Franz Fehrenbach "Wir müssen Schüler für Software begeistern"

Der Aufsichtsratschef des Hightech-Konzerns Bosch will, dass Kinder Programmieren lernen. Im Interview sagt er, warum das für ihn zur modernen Schulbildung gehört und warum die Wirtschaft mehr digital ausgebildete Fachkräfte braucht.

Franz Fehrenbach (2010). Quelle: dapd

Herr Fehrenbach, mit dem von Ihnen initiierten Projekt „IT2School“ der Wissensfabrik, einem Zusammenschluss von 130 deutschen Unternehmen und Stiftungen, unterstützen Sie Schulen, damit Schülerinnen und Schüler digitale Technologien besser verstehen. Was bringt das?
Franz Fehrenbach: Die Bedeutung der Informationstechnologie (IT) wächst und die Antwort darauf kann nur lauten: Bildung, Bildung, Bildung. Wir müssen bei den Schülern früh das Interesse wecken. Mit der Wissensfabrik unterstützt die deutsche Wirtschaft den Staat in seinem Bildungsauftrag. Das Projekt IT2School ist hierfür das jüngste Beispiel. Nur wenn junge Menschen IT verstehen, werden sie sie auch gestalten können und wollen.

Was bedeutet das konkret?
Nehmen wir als Beispiel das Programmieren: Bei IT2School können Schüler mit einer kindgerechten Programmiersprache lernen, wie sie ihre Phantasie auf einem elektronischen Gerät umsetzen: Welche Befehle brauche ich, um eine virtuelle Katze über einen Ball springen zu lassen? Ich habe das selbst in einer Schule beobachtet und war fasziniert, wie die Kinder mit ihren eigenen Ideen neue Lösungen gefunden haben.

Kritiker sagen, dass wir an Schulen besser klassische, analoge Techniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen fördern sollten.
Ich bin ein starker Anhänger der Schulbildung nach dem Ideal des Bildungsreformers Wilhelm von Humboldt, das muss der Kern unserer Schulbildung sein. Zu einer umfassenden Bildung gehört in einer digitalen Welt aber auch das Verständnis von technischen und ökonomischen Hintergründen. Es ist Teil des staatlichen Bildungsauftrags, die Kinder auf die Zukunft vorzubereiten. Und diese wird digital vernetzt sein, darin müssen sich unsere Kinder als mündige Bürger zurechtfinden. Wenn die Schule auf dem Gebiet nicht für ausreichende Bildung sorgt, dann kommt der Staat hier seinem Bildungsauftrag nicht nach. Es wird kaum einen Arbeitsplatz in der Zukunft geben, der nicht von IT durchdrungen ist. Diese Entwicklung können wir nicht einfach ignorieren.

Zur Person

Inwiefern ist Programmieren lernen ökonomisch sinnvoll für Deutschland?
Die digitale Transformation verändert unsere Arbeitswelt tiefgreifend. Wir brauchen Programmieren als starke Kompetenz für die Zukunftssicherung Deutschlands. Auch in der dualen Ausbildung müssen wir die IT umfassend einfließen lassen. Bei dem Wissensfabrik-Projekt IT2School geht es jedoch nicht allein um Programmierung! Das ist nur ein Teil davon. Es geht unter anderem darum, zu erklären: Aus welchen Bausteinen besteht beispielsweise das Internet? Wie funktioniert ein Router? Wie fließen Informationen auf mein Smartphone? Wir brauchen in Summe ein grundlegendes Verständnis der Informationstechnologie.

In Deutschland sind gute Informatiker sehr gefragt. Die Agentur für Arbeit schreibt, dass in nahezu allen Bundesländern ein Mangel an IT-Experten herrscht. Kann mehr Informatik-Unterricht an den Schulen einen Teil zur Lösung des Fachkräftemangels in Deutschland beitragen?
Da müssen wir differenzieren. Wir sollten alle Fachkräfte IT-nah ausbilden. Früher haben die Abgänger der Haupt- und Realschule beispielsweise in ihrer Lehre einen guten Draht zu Technik bekommen und anschließend zum Teil technische Fächer studiert. Auch dadurch wurde Deutschland zum Land der Ingenieure.

Warum funktioniert das nicht bei Software?
Weil sie nicht sichtbar oder haptisch ist, sie ist schwerer zu begreifen. Deshalb müssen wir früh anfangen, Schüler für das Thema zu begeistern. Smartphones und Tablets gehören bereits zum Alltag von Kindern. Wir wollen ihnen zeigen, dass sie nicht nur am Bildschirm wischen und konsumieren, sondern auch eigene Dinge kreieren können. Wenn Sie nicht früh genug das Interesse bei Kindern für digitale Technologien wecken, stellt es sich später nur selten ein! Wenn Kinder nicht verstehen, was unter der Oberfläche passiert – wie sollen sie dann Dinge beurteilen? Leider ist Informatik in Deutschland bisher ein Nischenfach, das muss sich ändern. Informatik muss ein reguläres Schulfach werden, das Hintergründe und den richtigen Umgang vermittelt.

Aber es gibt doch wichtigere Dinge, als jetzt alle Schulen mit PCs auszurüsten.
Darum geht es auch gar nicht. PCs und Tablets alleine sind kein Allheilmittel. Es geht darum, dass Kinder Technik nicht nur nutzen, sondern verstehen und gestalten. Bei IT2School kommen viele der Bestandteile und Unterrichtskonzepte ohne Computer aus. Das Internet kann die Lehrkraft beispielsweise mit relativ einfachen Pappmodellen erklären.

Ein Problem vieler Unternehmen in Deutschland ist, gute Software-Entwickler zu finden. Engagieren Sie sich als Aufsichtsratschef von Bosch deshalb so stark für mehr IT-Unterricht an Schulen?
Große Firmen haben meist noch keine Probleme IT-Mitarbeiter zu finden. Aber meine große Sorge ist, dass Mittelständler – das Rückgrat der deutschen Wirtschaft – zwar neue, digitale Geschäftsmodelle umsetzen wollen, aber keine IT-Fachkräfte bekommen. Das ist eine Gefahr. Wir stehen erst am Anfang der digitalen Vernetzung, es geht um die Zukunftsfähigkeit des Standortes Deutschland! Deshalb brauchen wir beispielsweise auch eine stärkere Vernetzung zwischen etablierten mittelständischen Unternehmen und Start-ups. Das wäre die perfekte Ergänzung. Auch dafür braucht es auf beiden Seiten qualifizierte ITler.

Herr Fehrenbach, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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