WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Bildungsforscher Volker Ladenthin "Den G8-Abiturienten fehlt die Reife"

Das Bildungsniveau der Studienanfänger ist gesunken, sagt Volker Ladenthin. Auch wegen des vorgezogenen Abiturs. Die Kosten, die man durch G8 einspart, tragen nun Universitäten und Privatwirtschaft.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Striche zählen und Werte ablesen

WirtschaftsWoche: In den 2000er Jahren wurde das 8-jährige Gymnasium (G8) in allen Bundesländern - außer Rheinland-Pfalz - eingeführt. Seit einigen Jahren kehrt nun teilweise das neunjährige Gymnasium zurück. In Niedersachsen vollständig.  Zumeist existieren heute Mischformen. Sie führen Vergleichsstudien mit Erstsemester-Studenten durch. Haben sich die Leistungen verändert, seit die Schüler nach acht statt neun Jahren Abitur machen können?

Volker Ladenthin: Bei den Klausuren, die ich nun seit fünf Jahren vergleichen kann, zeigt sich: Es fehlt an dem, was man früher „Reife“ nannte, also Weltwissen, an sozialen Erfahrungen. Texte werden sehr schlicht interpretiert, sehr autoritätsgläubig. Eigene Fragestellungen fehlen, Mitschreiben ist wichtiger als Mitdenken.

Dieses eine Jahr früher bedeutet, ein Jahr weniger soziale Erfahrungen auf dem Niveau junger Erwachsener. Es bedeutet ein Jahr weniger kognitive Entwicklung, die ja vom Reifungsprozess bestimmt wird, nicht von den Zeitplänen der Schulpolitik. Das Denken ist bei den Jüngeren stark noch in dem verhaftet, was der Entwicklungspsychologe Jean Piaget „konkretes Denken“ nannte. Man muss permanent mit Beispielen arbeiten. Wissenschaft ist aber Abstraktion. Was also früher das Gymnasium leistete, nämlich in die Abstraktionsfähigkeit einzuführen, muss jetzt die Universität machen. Auf Kosten des wissenschaftlichen Niveaus.

Was junge Deutsche über unsere Geschichte zu wissen glauben

Zum Beispiel?

Komplexe, antithetische Aussagen – zum Beispiel „Werde, der du bist!“ - können nicht in eigenen Worten wiedergegeben werden. Man lehnt sich sehr an den Sprachgebrauch des Originals an. Und: Die Studenten beachten bei der sprachlichen Reproduktion nicht mehr, dass modernes Wissen grundsätzlich hypothetisch ist – also nur bei der Anerkennung methodischer Voraussetzungen gilt.

Die Lösung der Aufgabe „Erläutern Sie Erziehung nach J. Rekus“ beginnt in der Regel mit der Formulierung „Erziehung ist ….“ und übernimmt nicht den geforderten Bericht-Standpunkt. Man verzichtet sowohl auf den Konjunktiv wie auf die Relativierung „nach Rekus“. Hier zeigt sich ein recht schulnahes Lehrer-Schüler-Verhältnis, nicht die zu erwartende Haltung von Personen, die das kritisch prüfen, was andere sagen. Wenn ich Referate methodisch kritisiere, lautet die Antwort: „Dann soll man vorher sagen, wie es richtig ist. Uns einfach scheitern zu lassen, das demotiviert.“

Aus eigenen Fehlern zu lernen, erscheint in einem Stromlinien-Bildungsgang unter stetem Zeitdruck als Umweg und daher wenig effizient. Diese Konsumhaltung macht aus dem Studium eine Lernaufgabe. Und daher verlangt man auch von den universitären „Lehrern“, motiviert zu werden – für das doch selbstgewählte Studium.

Volker Ladenthin (63), ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Bonn. Er war vor seiner akademischen Karriere sechs Jahre lang Lehrer am Gymnasium.

Studenten sind also unselbständige Bildungskunden geworden, die umfassenden Service erwarten?

Ja. Die Unselbstständigkeit, diese Haltung, dass Fürsorge all inclusive erwartet wird, lässt sich bis in Kleinigkeiten nachzeichnen: Die Institutssekretärin erhält zu Semesterbeginn zahllose Anrufe mit der Frage, wo denn der Seminarraum X sei – auch wenn dies in jedem Vorlesungsverzeichnis steht. Man wolle sich absichern, „ob die Angaben auch stimmen!“ Werden Fristen verpasst, die mehrfach auf jederzeit zugänglichen Infoblättern stehen, gibt es regelmäßig die Rückmeldung, dass niemand auf diese Termine hingewiesen habe. „Jedenfalls nicht mündlich.“ Es sind die Kinder der „Helikopter-Eltern“ – und durch G8 sind sie noch jünger, noch unselbständiger und möchten noch immer „betreut“ werden.

Dass das Problem sich bundesweit stellt, können Sie leicht daran sehen, dass inzwischen alle Universitäten Brückenkurse anbieten, in denen ausdrücklich das nachgeholt wird, was in der Schule hätte unterrichtet werden sollen.

Sind diese Veränderungen im Leistungsbild wirklich nur auf G8 zurückzuführen? In der DDR machte man auch nach acht Jahren Abitur, und trotzdem war das Bildungsniveau exzellent.

