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Edelgard Bulmahn "Bund soll Hochschulen 9500 Euro pro Absolvent zahlen"

Ihre Idee eines Hochschulwettbewerbs von 2004 hat die Uni-Landschaft nachhaltig verändert, nun fordert die frühere Forschungsministerin Edelgard Bulmahn mehr Corps-Geist an deutschen Universitäten - und einen Absolventen-Bonus für die Basis-Finanzierung. Der Vorschlag könnte die Wissenschaft erneut verändern. Ein Interview.

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Edelgard Bulmahn Quelle: Presse

WirtschaftsWoche: Frau Bulmahn, die deutsche Wissenschaft feiert den Erfolg der Exzellenzinitiative. Außerhalb der Fachkreise wissen nur wenige, dass Sie den Hochschulwettbewerb 2004 ins Leben gerufen haben. Erinnern Sie sich noch an diese Zeit?

Edelgard Bulmahn: Ja sicherlich. In der Forschung drohten die Hochschulen durch die besser ausgestattete außeruniversitäre Forschung abgehängt zu werden. Mir war klar, dass sich etwas grundlegend ändern muss. Ich wollte frisches Geld in die Hochschulforschung geben und ich wollte neue Wege gehen, weil die Hochschulwissenschaftsprogramme und viele andere Förderprogramme nicht den Schub bewirkt hatten, der notwendig war.

Der Wettbewerb der Hochschulen enthielt drei Förderlinien: die Graduiertenschulen, Exzellenzcluster und Zukunftskonzepte. Sind Sie heute vom Erfolg dieser Maßnahmen überrascht?

Ich war überzeugt, dass wir mit dem Wettbewerb einen dynamischen Entwicklungsprozess der Hochschulen einleiten können. Aber ich hätte nicht gedacht, dass die Resonanz und der Erfolg so groß sein würden. Selbst Unis, die beim Wettbewerb leer ausgingen, profitieren bis heute, weil sie sich mit ihren Stärken auseinandergesetzt haben.

National stieß die Exzellenz-Uni zunächst auf viel Widerstand, international aber auf hohes Interesse in der Wirtschaftspresse, wie die „Nature“ und „Science“ berichtete. Inzwischen haben auch viele andere Staaten wie Frankreich oder Japan entsprechende Initiativen gestärkt.

Zur Person

Inwiefern Widerstand?

Die Wissenschaftsorganisationen unterstützten den Vorschlag, aber einige Hochschulen und auch Teile der Presse kritisierten den Wettbewerb damals, weil er angeblich nicht in die deutsche Hochschullandschaft passe. Auch die Mehrheit der Länder torpedierte meinen Vorstoß, weil der Bund sich nicht in die Länderkompetenzen einmischen sollte. Mit den Länderministern gab es schon nach zwei Monaten einen gemeinsamen Beschlussvorschlag. Aber vor allem Hessens Ex-Ministerpräsident Roland Koch blockierte ihn damals über ein Jahr. So konnte die Exzellenzinitiative erst Mitte 2005 starten.

Ihre Kraftanstrengung hat sich gelohnt...

Ja hat sie! Die Hochschulen haben Profil und Wertschätzung gewonnen, ihre Leistungskraft ist gestiegen. Die Vernetzung zwischen universitärer und außeruniversitärer Förderung ist gut. Wir haben sehr leistungsstarke Cluster. Ich freue mich deshalb sehr, dass der Wettbewerb nach 2017 in die dritte Runde gehen soll und bis 2028 weiter gefördert wird.

Am Freitag präsentiert die Kommission um den Schweizer Physiker Dieter Imboden ein Gutachten, das den Erfolg der Exzellenzinitiative belegen wird. Danach wird die Politik über die Neuausrichtung der Exzellenzinitiative entscheiden. Was fordern Sie?

