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Bildung Lasst das Promovieren sein!

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Titel als Talentsignal

Die besten Universitäten der Welt
University of Oxford Quelle: rtr
University of Chicago Quelle: Jevnin
Columbia University Quelle: dpa
Princeton University Quelle: dpa
California Institute of Technology (Caltech) Quelle: Dhilung
University of Cambridge Quelle: dpa
University of California, Berkeley Quelle: dpa

 

Der Doktortitel wird in Deutschland also mehr als sonst auf der Welt als „Talentsignal“ gesehen. Und das eben längst nicht nur für wissenschaftliche Berufe oder solche, die eine besondere Nähe zur Wissenschaft voraussetzen, wie etwa Museumskuratoren oder Fachverlagslektoren. Während in den USA – Stand 2005– nur 5,6 der Konzernchefs promoviert hatten und in Frankreich 4,1 Prozent, waren es in Deutschland 58,5 Prozent, wie der Zürcher BWL-Professor Egon Franck errechnet hat.

Die beliebtesten Abschlüsse

Für manche Branchen, vor allem die chemische Industrie ist die Promotion eine Einstellungsvoraussetzung, die auch in der Stellenausschreibung offen genannt wird. Ein Doktor der Chemie hat drei Jahre im Labor gestanden und eigenständig Experimente durchgeführt. Das muss er bei Bayer oder BASF auch tun. Wer als Chemiker auf einem verantwortungsvollen Posten arbeiten will, kommt um die Promotion kaum herum. In einigen Disziplinen, in denen mehr als 50 Prozent der Absolventen promovieren, hat die Promotion schon seit Jahrzehnten den Rang eines „berufsqualifizierenden Abschlusses“ oder „Regelabschlusses“ des Studiums. Das gilt für die Humanmedizin, Chemie, Zahnmedizin, Physik/Astronomie und Biologie.

Den „Dr. med.“ mag man ohnehin kaum mit denen anderer Disziplinen vergleichen. Die Mehrheit der knapp 8000 medizinischen Dissertationen pro Jahr entsteht innerhalb von höchstens zwei Semestern im Rahmen des regulären Studiums. Ein Historiker, der drei Jahre lang die Archive durchforstete und sich dann 300 bis 500 Seiten abringt, wird sein Werk mit den vielleicht 80 Seiten einer durchschnittlichen medizinischen Dissertation nicht gleichsetzen wollen. Es ist auch kein Geheimnis, dass die große Mehrheit der medizinischen Dissertationen keine große Forschungsleistung bedeuten. Der Dr. med. ist noch mehr als die anderen ein Titel fürs Klingelschild, da er im Volksmund noch immer auch als Berufsbezeichnung des Arztes verwendet wird.

Die Wahrheit ist, dass die große Masse der Promotionen vor allem in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften aber auch viele in anderen Disziplinen einen Erkenntnisfortschritt für die Wissenschaft allenfalls simulieren – selbst wenn sie keine direkten Plagiate sind. Sie dienen vor allem dem Zweck der Eitelkeit des Doktoranden und seinem Wunsch, durch das Prestige des Titels seine Karriereaussichten zu steigern.

Aus der Perspektive des Einzelnen ist das verständlich. Aber dem wissenschaftlichen Fortschritt, von dem in den Promotionsordnungen der Universitäten stets die Rede ist, ist damit nicht gedient. Im Gegenteil. Das Heer der Doktoranden hält nicht nur sich selbst von ökonomisch produktiver Arbeit ab, sondern auch die Doktorväter und –mütter von sinnvollerer Forschung und Lehre.

Der Grund, warum man sich dennoch in den Rektoraten der Universitäten über jeden Doktoranden freut, ist ein banaler: Schließlich wird die Promotionsquote, also die durchschnittliche Zahl der Doktoranden pro Professor, in den meisten Rankings und leistungsorientierten Mittelverteilungssysteme des Universitätsbetriebs, nach denen heute die „Exzellenz“ einer Hochschule berechnet wird, als Indikator für die Leistungsfähigkeit betrachtet – unabhängig von ihrer Qualität. Und auch für den einzelnen Doktorvater bedeutet die Zahl der Promotionen eine Auszeichnung. Zumindest solange dies so bleibt, haben Professoren keinen Anreiz, Kandidaten abzulehnen.

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