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FH-Präsident Leitner „München ist für Studierende die wohl teuerste Stadt“

Martin Leitner, Präsident der Hochschule für angewandte Wissenschaften München. Quelle: Hochschule München

Martin Leitner, Präsident der Hochschule für angewandte Wissenschaften München, erzählt, was die FH auszeichnet, wie die Kooperation mit der TU München läuft und was Fachhochschulen besser als Universitäten können.

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Herr Leitner, Absolventen Ihrer Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) in München werden im Hochschulranking der WirtschaftsWoche von Personalern schon seit Jahren als besonders fähig eingeschätzt. Woran liegt das?
Martin Leitner: Wir nehmen die Ausbildung unserer Studierenden sehr ernst. Das Wichtigste ist natürlich der fachliche Teil des Studiums, das versteht sich von selbst. Wir haben uns darüber hinaus aber ein Profil erarbeitet, von dem ich glaube, dass wir dadurch Menschen ausbilden, die Unternehmen gerne einstellen.

Ein eigenes Profil versucht sich doch heute jede Hochschule zu geben.
Das ist richtig, aber wir handeln auch danach.

Was heißt das konkret?
Wir haben uns vorgenommen, bei unseren Studierenden das unternehmerische, nachhaltige und interkulturelle Denken zu fördern. Das beginnt zum Beispiel damit, dass wir jeden an die Hand nehmen, der sagt, er will Unternehmer werden und ihn von der Idee bis zur Ausgründung in unserem Gründerzentrum begleiten.

Auch Gründerzentren gibt es mittlerweile an vielen Hochschulen.
Aber kaum eines ist so erfolgreich wie unseres. Wir machen das seit zwanzig Jahren, da wussten viele noch nicht, wie man Entrepreneur schreibt. Im Gründungsradar des Stifterverbands, einem landesweiten Vergleich der Gründungsförderung an Hochschulen, stehen wir auf Platz 2. Vor uns ist nur noch knapp die TU München. Unter den ersten 25 ist außer uns keine weitere HAW. Das beweist, dass wir da besonders sind. Und von dem Gründergeist auf dem Campus nehmen auch diejenigen etwas mit, die nicht gründen. Zum Beispiel die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, Chancen zu sehen und Risiken abzuwägen, wie ein Unternehmer.

Wie vermitteln Sie die anderen beiden Profilkompetenzen Nachhaltigkeit und Interkulturalität?
Gesellschaftliche Verantwortung und nachhaltiges Wirtschaften werden immer wichtiger. Das Thema ist allgegenwärtig. Wir haben deshalb Nachhaltigkeitsbeauftragte an jeder Fakultät strukturell verankert. Die schauen, dass der richtige Nachhaltigkeitsbegriff im Kontext der jeweiligen Module gelehrt wird. Und das Thema Interkulturalität versteht sich in einer Stadt wie München in gewisser Weise von selbst. Wir haben eine eigene Fakultät für Studium Generale und Interdisziplinäre Studien mit einem Schwerpunkt auf Sprachen und Kulturstudien. Jeder Studierende muss dort Seminare und Veranstaltungen besuchen.

In München sind neben Ihrer Hochschule noch die Technische Universität (TU) und die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Auch diese Institutionen bringen laut Ranking begehrte Absolventen hervor.  Offenbar macht München als Hochschulstandort vieles richtig. Was könnte das sein?
München ist eine besondere Stadt. Ein idealer Ort für technische und gesellschaftliche Innovationen. Bei allen Problemen, die es auch in München gibt, ist es ein großer Vorteil hier angesiedelt zu sein. Das hat mit der Eigendynamik der Stadt zu tun, die boomt und wächst und immer attraktiver wird.

Das müsste Ihren Job doch zumindest in der Personalsuche etwas erleichtern. Man kann Professoren wahrscheinlich eher von München als von Ilmenau überzeugen.
Man kann das ja am aktuellen Quality of Living Ranking von Mercer ablesen: Hinter Wien und Zürich liegt München weltweit auf dem dritten Platz der Städte mit der höchsten Lebensqualität. Mit Sicherheit ist das ein Standortvorteil in Sachen Personalrekrutierung. Wir erleben viele Leute von HAWs aus anderen Städten, die sich für unsere Hochschule bewerben. München ist für Professoren vielleicht nicht interessanter als Berlin, aber interessanter als mittelgroße Städte. Ich habe in der Vergangenheit ja auch in anderen Städten gearbeitet. Und ich muss sagen: Ich bin immer gerne nach München zurückgekommen.

München ist aber auch teuer, insbesondere für klamme Studis.
Das ist die Kehrseite der Medaille: Es ist für Studierende die wohl teuerste Stadt, insbesondere auf dem Wohnungsmarkt. Viele Studierwillige aus dem In- und Ausland können hier nicht studieren, weil sie hier keine Bleibe finden. Die Studierenden profitieren aber auf andere Weise davon, dass München so beliebt ist.

