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Bildungsmisere "Akkreditierung ist mit Forschungsfreiheit unvereinbar"

Die einseitige Ausrichtung an Wirtschaftsinteressen führe zum „Geistessterben“ im Bildungssystem, sagt Pierangelo Maset. Doch ein aktuelles Urteil des Verfassungsgerichts könnte einen Wendepunkt bedeuten.

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Hörsaal Quelle: dpa

Herr Maset, in einem ihrer Bücher bescheinigen sie uns ein „Geistessterben“. Was stört Sie an Bachelor und Master, G8, Elite- und Stiftungsuniversitäten? Was stört Sie an der Bildungspolitik?

Pierangelo Maset: Die Bildungspolitik folgt nahezu geschlossen den technokratischen Modellen, für die Bologna und PISA stehen. Im Kern geht es bei diesen Modellen um die Steuerung des Bildungswesens mit ökonomischen Kennziffern und um eine flächendeckende Standardisierung. Damit werden die vielen Unterschiede, die in Prozessen der Bildung bestehen – Unterschiede der Beteiligten, der Inhalte, der Strukturen – rabiat zu Gunsten einseitiger Leistungs- und Effektivitätskriterien eingeebnet.

Die Kollateralschäden auf dem Wege zur absoluten Fitness für die globalen Märkte: Im Ergebnis sind die Hochschulen total verschult, ihre Inhalte erodieren. Die Lehrenden werden zu Drittmitteljägern dressiert und ihre Studierenden zu angepassten Credit-Point-Collectors. Das bundesdeutsche Schulsystem erstickt im permanenten Reformfieber und produziert gleichzeitig sozial selektive Effekte.

Zur Person

Die Anwendung ökonomischer Modelle und Vorgaben auf das gesamte Bildungssystem erzeugt eine Umwertung, bei der die Bildung am Ende auf der Strecke bleibt. Am Ende mündet alles in pathologische Symptome: Bulimie-Lernen, Bulimie-Lehre und Bulimie-Forschung.

Wir verlassen die Grundlage öffentlicher Bildung im modernen Sinne, die mit Kants Prinzip „Sapere aude!“ treffend bezeichnet ist. Dieses „Wage zu wissen“ ist kein Faktor betriebswirtschaftlicher Kennzahlen, sondern die zentrale Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft. Durch die heutige Kontroll- und Effizienzorientierung des Bildungssystems wird das Prinzip immer mehr zum Verschwinden gebracht, und Bildung wird immer mehr zur Ausbildung nach den Vorstellungen der Wirtschaft.

Als Kritiker der gegenwärtigen Bildungspolitik stehen Sie nicht alleine da.

Glücklicherweise nicht. In den zurückliegenden Jahren gab es eine große Anzahl an kritischen Publikationen über die Entwicklungen an Schulen und Hochschulen. Auch in der „Wirtschaftswoche“ wurde zum Beispiel die „Babylonische Gefangenschaft des Bildungsministeriums“ bemängelt. Doch die Politik schien sich dadurch wenig beeindrucken zu lassen und bastelte munter weiter an ihrer technokratischen Vision einer „Bildungslandschaft“.

Das Bundesverfassungsgericht hat in einem aktuellen Urteil die Praxis der Akkreditierung von Studiengängen für verfassungswidrig erklärt. Wie bewerten Sie das?

Die von vielen Beratern umgebenen Wissenschafts- und Bildungspolitiker offenbaren leider gewisse Beratungsresistenzen. Allmählich spricht sich aber doch herum, dass einige der Instrumente der schönen neuen Bildungswelt nicht nur unerwünschte Nebenwirkungen haben, sondern möglicherweise mit geltendem Recht, nämlich mit der Lehr- und Forschungsfreiheit, nicht vereinbar sind. Die Akkreditierungen setzen die Hochschulen mit aus der Ökonomie übernommenen Verfahren unter Druck und verlangen von Wissenschaftlern die Unterordnung unter ihre übergriffigen Prinzipien.

Im konkreten Fall klagte eine private Fachhochschule, weil ihr von einer Akkreditierungsagentur die Akkreditierung von zwei Studiengängen versagt wurde. Die Hochschule strengte ein Normenkontrollverfahren an, das feststellen sollte, ob es mit dem Grundgesetz vereinbar ist, dass eine Akkreditierungsagentur als privates Unternehmen eine hoheitsrechtliche Aufgabe übernimmt.

