WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Harsche Kritik am Bachelor-Studium für Ökonomen "Der Eliteanspruch geht verloren"

Der Präsident des Bundesverbands Deutscher Volks-und Betriebswirte, Peter Herrmann, rügt das Bachelor-Studium für Ökonomen – und beschreibt, was er als Unternehmer von seinen Bewerbern erwartet.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Wo Deutschlands beste Volkswirte forschen
1. Uni MannheimDie neuen Sieger sind die alten. Im Mannheimer Schloss setzt man konsequent auf weltweit wettbewerbsfähige Spitzenforschung. Zudem ist die Fakultät sehr breit aufgestellt: Gleich fünf Forscher haben im Handelsblatt-Ranking zuletzt mehr als fünf Punkte sammeln können. Zu den prominentesten Neuzugängen gehört Antonio Ciccone, der etwa erforscht, ob Bürgerkriege eher ausbrechen, wenn die Wirtschaftslage schlecht ist. Auch Clemens Fuest, der seit März das Forschungsinsitut ZEW leitet, hat eine Professur an der Uni übernommen. Und die Familienökonomin Michèle Tertilt wurde jüngst vom Verein für Socialpolitik mit dem renommierten Gossen-Preis ausgezeichnet. Quelle: dpa
2. Uni BonnNur knapp müssen sich die Bonner Ökonomen den Mannheimern geschlagen geben. War der Standort am Rhein – dem auch Deutschlands einziger Ökonomienobelpreisträger Reinhard Selten angehört – früher als Hort der theoretischen Modellforschung bekannt, so setzt man inzwischen auf Empirie. Forschungsstärkster Volkswirt ist der Experimentalökonom Armin Falk, der in seinen Projekten die Grenzen zwischen Ökonomie und Psychologie oder Medizin überschreitet. So beobachtet Falk etwa, wie Herzfrequenz oder Hirnströme auf ökonomische Belohnung reagieren. Quelle: dpa
3. LMU MünchenDie Münchener Ökonomen leisten sich einen großen Luxus: eine eigene volkswirtschaftliche Fakultät, die sie sich nicht mit Juristen oder Betriebswirten teilen. Wie 2011 belegen die Münchener um Dekan Martin Kocher auch dieses Mal den dritten Platz. Trotz der Größe der Fakultät – zu der auch die acht Professoren des Ifo-Instituts beitragen – versuchen die LMUler sich auf bestimmte Bereiche zu spezialisieren: so etwa auf die internationale Ökonomie, die Experimentalforschung und die Gesundheitsökonomie. Quelle: dpa
4. Uni ZürichIm Jahr 2010 standen die Forscher der Züricher Uni noch ganz vorn im Handelsblatt-Ranking. Seither sind sie auf Platz vier zurückgefallen – allerdings haben sie inzwischen auch weniger Professoren. Stark ist Zürich vor allem in der Mikroökonomie: Der Experimentalökonom Ernst Fehr etwa, der immer wieder für den Wirtschaftsnobelpreis gehandelt wird, zeigt, wie das menschliche Handeln im ständigen Zwiespalt zwischen dem Streben nach Eigennutz und dem nach Fairness steht. Mit Hilfe einer Großspende der USB entstehen in Zürich bald wieder neue Professuren. Quelle: dpa Picture-Alliance
5. ETH ZürichEs ist verwunderlich, dass eine Hochschule, die eigentlich Ingenieure und keine Ökonomen ausbildet, forschungsstarke Volkswirte anlockt. Doch der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ist das gelungen: An keiner anderen Fakultät veröffentlicht ein Professor im Schnitt so viele Artikel wie hier. Und so haben die Züricher gleich zwei Vertreter unter den Top 5 des Einzelrankings. Zum einen Peter Egger, der zum Beispiel untersucht, wie multinationale Firmen sinnvoll besteuert werden können. Zum anderen der Theoretiker Hans Gersbach, der die Mechanismen der Demokratie modelliert und Ideen zur Bankenregulierung entwickelt. Quelle: dpa
6. Uni KölnDie traditionsreiche Kölner Volkswirtschaftslehre hat sich zuletzt komplett verjüngt. War die Fakultät früher bekannt für einen ordnungspolitischen, praxisbezogenen Ansatz, so geben heute die Grundlagenforscher den Ton an. International bekannt sind vor allem die Kölner Mikroökonomen. Doch auch in der Makroökonomie konnte die Fakultät zuletzt renommierte Forscher gewinnen. Am meisten publiziert derzeit der Vertragstheoretiker Patrick Schmitz, der unter anderem untersucht, wie Arbeitsanreize ausgestaltet sein müssen, damit Angestellte und Arbeitgeber wirklich an einem Strang ziehen. Quelle: dpa
7. Uni FrankfurtZurückgefallen im Ranking sind in diesem Jahr die Frankfurter Ökonomen: Nach Rang 4 im Jahr 2010 landeten sie nur noch auf Platz 7. Doch mit Roman Inderst - der unter anderem über Wettbewerbstheorie und Bankenregulierung forscht - hat die Fakultät den mit Abstand forschungsstärksten Ökonomen im deutschsprachigen Raum an Bord. Auch holten die Frankfurter im vergangenen Jahr mit Mirko Wiederholt einen jungen Makroökonomen aus den USA zurück, der die neokeynesianischen Modelle ganzer Volkswirtschaften weiterentwickelt. Quelle: dpa

