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Bildung Wie der Vermessungs-Wahn unseren Schulen schadet

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Politische Noten

Bis vor wenigen Jahren war eine Schulnote das in einer Ziffer zusammengefasste Ergebnis eines  Abwägens der Stärken und Schwächen einer komplexen Schülerleistung durch den Lehrer. Das trifft heute so nicht mehr zu. "Innovative" Bewertungsmethoden haben die Oberhand gewonnen, die dem politischen Ziel dienen, möglichst hohe Erfolgsquoten zu generieren. Dazu drehen Bildungspolitiker an  verschiedenen Stellschrauben:

a) Die Benotung komplexer Schülerleistungen nach Stärken und Schwächen wird ersetzt durch die Bewertung isolierter Aspekte einer Leistung in Punkten. Beispiel: Wenn in den Fremdprachen in einer Klassenarbeit "kommunikative Kompetenz" getestet werden soll, darf der Schüler so viele Rechtschreib- und Grammatikfehler machen wie er will. Sie bleiben bei der Bewertung außen vor. Durch solche Fokussierung auf eine jeweils isolierte Kompetenz lassen sich enorme Bewertungspotenziale heben. Dass das wirkliche Leben fast ausschließlich komplexe Kompetenzen erfordert, wird ausgeblendet. Dass Rechtschreib- und Grammatikfehler mitunter zu fatalen Kommunikationspannen führen können, ebenfalls.  Stattdessen geht es darum, möglichst hohe Notenschnitte zu erzielen, die als politischer Erfolg gewertet werden.

Wie der Klassenraum das Lernen beeinflusst
Schülerinnen gehen durch die Eingangshalle vom Neubau des Sachsenheimer Lichtenstern Gymnasiums Quelle: dpa/dpaweb
Farbspektrum Quelle: Fotolia
Ein leeres Klassenzimmer einer Schule Quelle: dpa
Das mit viel Holz gestaltete 200 Quadratmeter große Atrium ist am 20.04.2015 in der Kindertagesstätte "Wellenreiter" in Wismar Quelle: dpa
Kim, Miguel, Oliver und Michael aus der ersten Klasse der Grundschule Langenenslingen (Baden-Württemberg) rennen aus dem Schulgebäude. Quelle: dpa
Ein Ventilator steht in einem Büro. Quelle: dpa
Eine Frau dreht am Thermostat einer Heizung. Quelle: dpa

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    b) Die Absicht der nominellen  Erfolgsmaximierung liegt auch der Maßnahme zugrunde, die Note „Sehr gut“ auf Bereiche auszuweiten, die zuvor durch ein „Gut“ abgedeckt waren und so weiter die Notenskala hinunter, so dass alle Schüler automatisch  „erfolgreicher“  werden.

    c) Eine "innovative" Didaktik betrachtet überprüfbares Wissen als vernachlässigbar und stellt stattdessen Kompetenz in den Mittelpunkt. Kompetenz wird allerdings nicht verstanden als positives Resultat einer erfolgreichen, lang andauernden Beschäftigung mit einem Thema, sondern als mit geringem Arbeitsaufwand zu erbringende Serie von thematisch isolierten, möglichst mündlichen (und damit nicht nachprüfbaren) Leistungen ab der fünften Klasse. Bewertet wird sie nach dem oben skizzierten Punktesystem, mit dem sich (fast) beliebig hohe Notenschnitte generieren lassen.

    Was Schüler in der neunten Klasse können sollen

    d) Es werden interne Rankings erstellt, welche alle, die im System Karriere machen wollen, dazu antreiben, möglichst gute Notenschnitte zu produzieren. In einer idealen Welt würde dies zu edlem Wettstreit um wirklich bessere Ergebnisse führen, in der realen Welt jedoch bewirkt es die Heraufsetzung von Noten ohne substanziell bessere Schülerleistung.

    Die hier skizzierten "innovativen" didaktischen Konzepte und Bewertungsmodelle werden von Bildungspolitikern inzwischen seit etlichen Jahren in vielen Bundesländern umgesetzt und lassen die deutsche Bildungslandschaft in immer hellerem Zahlenglanz erstrahlen. Nordrhein-Westfalen als besonders "innovatives" Bundesland leuchtet so ziemlich am hellsten. Der Kultusministerin Sylvia Löhrmann und ihrer Chefin Hannelore Kraft bleibt trotzdem noch viel zu tun: Die französischen Nachbarn haben nämlich im Jahr 2015 das Ziel so gut wie erreicht, das im Jahr 1989 der damalige Kultusminister Lionel Jospin vorgegeben hatte: eine Abiturientenquote von 80 Prozent.

    Hochschule



    Daneben nimmt sich die NRW-Quote von 54 Prozent recht unambitioniert aus. Doch die nächste Maßnahme, die Nordrhein-Westfalen dem erklärten Ziel seiner Kultusministerin "keinen zurückzulassen" näherbringen soll,  ist bereits implementiert: Ein "Sitzenbleiben" wird es mit Hilfe noch "innovativerer" Didaktik und Notengebung in NRW nicht mehr geben.

    Cui bono? Wem nützt das außer dem innovativen Image von Frau Löhrmann und Frau Kraft? Den Schülern jedenfalls nicht. Die Franzosen, die schon viel länger innovativ sind als wir, bezahlen ihre strahlende Abiturientenquote seit Jahren mit Jugendarbeitslosigkeit um die 22 Prozent , mit einer Schulabbrecherquote von 9 - 12 Prozent, mit einer Studienabbrecherquote von 40 - 50 Prozent und mit jährlichen Schüler- und Lehrerdemonstrationen gegen die Schulpolitik der jeweiligen Regierung.

    Der Autor ist Lehrer in Niedersachsen.

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