll ist, bleibt fraglich. Jedenfalls gibt es zahlreiche Eltern behinderter Kinder, die um den Erhalt spezieller Förderschulen für ihre Kinder kämpfen.

    5. Ganztagsschulen  verhelfen im Schnitt sicher denjenigen Schülern zu größerem Erfolg, die aus einem sozial benachteiligten Umfeld stammen. Wie Ganztagsschulen einem Schüler, der aus einem fürsorglichen sozialen Ambiente stammt, weiterhelfen sollen, erschließt sich mir nicht: Die selbstverantwortete Gestaltung von Nachmittagen scheint mir ein hohes Gut, das zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt und einem jungen Menschen nicht ohne Not genommen werden sollte. Außerdem: Die positive Wertung flächendeckender Ganztagsschulen ist im Hinblick auf die bescheidenen bis dürftigen Resultate anderer Länder mit schulischer Ganztagsbetreuung wie Frankreich, Großbritannien und die USA nicht nachvollziehbar.

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