WirtschaftsWoche Online: Herr Herrmann, die Zahl der Volkswirtschaftsstudenten in Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren gesunken. Wird die VWL zur Nischenwissenschaft?
Herr Peter Herrmann: Der Begriff Nische gefällt mir nicht. Richtig ist aber, dass die Entscheidung für ein VWL-Studium die Berufswahl verengt – und das ist womöglich den Studenten bewusster als früher. Mit der VWL ist es ein bisschen so wie mit Geschichte oder Germanistik – tolle Fächer, die Freude machen, aber nicht unbedingt als natürliches Sprungbrett taugen. Die Studienentscheidung fällt immer häufiger mit Blick auf die berufliche Perspektive und das Portemonnaie. Und wer primär nach Karrieregesichtspunkten studiert, was ich weder lobe noch verdamme, ist bei der Betriebswirtschaftslehre besser aufgehoben. Das muss man klar sagen.

Zur Person

Während der Finanz- und Wirtschaftskrise hat das Image der Ökonomenzunft arg gelitten. Schreckt auch das junge Menschen vom VWL-Studium ab?
Das kann man nicht völlig ausschließen. Wobei die Attacken auf die Ökonomen zum Teil unverhältnismäßig und politisch gesteuert waren – und sind. Ich erinnere mich zum Beispiel an Heiner Geißler, der gesagt hat, die Ökonomie sei die armseligste Wissenschaft überhaupt. Solch billige Polemik trägt nicht zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit den Fehlern und Verdiensten der Wirtschaftswissenschaften bei. Mittlerweile hat sich das Bild wieder gewandelt. Die Ökonomen sind nicht mehr der Watschenmann für jedermann. Und das ist auch gut so.

