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DGB-Studie Bildungspolitik verfehlt ihre eigenen Ziele

Einige der Zielvorgaben des Bildungsgipfels von 2008 sind inzwischen unerreichbar. Die Gewerkschaften fordern jetzt einen neuen Gipfel - und erhalten Rückendeckung von der SPD.

Die Länder mit der höchsten Akademikerquote
Platz 10: IrlandBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 39,7 ProzentIm Jahr 2012 haben knapp 40 Prozent der Iren zwischen 25 und 64 Jahren eine universitäre Ausbildung. Das resümiert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (kurz: OECD) in ihrem Bildungsbericht 2014. Deutschland hingegen schafft es nicht unter die Top Ten: Nur 28 Prozent haben einen Tertiärabschluss – also ein abgeschlossenes Studium oder einen Meister. Der OECD-Durchschnitt liegt dagegen bei knapp 33 Prozent. Quelle: AP
Platz 9: NeuseelandBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 40,6 ProzentDie weltweite Finanzkrise hat sich in Neuseeland nicht wirklich bemerkbar gemacht: Während die Zahl der Studenten in vielen Industriestaaten zwischen 2008 und 2011 zurückgegangen ist, steigt sie in Neuseeland weiter an und liegt bei knapp 41 Prozent. Im Jahr 2011 investieren neuseeländische Studenten im Durchschnitt knapp 11.000 US-Dollar in ihre Hochschulausbildung. Quelle: dpa
Platz 8: GroßbritannienBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 41,0 ProzentA-Level-Studentin Tabitha Jackson (r.) freut sich mit ihren Kommilitoninnen über ihren Abschluss am Brighton College. 41 Prozent der britischen Bevölkerung hat einen Hochschulabschluss. Ein Studienjahr in Großbritannien kostet rund 16.000 US-Dollar. Quelle: REUTERS
Platz 7: AustralienBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 41,3 ProzentEin Surfer springt mit seinem Brett in die Wellen vor Sydney. Auch „Down Under“ hat eine gut qualifizierte Bevölkerung, die deutlich über dem OECD-Durchschnitt liegt: 41,3 Prozent der Erwachsenen haben einen Universitätsabschluss. Pro Jahr muss ein australischer Student etwa 16.000 US-Dollar für seine Ausbildung zahlen. Quelle: AP
Platz 6: KoreaBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 41,7 ProzentJunge koreanische Studentinnen feiern ihren Abschluss an der privaten Sookmyung Universität in Seoul. In Korea haben 41,7 Prozent der erwachsenen Bürger einen Hochschulabschluss. Ein Studienjahr kostet knapp 10.000 US-Dollar. Quelle: dpa
Platz 5: USABevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 43,1 ProzentVon allen 30 untersuchten Staaten ist ein Studium in den USA am teuersten: Rund 26.000 US-Dollar muss ein Student dort pro Jahr an einer Universität zahlen. Dennoch kann fast jeder zweite Erwachsene einen Hochschulabschluss vorweisen. Auf diesem Foto ist der Campus der Georgetown University in Washington zu sehen. Quelle: AP
Platz 4: IsraelBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 46,4 ProzentDieses Bild zeigt die israelische Universität Beerscheva, die auch als Ben-Gurion University of the Negev bekannt ist. Auch Israels Bevölkerung ist mit einem Anteil von 46,4 Prozent Hochschulabsolventen überdurchschnittlich gut ausgebildet. Pro Jahr investiert ein israelischer Student im Durchschnitt knapp 12.000 US-Dollar in seine Ausbildung. Quelle: dpa

Das kommt davon, wenn man seine Ziele zu genau beziffert. Die Bildungspolitiker in Bund und Ländern haben auf ihrem Bildungsgipfel 2008 in Dresden versprochen, den Anteil der Schulabgänger ohne jeglichen Abschluss bis Ende 2015 von damals rund 8 Prozent auf vier zu halbieren.

Nun macht eine Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes deutlich, dass dieses Ziel wohl kaum noch zu erreichen sein wird. 2013 verließen 5,7 Prozent eines Jahrgangs die Schule ohne Abschluss. Der DGB will auch kein Maßnahmenbündel erkennen, „das in diesem Handlungsfeld Erfolge versprechen würde“.

Auch das zweite große Ziel des Bildungsgipfels, nämlich die Halbierung der Quote junger Erwachsener (20-29 Jahre) ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung von 17 auf 8,5 Prozent, kann wohl nicht mehr bis Ende 2015 erreicht werden. Von 2008 bis 2013 hat sich die entsprechende Quote nur von 17,2 auf 13,8 Prozent verringert.

2013 hatten also 1, 4 Millionen junge Erwachsene keine abgeschlossene Berufsausbildung – und waren auch nicht mehr dabei, eine zu erwerben. Da im selben Jahr noch fast 258.000 jungen Erwachsene im sogenannten Übergangssystem vermeldet waren - jenem Teil des Berufsbildungssystems, das keinen Abschluss vermittelt -, kann das Halbierungsziel nicht mehr erreicht werden.

„Die hohen Zahlen der Jugendlichen ohne Schulabschluss und der jungen Menschen ohne Berufsabschluss bleiben ein zentrales Problem in unserem Bildungswesen“, bilanziert der Autor der DGB-Studie, der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm. Das deutsche Bildungssystem insgesamt sei „auch im internationalen Vergleich  unterfinanziert“.

