Falsche Lehrpläne Die Jugend lernt, was gestern wichtig war

Bei der Bildung wird oft das Falsche kritisiert. Denn woran es fehlt, sind neue Lehrpläne. Mit dem heutigen Unterricht bereiten wir niemanden auf das Leben vor. Da helfen auch mehr Naturwissenschaften nicht.

Oberstufenschüler demonstrieren gegen das G8-System Quelle: dpa

Es wird mal wieder kräftig über Strukturen debattiert: Soll das Gymnasium nun acht oder neun Jahre dauern? In Bayern war sogar die ganze Bevölkerung aufgerufen, per Volksbegehren Stellung zu beziehen. So wichtig Partizipation in einer Demokratie ist, es ist die falsche Frage, die zu diskutieren ist: Entscheidend für erfolgreiche Bildung sind nicht so sehr die räumlichen und zeitlichen Rahmenbedingungen, sondern die Interaktion zwischen den Beteiligten. Und damit ist die Gretchenfrage für ein modernes Gymnasium nicht die Frage nach der Dauer, sondern die Frage nach einem Bereich, der angesichts einer einseitigen Fokussierung auf die Outputs á la PISA-Kompetenzen völlig vergessen wird: die Frage nach den Bildungsinhalten, die Frage nach dem Lehrplan.

Blickt man vor diesem Hintergrund auf die aktuellen gymnasialen Lehrpläne, so lässt sich eine Dominanz bestimmter Fächer und Disziplinen festmachen: Mathematik, Naturwissenschaften und Sprache dominieren in allen Jahrgangsstufen. Erinnert sei auch an die unentwegt geforderte Stärkung der MINT-Fächer.

Was junge Deutsche über unsere Geschichte zu wissen glauben

Das häufig genannte Argument: Damit werden jene Kompetenzen vermittelt, die die zukünftige Generation in Anbetracht einer Globalisierung haben muss. Man könnte hier einstimmen und argumentieren, dass auch andere Fächer wichtig sind: Geschichte beispielsweise, gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte. Und weiter Musik und Kunst, aber auch Sport – das Gymnasium war schließlich in der Antike eine Sportstätte. Warum nicht auch Philosophie und Pädagogik, wo doch jeder Mensch ein potenzielles Elternteil ist – potenzieller sicherlich als Mathematiker oder Naturwissenschaftler.

Was Schüler in der neunten Klasse können sollen

Man erkennt schnell: Diese Diskussionen können leidenschaftlich geführt werden und kommen nicht zu einem zufriedenstellenden Ende. Und sie werden geführt, wann immer man über das G8 oder G9 nachdenkt. Das Problem ist denn auch ein anderes: Globalisierung erfordert weder ein Mehr an bestehenden Fächern, noch andere Fächer. Globalisierung erfordert eine gänzlich andere Bildung und damit eine grundlegende Lehrplanreform – vor allem am Gymnasium. Wodurch zeichnet sich Globalisierung aus und welche Konsequenzen hat dies für den gymnasialen Lehrplan der Zukunft?

Können Sie diese PISA-Aufgaben lösen?

Globalisierung lässt sich mindestens an fünf Dimensionen konkretisieren:

1. Der Kapitalmarkt ist heute nicht mehr lokal oder regional zu verstehen, sondern er basiert auf globalen Zusammenhängen. Bestes Beispiel hierfür ist die Bankenkrise.

2. Aufgrund der technischen Entwicklungen können heute Informationen von einer Sekunde zur nächsten über die ganze Welt geschickt werden.

3. Kunst, Musik, Mode, Sport und auch Wissen – all das überschreitet Grenzen und führt zu einer Vermischung der Kulturen, die sich dadurch aus globaler Sicht auch angleichen.

4. Menschen: Nicht nur, dass sich Menschen heute einfach und schnell mit Menschen in der ganzen Welt unterhalten können, sondern auch die Bewegung zu diesen Menschen ist einfach und schnell. Ein Flug ans andere Ende der Welt ist kein Problem. Raum und Zeit scheinen überwunden zu sein. Hinzukommt eine starke Migration aus unterschiedlichen Gründen, so dass verstärkt Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinander treffen.

5. Natur: Wir wissen heute, wie stark das Ökosystem zusammenhängt. Fukushima hat dies eindringlich gezeigt. Eine Naturkatastrophe am anderen Ende der Welt hat auch für uns Folgen und die Naturzerstörung, die die westlichen Industrieländer verursachen, führt zu weitreichen Folgen auf der ganzen Welt.

  • 1
  • 2
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%