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Bologna-Reform Gut gedacht, lieblos gemacht

Von zehn Jahren wurden die ersten Bachelor- und Master-Studiengänge eingeführt. Bildungspolitiker mögen zwar anderes behaupten, aber die Bilanz ist bestenfalls durchwachsen.

Studierende im Hörsaal Quelle: dapd

Wenn einen sonst kaum jemand lobt, dann muss man es halt selber machen. Vor ziemlich genau zehn Jahren, am 15. August 2002, begann in Deutschland die größte Hochschulreform der vergangenen Jahrzehnte: die Bologna-Reform. Passende Zeit für ein paar Worte des Lobes in eigener Sache, findet dieser Tage Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Die Einführung der Bachelor- und Master-Abschlüsse, sagt sie, sei „eine europäische Erfolgsgeschichte“.

Jenseits der Bildungs- und Kultusministerien aber ist die Haltung Bologna gegenüber bestenfalls neutral, selten euphorisch, sondern meistens kritisch. Die Reform kam ungewollt über Rektoren, Professoren und Studenten und sie wurde – leider – auch dementsprechend behandelt. Bologna hat, in Verbindung mit der Exzellenzinitiative für die Forschung, ein Jahrzehnt der maximalen Veränderung und Verausgabung für die deutschen Universitäten und Hochschulen zur Folge gehabt. Nicht immer mit gutem Ausgang.

Die Wahrheit über die Bologna-Bilanz findet sich weniger in den Daten und Zahlen, die mittlerweile fast all das testieren, was mit der Einführung entstehen sollte: kürzere Studienzeiten, also jüngere Absolventen, eine recht gute Arbeitsmarktbilanz, geringe Abbrecherquoten. Die Wahrheit findet sich im Hörsaal, in den Seminaren und Bibliotheken, auch in den Gesprächen studentischer Beratungsangebote: Aus der akademischen Freiheit und dem Glück intellektueller Trödel- und Spielerei, die schon vorher gefährdet war, sind vielerorts restlos durchgetaktete und engmaschige, beengende statt befreiende Studiengänge entstanden. Und viele haben bis heute jeden Protest überlebt.

Die beliebtesten Studienfächer in Deutschland
IngenieurwissenschaftenIn dieser Fächergruppe fiel der Rückgang besonders stark aus: Noch knapp 106.300 junge Menschen begannen dieses Studium. Das sind 8,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Vor allem die Zahl der männlichen Studienanfänger sank, während die Anzahl der Frauen stieg. Ursache ist nach Angaben der Statistiker die Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011, die damals zu einem deutlichen Anstieg der männlichen Erstimmatrikulierten geführt hatte. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 1Es muss nicht immer das oberste Gericht sein wie die Richter vom Bundesverfassungsgericht (Bild). Für 185.856 Studienanfänger, die voriges Semester 2011/2012, das Studium der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften angefangen haben, gibt es an deutschen Gerichten auch nicht genügend Arbeitsplätze. Die Politologen, Volkswirte und Juristen, die jedes Jahr zu Tausenden die Universitäten verlassen, finden ausreichend Betätigungsfelder in Politik, Wirtschaft und Medien. Quelle: dapd
Mathematik und NaturwissenschaftAuch in dieser Fächergruppe sank 2012 die Anzahl der Erstimmatrikulierten im Vergleich zum Vorjahr um 7,2 Prozent. Insgesamt schrieben sich 84.600 Anfänger für das Studium ein. Quelle: dpa/dpaweb
Sprach-und Kulturwissenschaften 82.600 Personen nahmen 2012 ein Studium aus der Fächergruppe der Sprach- und Kulturwissenschaften auf. Damit ist auch hier ein Rückgang um 5,1 Prozent zu verzeichnen. Quelle: dpa
Rechts-, Wirtschafts- und SozialwissenschaftenFür ein Studium dieser Fächergruppe entschieden sich 163.500 Studierende. Mit 2,9 Prozent ist lediglich ein kleiner Rückgang zu verzeichnen. Quelle: dpa
Humanmedizin und GesundheitswissenschaftenAls einzige Fächergruppe kann der Bereich Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften ein Plus verzeichnen und dann direkt - mit 7,9 Prozent - ein großes. 24.100 Studienanfänger gab es in diesem Bereich im vergangenen Jahr. Quelle: dpa

Aus Angst vor zu leichtgewichtigen Bachelor-Absolventen und aus Faulheit wurden Diplom-Inhalte aus neun in sechs Semester gequetscht und in logischer Folge der Prüfungsdruck erhöht. „Bulimielernen“ – einpauken, ausspucken – ist zum geflügelten Wort der Studierenden geworden. Die Hochschulen haben sich gefährlich nahe den Orten angenähert, denen sie doch so fern wie möglich sein sollten, wenn man Wilhelm von Humboldt noch einen Rest Bedeutung beimisst: den Schulen.

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Viel zu selten wurden die neuen Freiheiten gesehen und genutzt, die Bologna auch bietet: Es gibt viel zu wenige acht- statt sechssemestrige Studiengänge, die sowohl dem lernen müssen und entdecken lassen Zeit geben; die Ausflüge in die Forschung und Auslandsaufenthalte ohne bürokratischen Stress ermöglichen, ja: ermutigen. Die vollen zehn Jahre hat es gedauert, bis eine renommierte Universität wie Freiburg einen wegweisenden vierjährigen Bachelor of Arts konstruierte, der sich nach der edlen Tradition geisteswissenschaftlicher Colleges nicht zuallererst und ausschließlich dem Arbeitsmarkt verpflichtet fühlt, sondern dem wachen Geist seiner Studenten.

Es ist zu hoffen, dass es im zweiten Jahrzehnt Bologna diese Ideen sind, die ausstrahlen und anspornen.

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