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Bildung Wie der Vermessungs-Wahn unseren Schulen schadet

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Perfekte Irreführung

6. Wenn wenige Schüler aus sozial benachteiligten Schichten das Gymnasium besuchen, hat auch dies wenig mit der Qualität von Gymnasien zu tun, aber viel mit der Prägung der Schüler durch das Elternhaus. Wenn Eltern ihre Kinder prügeln; wenn sie alkohol- oder drogenabhängig sind; wenn sie selbstverständlich von der „Stütze“ leben; wenn Kinder den Inhalten des Internets ungefiltert ausgesetzt sind – dann wird der Gymnasiallehrer, selbst wenn er sich noch so viel Mühe gibt, für Kinder und Jugendliche zu einer Person, die aus einer sehr fernen Welt zu ihnen spricht, deren Sprache sie kaum hören, geschweige verstehen. Betreuung und Förderung der Kinder im vorschulischen Alter und in der Grundschule hätte vielleicht helfen können. Hilfe am Gymnasium  kommt um Jahre zu spät.

7. Zahlen zur Durchlässigkeit des Systems nach „oben“ eignen sich perfekt zur Irreführung. Gab es bis vor einigen Jahren etwa in Niedersachsen für die Orientierungsschüler (5. und 6. Jahrgang) eine Empfehlung über den weiteren Schulbesuch seitens der Orientierungsstufe, die von den Eltern weitgehend beachtet wurde, gibt es mit der Abschaffung der Orientierungsstufe auch keine Empfehlung mehr. Als Folge werden die fünften Klassen des Gymnasiums seitdem mit Schülern überschwemmt. Daraus wiederum folgt, dass viele Kinder sich eine Zeit lang am Gymnasium quälen und schließlich doch den Rückzug in Real- oder Hauptschule antreten. Als es noch Empfehlungen gab, war der Rücklauf im exakt gleichen System geringer.

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    8. Die Schulabbrecherquote hingegen scheint eine robuste Größe zu sein: Wenn es einem Land nicht gelingt, für möglichst alle Schüler eine Schulform zu finden, in der sie ihr Potential entfalten können, offenbart dies eine markante Schwäche des Systems.

    9. Eine Qualitätsaussage über Schule entsprechend der Quote derer, die nach der Schule einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz finden, relativiert sich, wenn das konjunkturelle Umfeld mit einbezogen wird, in das die Schüler entlassen werden: Boomt die Wirtschaft, oder liegt sie darnieder?  Wie steht es mit dem demographischen Faktor? Dementsprechend wird die Quote der Schulabgänger, die Ausbildung und Arbeit finden, variieren.  Andererseits ist es Aufgabe der Politik,  Bildungskonzepte zu verfolgen, die von solchen Schwankungen unabhängig sind. Eine über mehrere Jahre ermittelte Quote wäre demnach eine robuste Aussage über die Qualität eines Schulsystems.

    Cui bono? Wem nützen die Statistiken? Wer sich diese Frage nicht stellt, wenn er Zahlen interpretiert, riskiert, ihnen auf den Leim zu gehen. Im vorliegenden Fall soll ein Teil des Datenmaterials den Nutzen einer Bildungspolitik sichtbar machen, die sich als "innovativ" begreift. Hat diese "Innovation" wirklich die Zauberkraft, die das Wort suggeriert, oder ist sie am Ende nur fauler Zauber?

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