Bildung Spanische Unis sind zersetzt von Korruption

Blick auf die Plaza Mayor mit der Casa de la Panaderia in Madrid Quelle: dpa

Skandale wegen gefälschter Mastertitel machen deutlich: Spaniens Beliebtheit bei deutschen Erasmus-Studenten beruht nicht auf der Qualität der Lehre.

Für den Hamburger Jonas Zetzsche waren die Erasmus-Monate in Spanien wie Urlaub: „Das Niveau der Kurse war wesentlich niedriger.“ Der 22-Jährige, normalerweise eingeschrieben an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, studierte 2017 ein halbes Jahr an der Madrider Universidad Autonoma, einer der 15 großen Hochschulen in der Hauptstadt. Zum Vergleich: In Berlin gibt es vier große Unis.

„Bei uns gilt dagegen immer noch Masse statt Klasse. Wir leiden an der Titulitis und blasen unsere Lebensläufe künstlich auf“, sagt der Spanier Ignacio Sánchez-León, der selbst an der Uni gelehrt, in Deutschland gelebt hat und jetzt als Unternehmensberater in Barcelona arbeitet.

Anwalt und Aktivist Miguel Gallardo geht noch weiter: “Unsere Unis sind zersetzt von Vetternwirtschaft, religiösen Fanatikern wie dem Opus Dei und Menschen, die ihre Doktor- und Masterarbeiten in Auftrag gegeben haben“, sagt der Spanier, der verschiedene Prozesse gegen Uni-Betrüger führt.

Jonas Zetsche Quelle: Privat

Deutsche Erasmus-Studenten wie Jonas kriegen davon wenig direkt mit, sie freut hingegen: „Man hat in Spanien mehr Freizeit. Ich habe das voll genossen. Das Madrider Nachtleben ist ganz anders und es herrscht einfach überall gute Stimmung“, sagt der Wirtschaftsstudent zurückblickend. Die „gute Stimmung“ ist neben der Sprache und dem Wetter auch einer der Hauptgründe, warum Spanien auf Platz eins des Rankings der beliebtesten Gastländer der deutschen Erasmus-Studenten steht. Dass die Unis dann noch lascher sind, ist ein willkommener Nebeneffekt. Rund 5500 „Erasmus-Deutsche“ machen sich gemäß der Angaben des DAADs jedes Jahr wie Jonas auf in den Süden.

Top Business-Schulen, aber mittelmäßige Unis

Der geringe Anspruch ist auch einer der Gründe, warum die von Kirchen und Unternehmen initiierten privaten Business-Schulen Esade, IE und IESE sich zwar weltweit unter den Top Ten der besten MBA-Schmieden befinden, aber nicht eine der spanischen Unis im Ranking der 200 besten Hochschulen des Shanghai Ranking auftaucht. Stattdessen führen sie eine Top Ten der Hochschulen in Europa an, an denen am meisten gemauschelt, geschummelt und gefälscht wird. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov und der deutschen Headhunterfirma Milata KG zeigte schon im Jahr 2016, was jetzt viele mit scheinbarer Überraschung wahrnehmen: Nicht alles ist Master, wo Master draufsteht. Von zehn analysierten Ländern, darunter auch Deutschland, gelangte Spanien bei dieser Umfrage unter Studenten auf Platz eins der korrupten Unis, vor Italien und Rumänien.

Gemäß der Umfrage geben 46 Prozent der Befragten zu, dass sie Zeuge einer Bevorzugung wurden aufgrund von persönlichen Verhältnissen zwischen Dozent und Student. 29 Prozent von diesen sagten, dass das auch bei der Titelvergabe der Fall war, selbst bei der Konzession von Doktortiteln.

Irregularität an Universitäten

Die Konsequenz: “Für uns bedeutet das, dass Kandidaten von spanischen Unis einem strikteren Analyseprozess unterliegen”, sagt der Chef der Milata KG, Paul Milata. Auch in dem jüngst veröffentlichten Bericht des spanischen Unternehmerverbandes (Circulo de Empresarios) “La Calidad de las instituciones en España” (dt.: Die Qualität der Institutionen in Spanien) schneidet der Bereich des Erziehungswesens in Spanien sehr schlecht ab. Kritisiert werden vor allem die Qualität der Dozenten und die externen und internen Bewertungssysteme der Hochschulen.

England schneidet bei Korruption am besten ab

Der Uni-Dozent José Penalva Buitrago hatte schon 2011 in seinem Buch "Corrupción en la Universidad" (dt.: Korruption in der Universität) dargestellt, was an den spanischen Hochschulen passiert. Es kostete ihm damals wahrscheinlich seinen Job an der Uni in Murcia, denn die Uni-Titel bewegen viele Millionen Euro in Spanien. Wer im Management etwas werden will, braucht einen MBA. An den Topschulen kostet der zwischen 40.000 und 60.000 Euro. Dieser Abschluss wird oft noch auf ein komplettes Hochschulstudium draufgesetzt.

Er ist die Eintrittskarte in spanische Topunternehmen. „Spanier – Eltern wie Unternehmen – stehen auf Titel. Dass die nicht immer auf rechtem Wege erworben werden, ist nichts Neues“, gesteht auch der katalanische Politiker Josep Antoni Duran i Lleida ein. Er fordert ein komplettes Überdenken des spanischen Ausbildungssystems.

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