So kritisch der DGB die deutsche Bildungspolitik auch angeht, die Sinnhaftigkeit der Dresdner Ziele selbst stellt er nicht in Frage. Dass es höchst fragwürdig ist, bildungspolitischen Erfolg allein an Abschluss-Zahlen festzumachen, wird in Klemms Untersuchung bei genauerem Hinsehen aber durchaus deutlich. Denn ein Hauptschulabschluss an sich ist nichts weiter als ein Dokument, das kaum etwas über den tatsächlichen Bildungsstand eines jungen Menschen aussagt. Dieser variiert stark zwischen den Bundesländern.

Die besten Bundesländer für Schüler und Azubis
Passanten gehen am Dienstag (28.08.12) in Bremen an der Fassade des Empfangsgebaeudes des Bremer Hauptbahnhofes vorbei. Quelle: dapd
Ein Brunnen vor dem Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität in München Quelle: dpa
Die St. Johann-Basilika in der Altstadt von Saarbrücken Quelle: dpa/dpaweb
Abendhimmel hinter der Baustelle der Elbphilharmonie am Hafen von Hamburg. Quelle: dpa
Die Rücklichter fahrender Autos werden am Mittwochabend (21.03.2012) auf der Karl-Marx-Allee in Berlin dank einer Langzeitbelichtung zu roten und gelben Linien. Quelle: dpa
Birds sit on a statue in the park of Sanssouci Palace Quelle: dapd
Gäste am Kreuzfahrtterminal in Warnemünde Quelle: dpa/dpaweb

Eine im Herbst 2013 veröffentlichte Studie hat für das Fach Mathematik gezeigt, dass ein für Hauptschüler festgelegter Mindeststandard der Leistungsfähigkeit von 5,5 Prozent aller Neuntklässler im Jahr 2012 nicht erreicht wurde. Dieser Wert liegt deutschlandweit bei der Quote von 5,7 Prozent der Schüler, die 2013 keinen Hauptschulabschluss erlangen konnten.

Blickt man nun aber zum Beispiel auf Mecklenburg-Vorpommern, das bei den Abgängern ohne Abschluss mit 10,3 Prozent Schlusslicht ist, wundert man sich, dass gleichzeitig nur 2,8 Prozent der mecklenburgischen Neuntklässler den Mindeststandard in Mathematik nicht erreichten. Das heißt nichts anderes, als dass manch ein Mecklenburger ohne Abschluss besser rechnen kann als manch ein Bremer mit Hauptschulabschluss.

In Sachsen verfehlten sogar nur 1,3 Prozent den Mindeststandard, obwohl 9,5 Prozent ohne Abschluss die Schule verließen. Ganz offensichtlich lernen in Sachsen oder Mecklenburg selbst formale Schulversager mehr als in anderen Ländern diejenigen mit Abschluss.

Noch deutlicher wird die Fragwürdigkeit einer ganz auf Zählen fixierten Bildungspolitik beim Blick auf ein weiteres Ziel des Bildungsgipfels: Der Anteil der Studienanfänger unter den Abgängern eines Jahrganges sollte auf 40 Prozent steigen. Dieses Ziel war schon im selben Jahr, also 2008 erreicht. 2013 waren es sogar 57,5 Prozent.

Klemm und der DGB werten das „fraglos als bildungspolitischen Erfolg“. Man kann sich aber auch als Nicht-Bildungsforscher denken, dass diesem extremen Anstieg kein ebensolcher Anstieg des tatsächlichen Leistungsstands der Studierberechtigten entspricht.

Als Erfolg wertet der DGB auch, dass 2012 fast jeder Zweite (49 Prozent) zwischen 19 und 64 eine berufliche Weiterbildungsmaßnahme in Anspruch genommen hat. Das Erreichen des in Dresden ausgegebenen 50-Prozent-Ziels bis 2015 sei daher wahrscheinlich, stellt Klemm fest.

Kritisch sieht er dabei die „soziale Schieflage“: Arbeitslose, gering Qualifizierte, Menschen ohne Berufsausbildung und Zuwanderer nähmen unverhältnismäßig selten an Weiterbildung teil. Sie blieben dadurch „abgehängt“, schreibt der Bildungsforscher.

In Arbeit
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Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende, fordert deshalb gegenüber der Süddeutschen Zeitung einen neuen Bildungsgipfel noch in diesem Jahr. Bund, Länder und Kommunen müssen zusammen mit den Sozialpartnern eine neue gemeinsame Bildungsstrategie vereinbaren. Das Bildungssystem produziere „zu viele Bildungsverlierer“, denen ein Leben in prekären Verhältnissen drohe

Auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) fordert einen neuen Bildungsgipfel. Es sei an der Zeit, über alle politischen Ebenen hinweg eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. Die erzielten Fortschritte reichten bei Weitem nicht aus.

Bildungsfortschritte kann es für Bildungspolitiker offenbar nicht genug geben. Auch wenn sie sich nur in Statistiken zeigen, die über tatsächliche Bildung oder Leistungsfähigkeit nichts aussagen können.

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