"Die Lehr- und Forschungsfreiheit ist wichtig für gesamte Gesellschaft"

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist sehr wichtig, weil es zum Ausdruck bringt, welch wichtiges Grundrecht die Lehr- und Forschungsfreiheit ist. Den Akkreditierungsagenturen wird der Boden entzogen. Ihre Expertise ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar. Beim Bundesverfassungsgericht scheint man also sensibel dafür zu sein, dass die zunehmende Fremdbestimmung des Hochschulwesens und seine Übernahme durch wirtschaftliche Interessen schädlich für die Demokratie sind.

Eine Hochschule ist ein Raum für die Entwicklung und Betrachtung von Ideen. Die Lehr- und Forschungsfreiheit ist darum wichtig für die gesamte Gesellschaft. Sie ist ein Indikator für die demokratische Verfasstheit einer Gesellschaft.

Jürgen Kaube bezeichnet das gesamte Akkreditierungssystem in der FAZ als „teuren Blödsinn“ ...

Da hat er Recht. Rund 18.000 Studiengänge müssen akkreditiert und nach 5 Jahren reakkreditiert werden. Eine Akkreditierung kostet bis zu 15.000 Euro, und da man in der Gutachtergruppe auch noch Professoren benötigt, fallen pro Akkreditierungsjahr ca. 250.000 Arbeitsstunden an. Man fragt sich, wer ein Interesse daran hat, diesen riesigen Einsatz zu bringen. Vor allem die Akkreditierungsunternehmen selbst, die ihre vermeintlichen „Qualitätskontrollen“ verkaufen. Wer mit seinen Methoden und seinem Personal die Vorherrschaft auf dem  wachsenden Bildungsmarkt erringt, kann bestimmen, wohin die Gewinne fließen. Hier wird mit öffentlichen Mitteln eine Kontrollindustrie entwickelt, in der die die Agenten der entsprechenden Netzwerke tätig werden können. Dazu musste man den Lehrenden und Studierenden Autonomie entziehen, die dann in den Präsidien, Stiftungsräten, Verwaltungen und Agenturen gelandet ist.

Was sollten die Lehrenden und Lernenden dagegen tun?

Sich den Übergriffen auf das Bildungswesen deutlich entgegenstellen. Nicht akzeptieren, dass sich zum Beispiel Konzerne im Verbund mit Wissenschaftsfunktionären immer stärker in die Inhalte von Lehre und Forschung einmischen. Ein Beispiel dafür: das Projekt „Monitor Lehrerbildung“, das von der Bertelsmann Stiftung, dem CHE, der Telekom-Stiftung und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gefördert wird. Hier wird die Verzahnung von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft unverhohlen deutlich, und das Projekt entwirft „Strukturen für eine professionelle Lehrerbildung“. Diese werden nicht in einem wissenschaftlichen Diskurs verhandelt, sondern von den Netzwerk-Funktionsträgern zur baldigen Umsetzung „vorgeschlagen“. Auch hier werden Lehre und Forschung durch Lobby-Interessen beeinflusst.

Möglicherweise bewegen wir uns mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts auf einen Wendepunkt zu. Das Urteil stärkt das Recht des einzelnen Hochschullehrers, Inhalte und Methoden seiner Lehre selbst zu bestimmen und sich diese nicht vorschreiben zu lassen.

Was bräuchten Schulen und Hochschulen, um „gute Bildung“ in diese Einrichtungen zurückzubringen?

Kurzfristig ist zentral, dass die wesentlichen Akteure, nämlich die Lehrenden, Forschenden und Lernenden, sich die Hochschulen und Schulen wieder aneignen. Mittelfristig müssen wir gemeinsam daran arbeiten, von einer Kultur der Kontrolle zu einer Kultur des Vertrauens zu wechseln. Konkret: Die Wissenschaftler können ihre Studiengänge auch ohne fremde Kontrolle entwickeln. Langfristig sollte die aktuelle Phase der europäischen Bildungsgeschichte als die Epoche der „Neuen Schwarzen Pädagogik“ beschrieben werden. Begriffe wie Akkreditierung, Evaluation, Rankings und Benchmarks werden in das „Schwarzbuch der Zivilisationen“ aufgenommen, um nachfolgenden Generationen als ständige Mahnung zu dienen.

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