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Britische Hochschulen Der Brexit macht das UK-Studium dreimal teurer

Britische Universitäten waren stets beliebt bei deutschen Studierenden. Nach dem Brexit werden die Studiengebühren, wie hier an der Universität von Oxford, aber steigen.  Quelle: REUTERS

Der Ausstieg aus dem Erasmus-Programm war eines der letzten Opfer der britischen Regierung im Poker mit der Europäischen Union. Für Deutsche wird das Studium auf der Insel nun mehr kosten. Aber werden sie die Unis des Vereinigten Königreichs wirklich meiden?

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Wer die europäische Idee einmal ganz konkret beschreiben will, landet meist bei einem Namen: Erasmus. Das nach dem niederländischen Renaissance-Gelehrten Erasmus von Rotterdam benannte Förderprogramm diente seit seiner Einführung im Jahr 1987 stets als Beispiel dafür, was die gemeinsamen Werte der EU im Kleinen ausmacht. 

Hunderttausende junge Europäer studieren jedes Jahr, unterstützt mit dem EU-Stipendium, in anderen Ländern, tauschen sich über Grenzen hinweg aus, entwickeln Verständnis für kulturelle Unterschiede und ideelle Gemeinsamkeiten, lernen neue Sprachen und entdecken damit auch die Möglichkeit, außerhalb des eigenen Landes zu leben und zu arbeiten. Und dabei haben sie nicht zuletzt auch noch eine gute Zeit. 

Spürbare Folgen nach dem Brexit

Großbritannien aber macht da nun nicht mehr mit. Gibt es ein deutlicheres Symbol für die Abkehr von der Idee eines vereinten Europa? Vor gut einem Jahr konstatierte der britische Premier Boris Johnson noch „keine Gefahr“ dafür, dass sein Land im Zuge der Brexit-Verhandlungen aus dem Erasmus-Programm aussteigen würde. Vor wenigen Wochen musste er dann aber doch die „schwere Entscheidung“ verkünden, dass es in Zukunft keine gemeinsamen Austauschprogramme mit der EU geben wird. An seine Stelle will Johnson ein nach dem Mathematiker Alan Turing benanntes Programm stellen, das es 35.000 jungen Briten ermöglichen soll, im Ausland zu studieren oder zu arbeiten.

Das trifft deutsche Studierende besonders hart. Allein im vergangenen Jahr waren rund 3000 deutsche Studierende und 3500 Praktikanten und Azubis im Rahmen eines Erasmus-Aufenthalts im Vereinigten Königreich. Außerdem waren 15.300 Deutsche im Jahr 2018 in einem Vollzeitstudium auf der Insel eingeschrieben. Für viele, die es ihnen in Zukunft gleich tun wollen, wird der Brexit spürbare Folgen haben – bürokratische wie finanzielle.

Das erste Problem wäre die Aufenthaltserlaubnis. Studierende aus einem EU-Mitgliedstaat können unter bestimmten Voraussetzungen bis zu sechs Monate visumsfrei eine Universität im Vereinigten Königreich besuchen. Unter anderem müssen angehende Studierende einen Studienplatz in einem von der Regierung akzeptierten Kurs haben, ausreichend Finanzmittel, um sich selbst zu versorgen und die anfallenden Studiengebühren zu tragen und Englisch sprechen und schreiben können. Ein solches Visum gilt für bis zu fünf Jahre und kostet bis zu 536 Euro.

Die zweite, höhere Hürde für Studierende sind die Finanzen. Vor dem Brexit wurden Europäer hier auf zwei Arten begünstigt. Waren sie Teil des Erasmus-Programms, wurden ihnen die Studiengebühren für ein Auslandssemester komplett erstattet. Diese Förderung läuft spätestens zum 31. März 2023 aus, heißt es beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), der diese Programme koordiniert. 

Junge Europäer, die sich für ein komplettes Studium in Großbritannien entschieden hatten, nutzten noch einen anderen Vorteil: Sie wurden behandelt wie Briten, mussten also maximal die so genannte „home fee“ bezahlen, die für Bachelor-Abschlüsse bei rund 10.400 Euro (9250 Pfund) liegt. Vom im Herbst beginnenden Studienjahr 2021/22 an werden an vielen Institutionen dagegen die Preise für internationale Studierende fällig. An der bei EU-Bürgern besonders beliebten Universität von Edinburgh liegen die meisten Studiengänge danach bei rund 24.000 Euro pro Jahr. An der renommierten Universität von Oxford kostet ein Jahr in Zukunft rund 35.000 Euro.

Die intellektuelle Klammer geht verloren

Britische Universitäten beklagen bereits heute das drohende Fernbleiben vieler Studierender aus Kontinentaleuropa. Einerseits weil sie befürchten, der einst so fruchtbare akademische Austausch werde einbrechen. Andererseits aber auch aus finanziellen Gründen. Im vergangenen Jahr schätzte das Marktforschungsinstitut London Economics, dass die Zahl der ausländischen Studierenden allein wegen der herrschenden Pandemie um 47 Prozent fallen würde. Insgesamt drohte der Hochschulsektor dadurch fast 2,8 Milliarden Euro zu verlieren. Sollten sich in Zukunft angesichts zu hoher Gebühren noch mehr Europäer dazu entscheiden, nicht im Vereinigten Königreich zu studieren, könnte das den britischen Universitäten langfristig schaden.

Kürzlich sagte Joybrato Mukherjee, der Präsident des DAAD, es schmerze ihn, dass Großbritannien nicht mehr bei Erasmus mitmache. „Das Programm steht für die intellektuelle Klammer der jungen Generation in Europa“, sagte er im Interview mit „Forschung und Lehre“. Man unterstütze Hochschulen in Deutschland, bilaterale Kooperationen mit ihren Partneruniversitäten in Großbritannien zu knüpfen. Und auch der DAAD passe sein Förderportfolio an. Das könnte bedeuten, dass ähnlich wie bei Austauschprogrammen mit den USA die hohen Studiengebühren teilweise übernommen werden. 

Derzeit scheint sich zumindest die deutsche Studierendenschaft weiterhin für eine akademische Ausbildung in Großbritannien zu interessieren. Ein Grund dafür sind sicherlich die zum Teil exzellenten Hochschulen, allen voran Oxford, Cambridge oder das Imperial College in London, die in internationalen Rankings regelmäßig zu den besten der Welt zählen. Beim DAAD zumindest gingen im vergangenen Jahr fast 40 Prozent mehr Bewerbungen auf Stipendien außerhalb des Erasmus-Programms mit Ziel Vereinigtes Königreich ein. 

Mehr zum Thema: Lohnt es sich wirklich, zehntausende Euros in ein Elitestudium zu stecken? Und wie viel reicher macht euch ein Abschluss an einer renommierten Hochschule? Darum geht es in dieser Folge von Money Mates.

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