Wie genau?
Der Kontakt zur Wirtschaft und der Austausch mit anderen Forschungsinstitutionen ist einzigartig. Die Fraunhofer Gesellschaft hat hier ihren Hauptsitz, dort wird ebenso anwendungsorientiert geforscht, wie bei uns, wir kooperieren in vielen Projekten. Und auch der Kontakt zur Wirtschaft ist schnell hergestellt. In München sitzen viele große und kleine Unternehmen, für die der Standort ebenso attraktiv ist. Momentan ist das noch leichter, weil der Fachkräftemangel insbesondere in der IT so groß ist, dass die Unternehmen aktiv auf uns zukommen.

Die beiden Universitäten der Stadt, TU und LMU, gehören zu den renommiertesten der Republik. Ist die Stadt groß genug für drei große Institutionen?
Eine Stadt wie München kann drei gute Hochschulen locker vertragen. Wir sind nicht in der Situation wie in manchen Regionen, wo die Bewerberzahlen rückläufig sind. Im Gegenteil: Es wäre volkswirtschaftlich dringend nötig, dass wir als HAW im IT-Bereich wachsen. Die Landeshauptstadt München schreit nach Informatikern. Wir müssen die digitale Transformation hinkriegen. Und wir hätten die Bewerber, aber wir müssen sie wegschicken.

Warum das?
Der Freistaat will stärker die kleineren Standorte in den Regionen fördern. Deshalb können wir nicht wachsen. Ich kann das politisch teilweise nachvollziehen, aber ich bin davon nicht überzeugt. Wir sind mit rund 18.000 Studierenden schon heute nicht klein, aber die Stadt könnte auch eine HAW mit 30.000 Studierenden gut vertragen. Ich hätte gern mehr Studierende, aber ich kann sie nicht aufnehmen.

Wie ist das direkte Verhältnis zu den Hochschulen in München? Stehen Sie in direkter Konkurrenz um Geld und Köpfe?
Insgesamt haben wir ein sehr gutes Verhältnis zu den anderen Hochschulen hier. An der LMU sind vornehmlich Geisteswissenschaftler vertreten, da stehen wir sowieso nicht im Wettbewerb. Aber klar, in manchen Bereichen macht uns die TU auch Konkurrenz.

Welche Bereiche sind das?
Die Schnittmenge ist gar nicht so groß. Wir machen vor allem angewandte Forschung, Grundlagenforschung gehört an die Unis. Da streiten wir uns kaum um Personal. Bei Studierenden grasen wir auch auf unterschiedlichen Weiden. Als HAW versuchen wir dem Gründungsgedanken „Aufstieg durch Bildung“ gerecht zu werden. Wir adressieren zum Beispiel gerne auch Bewerber auf dem zweiten Bildungsweg. Am ehesten konkurrieren wir im Gründerbereich, dort liefern wir uns ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der TU.

Was können Hochschulen für angewandte Wissenschaften besser als Universitäten?
Wir können Studierende leichter in die Forschung einbinden, weil bei uns die Anwendung im Vordergrund steht. Universitäten, die Grundlagenforschung betreiben, haben es da schwerer. Zum Beispiel haben wir erst vor wenigen Wochen eine umfangreiche Kooperation mit Amazon Web Services abgeschlossen. Die Idee ist es, dass Professoren zusammen mit Studierenden versuchen, Probleme des städtischen Zusammenlebens zu lösen. Praktisch verwendbare Ideen, etwa für die Sicherheitsprobleme bei großen Veranstaltungen.

Was die Unis den HAWs aber noch immer voraushaben, ist das Promotionsrecht.
Trotzdem können Studierende an HAWs promovieren, aktuell tun das an der HAW 115 Menschen. Wir haben unter anderem eine Promotionskooperation mit der TU. Die haben keine Berührungsängste mit uns. Viele unserer Absolventen promovieren dort von beiden Seiten betreut mit Auszeichnung.

Ist es nicht frustrierend für einen Hochschul-Präsident, seine besten Absolventen am Ende doch zur Uni schicken zu müssen?
Das muss man nicht mögen. Deshalb wünsche ich mir auch das Promotionsrecht für Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Als Teil der UAS7, einem Zusammenschluss von sieben forschungsorientierten deutschen Fachhochschulen, kämpfen wir aktiv dafür. Dabei ist es natürlich wichtig, dass die Qualität erstklassig bleibt. Niemand will ein Promotionsrecht zweiter Klasse. Das hessische Modell mit Promotionsrecht für Untereinheiten von HAWs halte ich da für eine gute Lösung.

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