Bildungssystem „In jedem Vorort werden Biografien von Anfang an aufgegeben“

Lars Dittrich hat als Investor zahlreiche Mittelständler geformt. Nun schlägt er Alarm: Das Bildungssystem ist nicht für die digitale Zukunft gewappnet. Wenn wir nicht handeln, disruptieren wir die Grundlage unseres Wohlstands, warnt er.

WirtschaftsWoche: Herr Dittrich, Sie haben Ihre Schulzeit in der DDR verbracht und danach eine erstaunliche Karriere als Unternehmer und Investor hingelegt. Wie passt die sozialistische Bildung zum kapitalistischen Erfolg?
Lars Dittrich: Ich glaube, es liegt in erster Linie daran, wie ich Schule erlebt habe: als Raum, in dem soziale Bindungen und Bindungsfähigkeit herausgebildet wurden. Ich glaube aufgrund meiner eigenen Erfahrungen: Man macht nicht nur eine Superkarriere, wenn man eine super Elitenbildung hat. Sondern vor allem, wenn man einige entscheidende Werte für sein Leben mitbekommen hat.

Welche wären das?
Ich bin zehn Jahre lang mit 25 Mitschülern groß geworden, die aus sehr unterschiedlichen Bereichen kamen. Da lernt man von Anfang an sehr viel über Schwächen und Stärken. Heute sehe ich das als Schatz, der mir mitgegeben wurde. Wenn ich heute auf die staatlich vermittelte Bildung in Deutschland schaue, sehe ich oft eine soziale Aufteilung von Anfang an. Es fällt mir schwer, das in einem so fortschrittlichen Land zu akzeptieren. Hier wird dafür Sorge getragen, dass jedes Autobahnschild gerade und sauber ist, und trotzdem haben wir in jedem Vorort Biografien, die von Anfang an aufgegeben werden. 

Na ja, seit Jahren investiert der Staat Milliarden in frühkindliche Bildung, die es früher gar nicht gab.
Ich habe gestern mit einem Freund zusammengesessen, der sein erstes Kind hier in Berlin in die Kita bringt. Der zahlt dafür 800 Euro im Monat. Der kann, weil er materiell bessergestellt ist, sein Kind von Beginn an in eine Einrichtung schicken, wo es einen hohen Betreuungsschlüssel gibt und ständig wechselnde Schwerpunkte. Und es ist jetzt schon klar, dass das im Leben des Kindes so weitergeht. Und da fängt die Ungerechtigkeit an. Für 800 Euro zahlen andere eine ganze Monatsmiete.

Lars Dittrich Quelle: imago

Aber wenn Schüler später in Arbeit wollen, zahlt sich für sie in erster Linie nicht Solidarität aus, sondern eine möglichst gute Bildung. 
Natürlich. Aber Leute, die schon eh benachteiligt sind, müssen ja dennoch auch in einer globalen und digitalen Wirtschaft beschäftigt werden. Wenn sie aber nie gelernt haben, sich zu vernetzen und sich selber Kompetenzen anzueignen, wird das nichts. Da ist Raum für eine ganze Menge Konflikte. Das sehen Sie ja heute schon zum Teil im öffentlichen Raum.

Das lastet der Schule viel Verantwortung auf. Nicht zu viel?
Natürlich ist das eine Überfrachtung der Schule. Aber es macht mir noch größere Sorgen, wenn wir hier eine elitäre und eine sozial benachteiligte Klasse verfestigen. Wir tun uns damit keinen Gefallen. Ich sehe, vor allem in den Vororten von Großstädten, eine Klientel, die man heute sehr gerne süffisant als prekäre Konsumenten und RTL2-Publikum abstempelt. Und das ist nicht tragbar. Wir können uns keine Hälfte der Gesellschaft leisten, die nur shoppt und RTL2 guckt. Ich glaube, dass in diesen Vororten ganz hervorragende Talente sitzen.

Erleben wir nicht eigentlich das Gegenteil: dass Bildungspolitik noch nie so viel diskutiert wurde wie im vergangenen Jahrzehnt? Das Problem ist also nicht fehlende Aufmerksamkeit.
Aber mit den falschen Prämissen. Wenn ich mir heute angucke, in welcher Situation wir leben: Wir erleben die komplette Globalisierung unseres Arbeitslebens und gleichzeitig den Übergang in eine durchdigitalisierte Welt. Wir arbeiten in Netzwerken, die über Grenzen hinaus in Clustern arbeiten. Und da treffe ich unter den Erfolgreichen immer eine bestimmte Art von Typ: Die haben eine hochspezialisierte Bildung. Die sind tief in Dingen ausgebildet, von denen ich nicht mal weiß, wie sie geschrieben werden. Gleichzeitig fehlt denen nicht selten etwas anderes: Sozialkompetenz. So entstehen Superspezialisten, nicht wenige davon mit aus meiner Sicht großen Defiziten beim Umgang mit anderen. Und auf der anderen Seite haben wir eine Gruppe, die diese Bildung nicht hat und deswegen von Erfolgen abgehängt ist. So driftet die Gesellschaft auseinander – erst bildungstechnisch, dann ökonomisch. Und am Ende sozial wie politisch.

Glauben Sie an einen einfachen Hebel, mit dem sich schnell etwas verbessern ließe?
Ich kann mir gar nicht anmaßen, in der Tiefe einen wirklichen Blick für unsere Bildungspolitik zu haben. Aber das Problem fängt sicher damit an, dass wir eine zersplitterte Bildungspolitik haben. Ich komme aus einem Land, in dem es eine zentrale Bildungsvorgabe gab. Wie effizient ist es dagegen, dass im Norden andere Lehrpläne gelten als im Süden? Das Abitur in Bayern hat wenig mit dem in Bremen zu tun. Das ist doch unsinnig. Versteht niemand in Europa.

Die meisten der Probleme sind seit Jahren bekannt. Hoffen Sie wirklich, dass wir noch eine Verbesserung sehen werden?
Absolut. Das Schöne ist: In der Elite funktioniert es ja. Da gibt es Patenschaften, Alumni-Netzwerke vom Feinsten. Genauso muss man das aber eben auch nach unten definieren. Wir müssen dafür heute die Grundlagen schaffen.

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