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Digitalökonomen Warum VWL auch bei Tech-Konzernen gefragt ist

VWL: Warum Digitalökonomen bei Tech-Konzernen beliebt sind Quelle: Fotolia

Die klassische Karriere führte Volkswirte zu Behörden, Banken oder in die Wissenschaft. Doch mit dem richtigen Profil haben die Absolventen auch bei Tech-Konzernen gute Chancen. Ihr größter Arbeitgeber: Amazon.

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Einer der ersten war Yanis Varoufakis. Der Ökonom, der wenige Jahre später Finanzminister Griechenlands wurde, heuerte im Sommer 2012 beim renommierten Computerspielestudio Valve an. Varoufakis‘ Wissen sollte helfen, die Wirtschaftsräume zweier Online-Spiele zusammenzuführen. Eine digitale Währungsunion, ähnlich der von ihm so vehement kritisierten Eurozone.

Zwar waren seine volkswirtschaftlichen Ratschläge dort nicht lange gefragt, wie man an seinem nur wenige Wochen später verwaisten Blog sehen kann. Aber seine Nominierung zeigte schon damals, dass Volkswirte im Reich der Digitalökonomie vieles bewirken können – wenn man sie nur lässt.

Heutige Techunternehmen haben das verstanden, wenn man einer aktuellen Studie der Forscher Susan Athey von der Universität Stanford und Michael Luca von der Harvard Business School folgt. Demnach ist ein Digitalkonzern ohne zumindest ein paar Ökonomen heute kaum denkbar. Egal ob Uber, Microsoft, Google oder Airbnb – alle suchen Experten mit volkswirtschaftlichem Sachverstand.

Und manche, wie derzeit der E-Commerce-Riese Amazon, stellen sogar Volkswirte in Mannschaftsstärke ein. Seit fünf Jahren ist dort Pat Bajari, Professor an der Universität von Washington, als Chief Economist tätig. Athey und Luca schätzen, dass er in dieser Zeit 150 Ökonomen mit Doktortitel eingestellt hat. Damit beschäftige Amazon mehr Vollzeit-Volkswirte als die größten akademischen Fakultäten, so die Forscher.

Erfreuliche Nachrichten sind das auch für die rund 24.000 Studierenden, die im Wintersemester 2017/2018 laut Statistischem Bundesamt an deutschen Universitäten im Fach Volkswirtschaftslehre eingeschrieben waren. Ihre Karriereperspektiven waren zwar nicht schlecht, allerdings seit Jahren ähnlich festgefahren: In volkswirtschaftlichen Abteilungen von Banken oder in staatlichen Institutionen konnten sie ihr Wissen anwenden. Oder es beim Versuch einer akademischen Laufbahn noch weiter vertiefen.

In der Privatwirtschaft sind Volkswirte dagegen eher als mathematisch versierte Generalisten bekannt. „Das ist oft ein Vorteil“, sagt Matthias Sutter. Aber für manche Berufe sei das Profil dann vielleicht doch zu allgemein, so der Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern und Professor für Experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Köln. „Wenn ein Unternehmen einen Personalmanager oder einen Controller braucht, haben Betriebswirte wahrscheinlich bessere Chancen.“

Das Studium für Ökonomen hat sich weiterentwickelt

Doch das Studium für Ökonomen hat sich in der vergangenen Dekade weiterentwickelt. „Die Ausbildung in der VWL vermittelt immer mehr quantitative und verhaltenswissenschaftliche Fähigkeiten“, sagt Sutter. Diese Öffnung hin zu einer psychologischen, neurowissenschaftlichen und stärker empirisch fundierten Forschung wurde auch durch die Finanzkrise vor zehn Jahren befeuert. „In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren ist die Ökonomie sehr viel näher an die Praxis und den Menschen gerückt“, so Sutter, „das verbessert die Chancen vieler Absolventen.“

Wie eben bei den Techfirmen. Dort ist Yanis Varoufakis lange nicht mehr der bekannteste Name unter den Digitalökonomen. Der Suchmaschinen-Gigant Google etwa wird schon seit dem Jahr 2002 von Hal Varian beraten. Der Mikroökonom hat eines der bekanntesten Lehrbücher über sein Fach geschrieben und forscht an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Und er hilft Google dank seiner Kenntnisse in Auktionsdesign unter anderem dabei, Werbeplätze möglichst fair und gewinnbringend zu versteigern.

Beim Fahrdienstleister Uber dagegen ist John List in der Position des Chief Economist. Der Professor von der Universität von Chicago ist einer der führenden Experten in der ökonomischen Feldforschung. Er sammelt gerne Daten in der echten Welt und versucht, Regelmäßigkeiten im ökonomischen Verhalten von Menschen abzuleiten – und daraus Empfehlungen für Unternehmen und Politik zu ziehen. Für Uber hat er beispielsweise untersucht, wie sich das Unternehmen bei seinen Kunden für verspätete Fahrten entschuldigen sollte.

Achim Wambach überrascht die Beliebtheit von Volkswirten bei Digitalkonzernen nicht. „Ökonomen lernen, mit Daten zu arbeiten und Zusammenhänge kausal zu verstehen“, sagt der Direktor des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Diese Fähigkeiten können sie einsetzen, um Marktplätze zu entwerfen, Kunden zu binden, Feedbacksysteme zu verbessern oder die Preissetzung zu optimieren. Bei den datengetriebenen Techfirmen finden sie dafür perfekte Bedingungen.

Und auch in der Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen oder in der politischen Analyse und Regulierung könnten Ökonomen stärker gefragt sein, denn: „In Zeiten von Big Data entstehen nicht nur viele Daten, sondern auch völlig neue Märkte und neue Geschäftsmodelle wie bei Plattformen, für die es viel ökonomisches Verständnis bedarf“, so Wambach.

Dafür, so der ZEW-Chef, seien die jungen Volkswirte gut ausgebildet. Das liege auch an der teilweise sehr tiefen methodischen und mathematisch-statistischen Ausbildung, die von Unternehmen bisweilen als praxisfern und unnütz abgetan wird. „Diesen Vorwurf der Praxisferne halte ich für falsch“, sagt Wambach. Die Herausforderungen in der modernen, digitalen Berufswelt seien so hoch, „dass man das gesamte Rüstzeug aus dem Studium gebrauchen kann.“

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