WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Bildungskatastrophe Das große Zerstörungswerk der OECD

Seite 2/4

Europäische Bildungstradition wird gebremst

Seltsamerweise schwiegen bisher die Menschen, die sich schon lange die Frage stellen, welche Relevanz diese US-mentorierte, kulturentleerte, technokratische Datenklauberei und ökonomistische Schielerei auf Rankingplätze für eine geistesgeschichtlich und rechtsstaatlich verankerte traditionsreiche europäische Bildungstradition haben soll. Die zeichnet sich schließlich eben nicht durch Uniformität, sondern durch gewachsene Vielfalt aus.

Endlich durchbrach nun am 6. Mai 2014 in der englischen Tageszeitung The Guardian ein ‚offener Brief’ an den OECD-Verantwortlichen für Pisa, Andreas Schleicher, mit dem Titel „OECD and Pisa tests are damaging education worldwide“ das unwürdige Schweigen - unterschrieben von über 150 Universitätsdozenten aus aller Welt.

Können Sie diese PISA-Aufgaben lösen?

Die deutsche Version wurde inzwischen von rund 3000 in der Bildung engagierten Personen unterzeichnet. Verfasst wurde der Brief von Heinz-Dieter Meyer, Professor an der State University of New York und Katie Zahedi, Schulleiterin in New York. Zu den zentralen Anliegen gehört die Veranschaulichung der enormen Verengung und Verarmung der Bildung durch eine uniforme, standardisierte Testkultur (Pisa).

Um alle an denselben OECD-Standards messen zu können, so schreiben sie, ignoriere man historisch gewachsene und kulturell verwobene Besonderheiten unterschiedlicher staatlicher Bildungswesen. Somit werde in Kauf genommen, dass die identitätsstiftende und persönlichkeitsbildende Aufgabe der öffentlichen Schulen in einem Land zugunsten der OECD-Standards banalisiert wird.

Was den konkreten Unterricht betrifft, sehen Meyer und Zahedi zudem die Autonomie der Lehrer stark beeinträchtigt, zumal mit Pisa zwangsläufig schulisches Lernen ins „Teaching to the Test“ abgleitet. Nicht quantifizierbare, kulturell und politisch aber kostbare Bildungsziele jeder Demokratie wie eigenständiges Denken und verantwortungsvolles Handelns verlören an Bedeutung, ebenso die künstlerisch-musische Bildung.

Dies überrascht nicht, zumal die OECD als internationale Wirtschaftsorganisation zwangsläufig ökonomischen Aspekten der Schule Priorität einräumt. Das zeigt sich laut Meyer und Zahedi darin, dass Psychometriker, Statistiker und Ökonomen bei der OECD maßgebender sind als Lehrer, Eltern, Erziehungswissenschaftler und Fachverbände. Besonders kritisieren die Autoren auch die Tatsache, dass die OECD intransparente Allianzen mit profitorientierten multinationalen Unternehmen unterhält, für die Bildung ein einträglicher internationaler Markt darstellt.

Schließlich erinnern sie auch daran, dass der OECD ein legitimes Mandat fehlt, das ihr erlaube, sich zur normgebenden weltweiten Bildungsautorität zu erklären. Sie fordern schließlich eine Besinnungspause für PISA, um eine längst fällige öffentliche Debatte in den Staaten endlich in Gang zu bringen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%