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Freytags-Frage

Was passiert, wenn junge Leute aufhören zu lesen?

Lieber Wikipedia statt des Originals – immer häufiger lesen (junge) Menschen keine Bücher mehr. Für die politische Klasse ist das verheerend. Kurzatmige und wenig durchdachte Krisenpolitik wird so zum Dauerzustand.

Studenten sind immer schlechter darin ganze Texte zu lesen Quelle: dpa

Die Buchmesse in Leipzig hat ihre Tore geöffnet – hunderte von Autoren treffen zehntausende von Lesern. Es wirkt so, als ob es der Branche gerade sehr gut geht: Die Buchläden brummen, und viele Autoren werden reich.

Heißt das aber auch, dass viel gelesen wird? Und wenn ja, was wird gelesen? Nicht ganz unwichtig ist auch die Antwort auf die Frage, wie gelesen wird.

Anlass zu diesen Überlegungen ist ein Beitrag eines Kollegen in der FAZ, der darüber berichtete, dass Studierenden die Fähigkeit abhanden gekommen sei, komplexe Texte zu lesen. Anstatt solche Texte als spannende Herausforderung anzusehen, würde Lektüre in kleinen Dosen (Stichwort Wikipedia) konsumiert und geklagt, wenn Zusammenhänge nicht sofort verständlich werden. Diese Unfähigkeit, so der Verfasser weiter, führt dann zu einem Verständnis des Studiums als ein Instrument, um die für das Weiterkommen benötigten Zertifikate zu erhalten. Das Studium wird aus dieser Perspektive nicht länger als ein aktiver und kontrovers-interaktiver Lernprozess, der von ausführlichem Literaturstudium lebt, betrachtet sondern als das Abhaken von Modulen.

Auch Politiker verzichten auf das Lesen komplexer Texte

Diesen Trend gibt es, auch wenn er nicht generalisiert werden sollte. Unabhängig davon, ob der Befund stimmt oder nicht, es lohnt, sich über die Konsequenzen Gedanken zu machen. Die These lautet, dass die Gesellschaft nur verlieren kann, wenn ihre Repräsentanten auf das Lesen komplexer Texte verzichten bzw. es nicht mehr beherrschen.

Wer sich in die Politik begibt und wer eine Sozialwissenschaft, z.B. Volkswirtschaftslehre, Politikwissenschaft oder Soziologie studiert, befasst sich mit einer extrem komplexen Materie. Denn die Ursache-Wirkungs-Mechanismen in der Gesellschaft sind wesentlich schwieriger zu erfassen als in den Naturwissenschaften, wo man mit kontrollierten Experimenten in der Regel sämtliche Nebeneinflüsse herausfiltern kann. Im Verlaufe des sozialwissenschaftlichen Studiums befasst man sich auch mit Gesellschaftsentwürfen, z.B. der Demokratie im Gegensatz zur Autokratie, der offenen Gesellschaft im Gegensatz zur Stammesgesellschaft oder der Marktwirtschaft im Gegensatz zur Zentralverwaltungswirtschaft. Auch die politischen Entscheidungsträger stehen vor ähnlichen Fragen.

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Die zu diesen Themen verfassten Grundtexte sind durchgängig recht alt und überaus komplex. Schumpeter, Olson, Hayek, Plato, Marx, Machiavelli oder Popper (um nur recht willkürlich einige zu nennen) zu lesen, ist anstrengend und kostet Zeit – der entsprechende Eintrag dazu bei Wikipedia ist hingegen schnell verarbeitet. Leider ist aber so, dass das Wissen einer Gesellschaft nicht im Internet, sondern in den Köpfen weitertransportiert wird. Zwar müssen nicht alle alles lesen, damit die Gesellschaft das Wissen nicht verliert, aber einige – und nicht nur die Theoretiker an den Universitäten und den Forschungseinrichtungen – müssen diese Texte in Gänze verarbeitet haben.

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