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Bildung Auf dem Weg in die Unwissensgesellschaft

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Kompetente Wenigwisser

Anstelle des angeblich unnützen Wissens sollen Kompetenzen, also Fähigkeiten, erworben werden, die unmittelbar auf die zu lösenden Probleme der künftigen Arbeitsmarktteilnehmer anzuwenden sind. Der Kompetenzbegriff eröffnete den Autoren der Lehr- und Studienpläne ein unendlich weites Feld der Beliebigkeit.

Immer neue Kompetenzen – im Schweizer Lehrplan 21 sind es nicht weniger als 4500 verschiedene – werden dem Schüler abverlangt. Allein im Philosophieunterricht beginnt das mit der Reflexionskompetenz, dazu kommt dann die "phänomenologische Kompetenz" und als Krönung die Handlungskompetenz.

Wenn zwischendurch auch mal von Sachkompetenz die Rede ist, so heißt das nicht, dass der Schüler irgendetwas wirklich wissen muss. Inhalte, also zum Beispiel die Lehren eines bestimmten Philosophen, sind stets nur als Beispiel zu nutzen, an dem der Schüler seine Kompetenz zeigen soll.

Das bedeutet also in der Konsequenz den Verzicht auf jegliches verbindliche Wissen. Die Reflexionskompetenz lässt sich schließlich an einem Text von Marx genauso demonstrieren wie an einem von Schumpeter. Aber heißt das, dass es egal ist, ob Schüler heute Marx oder Schumpeter lesen sollen?

„333 bei Issos Keilerei“. Der Merkspruch von Generationen deutscher Gymnasiasten wird heutigen Schülern vermutlich unbekannt bleiben und bald nicht einmal mehr eine Anekdote sein. Man kann nun fragen: Ist das nicht wurscht? Einmal „Issos“ oder „333 vor Christus“ in die Suchmaske von Google eingeben, schon erfährt jeder ganz ohne Paukerei, wie das Heer Alexanders des Großen die Perser unter Dareios in Kleinasien in die Flucht schlug.

Nur, was hilft der Wikipedia-Eintrag demjenigen, der noch nie etwas von Alexander, Dareios, Makedonen und Persern gehört hat? Jeder Satz des Eintrags wird ihn nur zusätzlich verwirren.

Das gilt natürlich auch für alle anderen Wissensgebiete: Ohne ein Skelett an Faktenwissen ist es gar nicht möglich, sich über Detailwissen zu informieren.

Hochschule



Die kompetenten jungen Menschen, die aus dem neuen kompetenzorientierten Bildungssystem hervorgehen, werden also, steht zu befürchten, solche sein, die wenig wissen, aber viele konkrete Probleme lösen zu können glauben.

Dass sie dadurch zu produktiveren Arbeitskräften werden, kann man hoffen - aber auch bezweifeln. Nicht zu bezweifeln ist, dass ein Mensch, der wenig weiß, eher glaubt, was ihm gesagt wird, weil kritisches Denken ohne Wissen kaum möglich ist.

Eine Gesellschaft des Unwissens, auf die wir möglicherweise zusteuern, droht damit auch eine Gesellschaft der Unmündigkeit zu werden.

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