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Bildung Auf dem Weg in die Unwissensgesellschaft

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Wissen als Ware

Zwar schließen wir keine Hochschulen und vernichten keine Bücher. Im Gegenteil, wir veröffentlichen sogar immer mehr. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels meldete 1951 nur 10.149 Erstauflagen, 2013 waren es 81.919 neue Bücher. Bei nur leicht gestiegener Bevölkerung hat sich das Angebot an Büchern verachtfacht.

Selbst wenn, wie es bei der „Stiftung Lesen“ heißt, die mit Lesen verbrachte Zeit der Deutschen nicht weniger geworden ist, so ist doch die Aufnahmefähigkeit für das durchschnittliche Buch auf einen Bruchteil reduziert worden. Kurz: Wir häufen Wissen an, das allein durch seine schiere Menge einer inflationären Entwertung unterliegt, und stets von sofortigem Vergessen bedroht ist.

Die Fragmentierung des Wissens in immer stärker spezialisierte Wissensgebiete geht, wie Burke feststellt, mit dem wachsenden Verlangen nach immer schnellerer Zufuhr von Wissen einher. Allein das führt schon zu einer Trivialisierung und Entwertung des Wissens. Vor allem aber: Wir würdigen Wissensinhalte zur Ware und zum ökonomischen Produktionsfaktor in der so genannten Wissenswirtschaft herab.

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In den Unternehmen ist dieses "Zur-Ware-werden" unter dem Schlagwort „Wissensmanagement“ am weitesten fortgeschritten. Es wird nicht mehr von Menschen geistig aufgenommen, sondern verwaltet wie ein Warenlager, völlig losgelöst vom persönlichen Erleben. Der Frankfurter Ökonom Bertram Schefold konstatiert in unserer angeblichen Wissensgesellschaft die falsche Grundannahme, dass „alles Wissen, alle persönliche Bildung, alle kulturelle Hervorbringung auf individuelle Konsumierbarkeit zurückzuführen“ sei.

Längst hat diese Wissensfremdheit und –feindschaft auf die Institutionen der Wissenserzeugung und –weitergabe selbst übergegriffen, nämlich auf Schulen und Hochschulen. Einmal ist hier die Übernahme von Managementmethoden zu nennen, die die Gefahr mit sich bringen, dass ökonomische Ziele den eigentlichen Auftrag der Wissenschaft – Wissen zu schaffen und weiterzugeben – völlig in den Hintergrund treten lassen.

Noch nachhaltiger sind aber die Folgen dessen, was unter dem Banner der Kompetenzorientierung derzeit geschieht. Es geht um nichts anderes als die Vertreibung des Wissens und sein Ersatz durch das Können. Alle Lehrpläne an deutschen Schulen und auch Curricula an Hochschulen werden seit einigen Jahren mit Hilfe des Zauberworts der Kompetenzorientierung „entrümpelt“.

Dieses Wort „Entrümpeln“, das in bildungspolitischen Diskussionen immer wieder fällt, erinnert nicht umsonst an das Auflösen einer Bibliothek. Es zeigt, dass nach Ansicht der Vertreter der Kompetenzorientierung das meiste, was man bislang glaubte lehren und wissen zu müssen, hinfällig geworden ist.

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