Nach dem Kommissionsbericht muss schnell klar sein, wie es weitergehen soll. Mir sind drei Punkte wichtig. Erstens: Schwerpunkt des Hochschulwettbewerbs sollten die Exzellenzcluster bleiben. Der Bund sollte die Möglichkeit erhalten, einzelne Verbünde zwischen Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen dauerhaft zu fördern. Zweitens: Die Exzellenzinitiative sollte in Zukunft auch die forschungsbezogene Lehre berücksichtigen. Drittens: Die Exzellenzinitiative sollte die Zukunftskonzepte weiter fördern. Hochschulen oder Cluster sind mehr als die Summe ihrer Fachbereiche. Sie brauchen einen gemeinsamen Geist, sie brauchen Strukturentwicklung.

"Die Leistung muss entscheiden"

Was heißt das konkret?

Hochschulen brauchen eine Art Corporate Identity und eine Weiterentwicklung ihrer Strukturen. Hier können deutsche Universitäten von amerikanischen lernen. Harvard ist schon allein wegen seines Rufs ein Anziehungspunkt für internationale Wissenschaftler. Dieser Geist, stolz zu sein, an einer großartigen Universität arbeiten zu dürfen, sollte deshalb stärker unterstützt werden, um ein eigenes unverwechselbares Profil zu entwickeln.

Union und SPD streiten darüber, ob die Exzellenzinitiative Elite oder Breite fördern soll. Wo stehen Sie?

Diese Diskussion um Breiten- oder Spitzenförderung ist eine fatale deutsche Debatte. Breite und Spitze bedingen einander. Man kann aber nicht beides mit dem gleichen Instrument fördern.

Das heißt, die Exzellenzinitiative sollte die Besten fördern?

Die Exzellenzinitiative ist ein Wettbewerb der Spitzenforschung. Ich warne davor, das Instrument zu verwässern. Es geht um die besten Konzepte und die beste Forschung. Nur so rücken deutsche Spitzen-Unis noch weiter in der Weltliga nach oben.

Wie sich die Hochschulfinanzierung zusammensetzt

Derzeit gibt es elf sogenannte „Elite-Unis“. Sollte sich die Förderlinie der Zukunftskonzepte auf weniger Universitäten konzentrieren?

Es ist nicht sinnvoll, sich auf eine fixe Zahl zu versteifen. Sicherlich kann nicht jede Universität zur internationalen Spitze gehören. Die Berliner und Münchner Universitäten gehören z. B. sicher derzeit zu den besten in Deutschland. Der Wettbewerb sollte jedoch auch den Universitäten aus der zweiten Reihe eine Chance geben. Sie könnten in 20 Jahren an der Spitze stehen. Die Leistung muss entscheiden.

Braucht Deutschland international renommierte Bundes-Universitäten?

Bundesuniversitäten gibt es schon - die beiden Bundeswehr-Universitäten. Renommee gewinnt man durch Leistung, nicht durch den Namen des Finanziers. Der Bund sollte darüber hinaus parallel zur Stärkung der Spitzenförderung die Ausstattung aller Hochschulen verbessern. Der Bund muss die Grundfinanzierung der Hochschulen deutlich erhöhen. Experten fordern vier Milliarden Euro pro Jahr. Dem stimme ich zu.

Hochschule



Und das Geld sollte der Bund mit der Gießkanne ausschütten?

Nein. Auch die Grundfinanzierung kann an Erfolgskriterien ausgerichtet sein. Der Bund sollte eine Studienabschlussförderung einführen. Hochschulen bekämen vom Bund also für jeden Studenten, der einen Abschluss macht, eine Prämie. Der Zuschuss sollte bei durchschnittlich 9.500 Euro pro Absolvent liegen, insgesamt also bei rund 4 Mrd. Euro. Um zu vermeiden, dass die Hochschulen das Niveau ihrer Abschlüsse absenken, könnte man den Bundes-Bonus an die Anmeldungen zur Abschlussprüfung koppeln. Auf diese Weise würden die Hochschulen automatisch in die Lehre investieren.

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