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Freytags-Frage

Warum sind so viele deutsche Studenten psychisch krank?

Fast ein Fünftel der deutschen Studenten sind psychisch krank, Frauen sind gefährdeter als Männer. Die Politik trägt eine Hauptschuld.

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Was gegen Motivationsmangel im Studium hilft
Ein gutes Frühstück bringt Energie für den Tag. Versuchen Sie, sich nicht nur von Döner und Pizza zu ernähren, sondern gesünder zu essen. Sorgen Sie bewusst für genug Bewegung und damit einen aktiven Ausgleich zum Studium. Quelle: Karrierebibel.de
Vielleicht sind Sie einfach übermüdet. Statt beim Lernen (fast) einzuschlafen, sollten Sie sich die Zeit für mindestens sieben, besser acht Stunden Schlaf nehmen. Das kann Wunder wirken.
Machen Sie sich To-Do-Listen mit einfachen Aufgaben, die Sie schnell und problemlos bewältigen können. Haken Sie diese auf einer Liste ab. Nutzen Sie den schnellen Erfolg als Motivationsschub.  
Machen Sie sich klar, welche Ziele Sie konkret mit Ihrem Studium verfolgen und was Ihnen diese wert sind. Suchen Sie bewusst nach praktischen Anwendungsmöglichkeiten Ihres Studienwissens und machen Sie sich klar, wie es sie weiterbringen kann. So wird Ihnen Nützlichkeit und Wert bewusst.
Arbeiten Sie nebenbei? Versuchen Sie, sich weniger Stress auszusetzen und machen Sie so Energie fürs Studium frei. Manchmal reicht Entlastung schon als Motivationsschub.
Suchen Sie nach neuen Lernorten und Methoden. Abwechslung kann neue Reize setzen und Ihre Interesse am Studium wiederbeleben.
Können Sie benennen, was Sie gerade konkret am Studium stört? Versuchen Sie, mit kurzfristig umsetzbaren Veränderungen Ihre Motivation zu steigern oder wiederzubeleben. Werden Sie aktiv! Quelle: obs

Eine Studie der Technikerkrankenkasse (TK) ist zu dem Ergebnis gelangt, dass etwa ein Fünftel, genau: 21,4 Prozent, der deutschen Studenten psychisch krank sind. Aus dieser Gruppe lässt sich wiederum etwa die Hälfte regelmäßig behandeln. Auffällig ist die Steigerung; am schnellsten zugenommen hat der Anteil der unter Depression leidenden Studenten. Die Situation verschärft sich offenbar mit dem Lebensalter der Studenten, die ab dem 27. Lebensjahr viel anfälliger für psychische Probleme als ihre Altersgenossen im Berufsleben sind. Frauen sind dabei gefährdeter als Männer.

Nun ist es nicht seriös, mittels einer Ferndiagnose die Ursachen für eine Krankheit bei unbekannten Menschen zu bestimmen. Die Studie nennt den Stress und die fehlenden Mechanismen zur Stressverarbeitung (kaum Sport, dafür viel Alkohol etc.). Dieses Verhalten ist nun nicht neu, auch früher haben nicht alle Studenten Sport getrieben, und Drogenkonsum gab es auch damals.

Symptome einer Depression

Neu ist aber der große Anteil der gestressten und kranken Studenten. Vom lustigen Studentenleben scheint nicht mehr viel übrig geblieben zu sein. Studenten – sofern sie tatsächlich studieren (also neudeutsch Studierende sind) – haben in der Tat ein umfassendes Programm, zumal es durch die Modularisierung der Studiengänge bedingt eine enorme Anzahl an Prüfungen je Semester gibt. Diese Prüfungen gelten für das Examen; dies ist in der Tat stressig. Dieser Tendenz zugrunde liegt übrigens die politische Entscheidung, das Diplomstudium aufzugeben und das Studium in Bachelor- und Masterprogramm zu ändern.

Als weitere Hauptgründe für den Stress werden laut der Studie die Doppelbelastung durch Studium und das Arbeiten zur Finanzierung des Studiums, finanzielle Probleme der Studenten, die Angst vor schlechten Bewertungen im Studium und die Sorge darum, später keinen Arbeitsplatz zu bekommen. Immer mehr Studenten ziehen die Notbremse: Deutschlandweit bricht mehr als jeder vierte Bachelorstudent (28 Prozent) sein Studium ab. An Universitäten sind es 33 Prozent, an Fachhochschulen 23 Prozent.

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    Fünf Tipps zur Stressbewältigung

    Die Frage stellt sich, ob es richtig war, die Anzahl der Studenten bzw. ihren Anteil an der jeweiligen Alterskohorte so deutlich zu erhöhen, wie es die Politik in den letzten Jahrzehnten erzwungen hat. Angeregt durch die Pisa-Vergleiche und die Diagnose (vor all dem der OECD), dass die Akademisierung in Deutschland im internationalen Vergleich viel zu niedrig ist, hat die Politik einen Prozess eingeleitet, der mehr jungen Menschen den Zugang zu den Hochschulen ermöglicht.  Viel war die Rede von Bildungsgerechtigkeit.

