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Bildungsforscher Volker Ladenthin "Den G8-Abiturienten fehlt die Reife"

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Was Studenten an der Schule nicht gelernt haben

Das Erbe der DDR ist ja heute noch an den Unis in den fünf Neuen Ländern zu finden. Das Medizinstudium, zum Beispiel in Jena, gilt als hart….

Bis heute bieten alle Universitäten in den östlichen Bundesländern extensiv Förderkurse  an, gerade in der Mathematik – was ja heißt, dass die Abiturienten bei Studienbeginn, also lediglich sieben Monate nach dem Abitur, nicht mehr studierfähig sind. Warum unterrichtet man Schulstoff an der Universität? Vielleicht, weil an der Schule zu wenig Zeit war? Ich lese Ihnen mal vor, was auf der Homepage der Uni Dresden steht:

„Der Bereich Mathematik und Naturwissenschaften der TU Dresden veranstaltet jedes Jahr zum Start des Wintersemesters Brückenkurse für Abiturienten in den Fächern Chemie, Physik und Mathematik. Schwerpunkt ist die Wiederholung und Vertiefung der Teile des Lehrplanes, deren Kenntnis bei Studenten des ersten Studienjahres vorausgesetzt wird, die aber erfahrungsgemäß die meisten Schwierigkeiten bei der Anwendung bereiten.“ Solche Zielangaben finden sie an allen deutschen Unis. Die Uni muss Schulstoff nachholen. Die Schulzeit ist zu kurz.

Ergebnisse des Vergleichs in Mathematik

Wird das Folgen für die Berufswelt und die Gesellschaft haben?

Die Kosten, die man durch die Verkürzung der Schulzeit einspart, tragen nun die Universitäten und die Privatwirtschaft. Professoren unterrichten Mittelstufenstoff. Germanistikstudenten haben in der Schule ein oder zwei Romane gelesen…den Rest muss die Uni nachholen. Das historische Bewusstsein fehlt auffällig. Es kostet also Zeit und damit Geld, das Notwendigste nachzuholen.

Die Schulnoten sagen immer weniger über das Leistungsprofil aus. Sie werden Jahr für Jahr besser – zugleich aber werden von Betrieben und Behörden selbst für Ausbildungsstellen teurere Prüfungsverfahren benutzt, um die besten Bewerber herauszufinden. Die Aufgabe der Prüfung wird von der Schule in die Privatwirtschaft verlegt. Unternehmen bezahlen also zweimal für Prüfungsleistungen, einmal für jene in den Schulen über die Steuer, dann für jene, die sie selbst durchführen, weil sie sich auf Schulnoten nicht mehr verlassen können. Ob das die Demokratie schädigt, kann ich nicht beurteilen. Aber es schädigt den Bildungsstandort Deutschland.

Könnten Sie sich mit einem reformierten G8 anfreunden – zum Beispiel, wenn nach französischem Vorbild spezialisierte Gymnasien - technisch-musisch-sprachlich - mit reduziertem Fächerangebot eingerichtet würden?

Schulreformen sind hochkomplex. Es wäre dilettantisch, einfach irgendeine tolle Idee umzusetzen. Die einzelnen Teile im Bildungssystem müssen untereinander und aufeinander abgestimmt sein. Ich würde aber grundsätzlich nicht noch mehr reduzierte Gymnasien einrichten, sondern gute Schulen ausweiten. Unsere Welt braucht nicht reduzierte, sondern kluge Menschen.

Worin sehen Sie den Grund für die Verkürzung der Schulzeit? Das ökonomische Argument ist doch kaum haltbar.

Ich bin kein Psychologe. Was warum Politiker bewegt, vermag ich nicht zu sagen. Das ökonomische Argument „unsere Studienabgänger sind zu alt“ war allerdings jenes, das man aus der Schulpolitik immer hörte. Und das eine Jahr weniger Schule spart schon erheblich Geld. Laut statistischem Bundesamt kostet ein Schüler pro Jahr circa 6000 Euro. Bei 700.000 Schülern pro Jahrgang bundesweit kommt man auf eine Summe mit ziemlich vielen Nullen – auch wenn diese Berechnung nur sehr grob ist, weil sie unberücksichtigt lässt, dass die Stundenzahl nicht wesentlich gekürzt wurde. Andere als ökonomische Gründe kenne ich nicht.

Dahinter steckt die Idee vom schlanken Staat. Sparen ist sicherlich gut: Aber billig ist nicht immer preiswert.

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