Ihre Frage unterstellt, es gäbe für alle Wissenschaften ein einheitliches Niveau der Ansprüche – und das könne man auch noch messen. Man kann es beschreiben. Es ist aber fachspezifisch. Es mag sein, dass es bei rezeptivem Wissen - Auswendiglernen von Fakten oder Regeln - nicht so sehr aufs Lebensalter ankommt, aber Wissenschaften, in denen man lernen muss, komplexe Urteile zu fällen, brauchen erwachsene, „reife“ Studenten.

Ich habe nie den Unterricht an einer DDR-Universität besucht: Aber wenn ich das richtig erinnere, fehlte es der DDR-Wirtschaft auch an wissenschaftlichem, innovativem Input. Man könnte schon fragen, woran das lag.

Was Studenten an der Schule nicht gelernt haben

Das Erbe der DDR ist ja heute noch an den Unis in den fünf Neuen Ländern zu finden. Das Medizinstudium, zum Beispiel in Jena, gilt als hart….

Bis heute bieten alle Universitäten in den östlichen Bundesländern extensiv Förderkurse  an, gerade in der Mathematik – was ja heißt, dass die Abiturienten bei Studienbeginn, also lediglich sieben Monate nach dem Abitur, nicht mehr studierfähig sind. Warum unterrichtet man Schulstoff an der Universität? Vielleicht, weil an der Schule zu wenig Zeit war? Ich lese Ihnen mal vor, was auf der Homepage der Uni Dresden steht:

„Der Bereich Mathematik und Naturwissenschaften der TU Dresden veranstaltet jedes Jahr zum Start des Wintersemesters Brückenkurse für Abiturienten in den Fächern Chemie, Physik und Mathematik. Schwerpunkt ist die Wiederholung und Vertiefung der Teile des Lehrplanes, deren Kenntnis bei Studenten des ersten Studienjahres vorausgesetzt wird, die aber erfahrungsgemäß die meisten Schwierigkeiten bei der Anwendung bereiten.“ Solche Zielangaben finden sie an allen deutschen Unis. Die Uni muss Schulstoff nachholen. Die Schulzeit ist zu kurz.

Ergebnisse des Vergleichs in Mathematik

Wird das Folgen für die Berufswelt und die Gesellschaft haben?

Die Kosten, die man durch die Verkürzung der Schulzeit einspart, tragen nun die Universitäten und die Privatwirtschaft. Professoren unterrichten Mittelstufenstoff. Germanistikstudenten haben in der Schule ein oder zwei Romane gelesen…den Rest muss die Uni nachholen. Das historische Bewusstsein fehlt auffällig. Es kostet also Zeit und damit Geld, das Notwendigste nachzuholen.

Die Schulnoten sagen immer weniger über das Leistungsprofil aus. Sie werden Jahr für Jahr besser – zugleich aber werden von Betrieben und Behörden selbst für Ausbildungsstellen teurere Prüfungsverfahren benutzt, um die besten Bewerber herauszufinden. Die Aufgabe der Prüfung wird von der Schule in die Privatwirtschaft verlegt. Unternehmen bezahlen also zweimal für Prüfungsleistungen, einmal für jene in den Schulen über die Steuer, dann für jene, die sie selbst durchführen, weil sie sich auf Schulnoten nicht mehr verlassen können. Ob das die Demokratie schädigt, kann ich nicht beurteilen. Aber es schädigt den Bildungsstandort Deutschland.

Könnten Sie sich mit einem reformierten G8 anfreunden – zum Beispiel, wenn nach französischem Vorbild spezialisierte Gymnasien - technisch-musisch-sprachlich - mit reduziertem Fächerangebot eingerichtet würden?

Schulreformen sind hochkomplex. Es wäre dilettantisch, einfach irgendeine tolle Idee umzusetzen. Die einzelnen Teile im Bildungssystem müssen untereinander und aufeinander abgestimmt sein. Ich würde aber grundsätzlich nicht noch mehr reduzierte Gymnasien einrichten, sondern gute Schulen ausweiten. Unsere Welt braucht nicht reduzierte, sondern kluge Menschen.

Worin sehen Sie den Grund für die Verkürzung der Schulzeit? Das ökonomische Argument ist doch kaum haltbar.

Ich bin kein Psychologe. Was warum Politiker bewegt, vermag ich nicht zu sagen. Das ökonomische Argument „unsere Studienabgänger sind zu alt“ war allerdings jenes, das man aus der Schulpolitik immer hörte. Und das eine Jahr weniger Schule spart schon erheblich Geld. Laut statistischem Bundesamt kostet ein Schüler pro Jahr circa 6000 Euro. Bei 700.000 Schülern pro Jahrgang bundesweit kommt man auf eine Summe mit ziemlich vielen Nullen – auch wenn diese Berechnung nur sehr grob ist, weil sie unberücksichtigt lässt, dass die Stundenzahl nicht wesentlich gekürzt wurde. Andere als ökonomische Gründe kenne ich nicht.

Dahinter steckt die Idee vom schlanken Staat. Sparen ist sicherlich gut: Aber billig ist nicht immer preiswert.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%