    Exzellenz einfordern!

    Gleichzeitig ist immer wieder betont worden, dass wir in Deutschland mehr Exzellenz brauchen – die deutschen Universitäten halten mit Harvard nicht mit, so die Diagnose. Es wird vergessen, dass Harvard in der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise etwa so viel Vermögen verloren hat, wie die Thüringer Universitäten und Fachhochschulen in etwa 30 Monaten (ohne Drittmittel verausgaben). Das Einfordern von Exzellenz heißt aber auch, dass für die Studenten die Anforderungen an den Hochschulen eher zunehmen müssten.

    Was wirklich hinter Lernmythen steckt
    Bloß nicht mit den Fingern rechnen Quelle: Fotolia
    Eine Lehrerin schreibt mit Kreide an die Tafel Quelle: dpa
    Schüler mit dem Smartphone auf dem Schulhof Quelle: dpa
    Fehler helfen beim LernenWer sich beim Lernen häufig verhaspelt und die Lösung raten muss, lernt trotzdem was. Eine kanadische Studie hat gezeigt, dass die Gedächtnisleistung sogar von den Fehlern profitiert. Dies gilt allerdings nur, wenn die Raterei nicht völlig ins Kraut schießt, sondern nur knapp an der richtigen Lösung vorbei ist. Wer häufig fast richtige Vermutungen anstellt, dem helfen diese wie kleine Brücken beim Erinnern an die korrekte Information. Diesen Vorteil konnten die Forscher sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Probanden feststellen. Wer sich selbst herantastet, profitiert davon also mehr, als wenn ihm die richtige Antwort vorgesagt wird. Quelle: Fotolia
    Texte wiederholt zu lesen, heißt viel zu lernen Quelle: dpa
    Gelerntes erzählen, hilft es sich zu merken Quelle: AP
    Hochbegabte sind LernüberfliegerWer einen ungewöhnlich hohen IQ hat, ist in der Schule noch lange kein Überflieger. Weil viele Hochbegabte in der Schule unterfordert sind, markieren sie den Klassenclown und bekommen entsprechend schlechte Noten. Quelle: Fotolia

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      Selbst wenn man annimmt, dass die Anforderungen der Hochschulen an ihre Studenten nicht steigen, dürfte sich die durchschnittliche Kapazität der Studenten, diesen Anforderungen gerecht zu werden, nicht erhöht haben. Aus Sicht eines Hochschullehrers bekommt dieses Problem dann praktische Bedeutung, wenn die Durchfallquoten steigen, wenn die Aufnahmefähigkeit der Studenten für abstrakte Sachverhalte abnimmt und wenn sich das Interesse der Studenten an „überfachlichen“ Fragen, Vorträgen oder allgemeiner (Wirtschafts-)Politik in Grenzen hält bzw. sogar abnimmt. Spätestens wenn sich die Eltern von Anfang-Zwanzigjährigen beim Dekan über die Professoren, die nicht nett zu ihren Kindern sind, beschweren, fürchtet man, es mit einer überforderten Generation zu tun zu haben.

      Dieses Phänomen wird dann noch dadurch bedrückender, dass die Wirtschaft über Fachkräftemangel beklagt; dies bezieht sich nicht nur auf die Facharbeiter. Nehmen Sie das Beispiel der Steuerberater, die Fachgehilfen oder Lohnbuchhalter suchen, aber nur Bewerbungen von Bachelor-Absolventen mit völlig überhöhten Lohnvorstellungen für das erste Jahr bekommen.

      Insgesamt liegt also offenbar ein Strukturproblem vor. Die Politik suggeriert der Jugend, nur ein Studium sei ein qualifizierter berufsqualifizierender Abschluss und etwas Wert. Dadurch werden immer mehr junge Menschen an die Hochschulen gedrängt: Ihre Erwerbsaussichten und damit die Einkommenschancen sinken, die Zufriedenheit während der Studienzeit aber auch danach nimmt ebenfalls ab.

      Hochschule



      Dies entwertet außerdem andere Berufsabschlüsse und die Menschen, die sie erfolgreich bewältigt haben. Dabei sollte der Bildungsgrad für die Wertschätzung, die eine Gesellschaft ihren Mitgliedern entgegenbringt, unwichtig sein.

      Insgesamt droht eine – zumindest in Teilen – stark frustrierte Generation, die zu einer Ausbildung gedrängt wird, die sie nicht bewältigen kann und die ihr nur Negativerlebnisse beschert.  Keine guten Voraussetzungen, um die Anforderungen der Zukunft zu stemmen. Die Politik sollte zumindest die Frage aufnehmen. Sollten die Antworten nach eingehender Prüfung anders ausfallen, wäre es natürlich vorzuziehen. Nur vor der Frage drücken darf sich die Politik nicht!

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