WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Bildungspolitik CDU sagt linker Schulpolitik den Kampf an

Die bildungspolitische Gleichgültigkeit der Unionsparteien ist ein großer Fehler. Julia Klöckner und andere Landespolitiker wollen ihn korrigieren. Und das ist gut so.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Die rheinland-pfälzische CDU-Oppositionsführerin Julia Klöckner will, dass sich die Union wieder stärker in der Schulpolitik engagiert. Quelle: dpa

Bildungspolitiker haben es eigentlich überhaupt nicht nötig, den Bürgern klar zu machen, dass das, was sie tun, wichtig ist. Was in den Schulen passiert, ist kaum jemandem gleichgültig. Millionen Menschen fühlen sich als Experten, weil ihre Kinder zur Schule gehen. Und wer keine Kinder hat, war immerhin selbst einmal Schüler.

Nur die CDU hatte das seltsamerweise vergessen. Ohne erkennbare Not hatte sich die Partei in den vergangenen Jahren jeglichen schulpolitischen Profils entledigt, alte Positionen bedenkenlos auf dem Altar der Koalitionsfähigkeit geopfert. Den gesellschaftlichen Diskurs über Bildung hat die Union scheinbar gleichgültig der politischen Konkurrenz und der Bertelsmann-Stiftung überlassen.

Nun ist man in der Union offenbar aufgewacht. Die Konferenz der Fraktionsvorsitzenden der Union in den Landesparlamenten (FVK) versucht, den schweren Fehler des Rückzugs aus den Schulen zu korrigieren. Es sei, so verkündete der Thüringer Fraktionschef Mike Mohring am Montag bei der Präsentation einer von der FVK in Auftrag gegebenen Umfrage „höchste Zeit“ für eine „neues Selbstbewusstsein“ der CDU in der Bildungspolitik.

Es gebe, so stellt Mohring zutreffend fest, ein „krasses Missverhältnis in der öffentlichen Wahrnehmung“: Die jahrelang unionsgeführten Bundesländer hätten deutlich bessere Ergebnisse in Bildungspolitik, und dennoch messe man der SPD mehr Expertise auf diesem Feld zu.

Emotionale Debatte

Vielleicht ist dem ein oder anderen Landespolitiker mit weitergehenden Ambitionen klar geworden, dass Bildungspolitik die mit Abstand wichtigste Domäne der Länder in der Bundesrepublik ist. Vermutlich ist es auch kein Zufall, dass ausgerechnet Julia Klöckner neben Mohring die Studie präsentierte. Die junge Fraktionsvorsitzende im Mainzer Landtag wird sich mit dieser Position und ihrer Niederlage bei den Landtagswahlen sicher nicht lange zufrieden geben.

Mit den emotional geführten Debatten um die Rücknahme des achtjährigen Gymnasiums, um die Inklusion behinderter Schüler und den Niedergang des Lernniveaus bieten sich schlagende Themen für kommende Landtagswahlkämpfe. Klöckner weiß, dass mit anderen Landesthemen kaum Emotionen zu erzeugen sind. Und schon gar kein politisches Echo über die Landesgrenzen hinaus.

Man braucht keine Pisa-Studien

Wenn Mohring und Klöckner wahr machen, was sie versprechen, und der Schulpolitik endlich – wieder – den Stellenwert in der Union geben, der ihr gebührt, so ist das zu begrüßen. Denn sie haben Recht: Man braucht keine PISA-Studien, um zu erkennen, dass die traditionell unionsgeführten Bundesländer bessere Schulen und auch bessere Hochschulen haben als die jahrzehntelang von der SPD regierten.

Es ist kein Zufall, dass Bremer und Hamburger Schüler seit Jahrzehnten schwächere Leistungen zeigen, und ihre Unis mit denen südlich des Mains nicht wirklich mithalten können. Vermutlich ist es auch kein Zufall, dass dieses Bildungsgefälle mit einem ähnlichen Gefälle der wirtschaftlichen Leistungskraft einhergeht. Die heute präsentierte Schulstudie zeigt: Die Deutschen sehen die Schulen in Bayern und Sachsen als Maßstab an.

Die Union hat es jahrzehntelang versäumt, sich offensiv zu dem zu bekennen, was die eigentliche Grundlage dieser Erfolge war: ein realistisches, konservatives Menschen- und Gesellschaftsbild, das von der Verschiedenheit der Begabungen ausging – also auch die Grenzen der Bildbarkeit junger Menschen bedachte.

Propaganda-Offensive

Dieses Menschenbild ist die bildungsphilosophische Basis des gegliederten Schulsystems. Es hat sich im Großen und Ganzen bewährt. Entgegen der seit Jahrzehnten von seinen Gegnern in der OECD und bei SPD und Grünen geführten Propaganda-Offensive war das dreigliedrige Schulsystem kein Aufstiegshemmnis für die Kinder der sozial Schwachen, sondern durchaus durchlässig für die Begabten.

Die Menschen, die durch dieses dreigliedrige Schulsystem gegangen sind, sehen sich keineswegs dadurch um Lebenschancen betrogen. Sie wollen, wie die FVK-Studie zeigt, mit überwältigender Mehrheit (über 90 Prozent) das Gymnasium als Schulform erhalten. Sie wissen auch, wie die Studie zeigt, dass nicht der Anteil an Abiturienten und Akademikern entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg und den sozialen Frieden in Deutschland ist, sondern vor allem das duale System der Berufsbildung.

Hochschule



Die anhaltende Attacke gegen dieses gegliederte Schulsystem, der die Union nur ganz verhalten Widerstand leistete, wird dagegen getragen vom linken Gleichheitstraum der praktisch unbegrenzten Bildbarkeit aller Menschen.

Der Akademisierungswahn, der daraus erwuchs, hat mittlerweile zu einer galoppierenden Inflation der Bildungsabschlüsse geführt. Und zum Gegenteil der gleichen Chancen, die sich Sozialdemokraten wünschen: nämlich zu einer wachsenden Zahl teurer Privatschulen, die tatsächlich jene Exklusivität schaffen, die das alte Gymnasium nie bedeutete.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%