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Bildungsmisere Ohne gute Lehrer hilft das beste Tablet nichts

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Wer mitschreibt, merkt sich mehr

Exemplarisch sei zur Untermauerung des Gesagten die Studie „The pen is mightier than the keyboard“ von Mueller und Oppenheimer zitiert, in der nachgewiesen wird, dass sowohl im Hinblick auf einfache Reproduktionsleistungen als auch im Hinblick auf komplexe Transferleistungen Studierende, die mit Papier und Bleistift ihre Aufzeichnungen anfertigen, besser abschneiden als Studierende, die den Laptop benutzen. Ein Grund dafür ist in der stärkeren Durchdringung und selektiveren Aufnahme des Gehörten beim Mitschreiben per Hand zu sehen.

In gleicher Weise gibt es eine Reihe von Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass selbst Powerpointpräsentationen – nahezu der Alleinherrscher in Hörsälen und Unternehmen – zu geringen, teilweise auch negativen Effekten auf Seiten der Zuhörenden führen, weil diese häufiger lieber den (nicht selten überfrachteten) Folien folgen als dem Redner. Damit tritt an die Stelle des Gesprochenen das Gesehene und insofern an die Stelle des Redners die Technik. Vermutlich aus eigener Erfahrung hat dies Steve Jobs zu der Aussage bewegt: „Menschen, die wissen, worüber sie reden, brauchen keine Powerpoint.“ Insofern ist man geneigt sicherlich überspitzt zu folgern: Zurück zu den Tafeln! Es lebe die Kreidezeit!

Mit diesen kritischen Anmerkungen soll nicht eine Digitalisierung generell verurteilt werden. Denn sie hat ihre Möglichkeiten. Diese sind aber nicht auf den Ebenen der Substitution und der Augmentation, sondern auf den Ebenen der Modification und der Redefinition zu suchen. Wenn es gelingt, Menschen stärker miteinander sozial und kognitiv zu verbinden, dann findet ein Lernen 4.0 und somit ein nachweisliches Mehr durch Digitalisierung statt.

Was lernen die Schüler warum?

Die entscheidende Frage für dieses Lernen 4.0 ist folglich nicht die Frage nach dem Wie, sondern die Frage nach dem Warum und Wozu – die aber in Zeiten einer Digitalisierung nur noch selten gestellt wird. Anders ausgedrückt: Welche Ziele verfolgt das Lernen? Dass Schülerinnen und Schüler bereits in der Grundschule sich mit dem Tablet Nachrichten hin- und herschicken, ist toll anzusehen. Es macht aber nur Sinn, wenn das nicht im Klassenzimmer passiert, sondern an Orten, an denen keine mündliche Kommunikation möglich ist. Denn passiert es im Klassenzimmer, ersetzt das Digitale das Menschliche. Anstelle des Sprechens tritt das Tippen. Und somit fällt eine Digitalisierung von den möglichen Ebenen der Modification und der Redefinition auf die Ebenen der Substitution und der Augmentation zurück.

In seinem Buch

Ob folglich eine Digitalisierung neue Möglichkeiten eröffnet oder schnell an ihre Grenzen stößt, hängt nicht von der Technik ab, sondern von den Menschen. Konkret sind es in erster Linie Pädagoginnen und Pädagogen, die mit Kompetenz und Haltung darüber entscheiden, wann es sich lohnt, digital zu lernen, und wann es besser ist, nicht-digital zu lernen. Kurzum: Pädagogik vor Technik!

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