Zehn hartnäckige Wirtschaftsmythen
Irrtum 1: Die Ära des Wachstums ist vorbeiDer Glaube an eine bessere Zukunft ist in Zeiten der Eurokrise geschwunden. Ökonomen wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman und der französische Ökonom Thomas Piketty unken, das Wachstum sei vorbei. Nach Aussage von Buchautor Henrik Müller hat dieses Gefühl nach weltweiten Krisen Tradition: Doch egal ob es um die Kriege des 20. Jahrhunderts oder die große Depression der USA in den Dreißigerjahren geht: Nach jeder Wachstumsdelle folgte ein Aufschwung. Denn „die eigentliche Quelle aller Wohlstandszuwächse“ sei die Neugierde – und die sei weiterhin vorhanden. Müller rechnet mit einer „Explosion der Kreativität“. Der Grund: In wohlhabenden Gesellschaften, wo die Grundbedürfnisse abgedeckt und Bildung und Informationen für große Teile der Gesellschaft leicht zugänglich sind, steigt die Innovationsfähigkeit. Quelle: REUTERS
Irrrtum 2: Große Exportüberschüsse sind gutFakt ist: Bis 2008 war Deutschland fünf Jahre in Folge Exportweltmeister. Fakt ist auch: Kein anderes Land verdient so viel Geld im Welthandel wie Deutschland – nicht einmal China. Ob das so gut ist, wie immer suggeriert wird? Müller bezweifelt das. Ihm zufolge kosten die Exportüberschüsse Wohlstand – denn dafür sinkten erstens die Löhne in der Industrie. Zweitens mache Deutschland sich unnötig abhängig vom Rest der Welt – vor allem von den Schwellenländern, die einen Großteil der deutschen Industriewaren kaufen. Und drittens fehlt das Kapital, das exportiert wird, was die niedrigen Investitionsquoten belegten. Quelle: REUTERS
Irrtum 3: Uns steht das Ende der Arbeit bevorNoch vor zwei Jahrzehnten gab es kaum auf der Welt so viele Langzeitarbeitslose wie in Deutschland. Damals machte sich der „Beschäftigungspessimismus“ breit. Bis heute mache er die Deutschen anfällig für Prophezeiungen über das vermeintliche „Ende der Arbeit“. Belegen lässt sich diese These nicht, meint Müller. So arbeiten heute doppelt so viele Menschen wie noch 1950. Quelle: dpa
Irrtum 4: Die Hartz-Reformen sind die Ursache des BeschäftigungswundersDie Hartz-Reformen gelten hierzulande immer noch als das Musterbeispiel einer Arbeitsmarktreform. In der Tat: Ein Jahr nach dem Inkrafttreten der Reform ging die Arbeitslosigkeit zurück und die Zahl der Beschäftigten stieg an. Einen Kausalzusammenhang sieht Müller aber nicht. Stattdessen sieht er andere Ursachen: Seit dem Jahr 2000 stiegen beispielsweise die Löhne kaum noch. Zudem habe der Euro gegenüber dem Dollar abgewertet. All das trug zur höheren preislichen Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen bei. Deutschland sei zudem der große Profiteur des Aufschwungs in China gewesen: Fabriken, Flughäfen, Autos – all das lieferte die deutsche Industrie. Quelle: dpa
Irrtum 5: Deutschland wird von Einwanderern überranntDie CSU und die AfD profilieren sich derzeit mit ihren Kampagnen gegen „Armutszuwanderung“. Auch Thilo Sarrazin lässt grüßen. In Müllers Augen ist das alles purer Populismus. Seit den Fünfzigerjahren kamen Zuwanderer immer in Wellen. Sobald es in ihrer Heimat wirtschaftlich wieder besser lief, kehrten sie zurück. Zudem kämen die Zuwanderer derzeit, um zu arbeiten. Sie zögen deshalb gezielt dahin, wo Arbeitskräfte dringend gesucht werden. Mehr noch: Der Anteil der Zuwanderer, die sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, ist Müller zufolge größer als der in Deutschland geborenen. Von den bulgarischen und rumänischen Zuwanderern habe außerdem ein Viertel einen Hochschulabschluss – der Anteil unter den Deutschen sei geringer. Quelle: dpa
Irrtum 6: China & Co. werden den Westen schon bald in den Schatten stellenBRIC war lange der Inbegriff für die Zukunft der industrialisierten Welt– Brasilien, Russland, Indien und China als Wachstumstreiber der Weltwirtschaft. Bis heute geht die Angst um, dass die westlichen Gesellschaften schon bald von den Schwellenländern überholt werden. Alibaba ist nur ein Beispiel für die expandierende chinesische Wirtschaft. Solche Trends werden oft überzogen dargestellt, findet Müller. Der Aufschwung der BRIC-Staaten sei durch die steigende Nachfrage nach Ressourcen weltweit geprägt. Russland konnte seine Gas- und Öl-Reichtümer zu Geld machen, Brasilien glänzte mit Kohle, Kupfer und Gold. Chinas neue Mittelschiecht erhöhte die Energienachfrage deutlich. Dazu trieben Spekulationen die Preise noch zusätzlich in die Höhe. Damit ist es mittlerweile vorbei – und das kommt auch bei den Schwellenländern an. Quelle: REUTERS
Irrtum 7: Die Industrie ist die Zukunft der WirtschaftNach all den Jahren, in denen der Übergang in die Dienstleistungsgesellschaft als Lösung aller wirtschaftlichen Probleme besungen wurde, gilt die Industrie wieder als Schlüssel zur wirtschaftlichen Stabilität. Das Paradebeispiel: Deutschland. Doch der Aufschwung der deutschen Industrie ging vor allem einher mit der steigenden Nachfrage der Schwellenländer. Sollte der Aufschwung nachlassen, bleibt offen, wen die deutsche Industrie künftig beliefern sollte. Quelle: dpa

Wo sehen Sie die deutschen Wirtschaftswissenschaften im internationalen Vergleich?
Wir haben nicht den gleichen Ruf wie etwa die Ingenieurwissenschaften. Das ist schade. Der Erfolg der deutschen Wirtschaft hängt nicht nur davon ab, dass wir tolle Techniker haben, die tolle Autos bauen. Sondern auch davon, dass es hervorragende und innovative Ökonomen gibt, die nicht zuletzt der Politik auf die Finger schauen. Die deutschen Hochschulen haben vielfach aber auch schlicht ein Marketingproblem.

Was meinen Sie damit?
Angelsächsische Hochschulen sind uns in Didaktik und Selbstvermarktung überlegen. Wir werden in der Ökonomie international unzureichend wahrgenommen, obwohl auch wir viele exzellente Wissenschaftler haben. Bei ausländischen Ökonomiestudenten ist Deutschland auch deswegen nicht die erste Wahl, die gehen lieber nach Großbritannien oder in die USA.

Und was ist mit den Inhalten? Kritiker monieren eine anhaltende Dominanz von neoklassischen Methoden und eine Überbetonung der Mathematik in den VWL-Lehrplänen.
Da bin ich gespalten. Natürlich hat die Frage der Realitätsnähe und praktischen Umsetzbarkeit ökonomischer Forschung enorm an Bedeutung gewonnen. Das muss sich in Forschung und Lehre widerspiegeln. Gerade die zentrale Frage, wie sich die Nationalökonomie vor dem Hintergrund von Globalisierung und Digitalisierung verändert, lässt sich nicht wie eine Rechenaufgabe beantworten. Anderseits ist es für Ökonomen extrem wichtig, das theoretische Rüstzeug zu besitzen. Man muss mit dem wissenschaftlichen Instrumentarium umgehen können. Und das ist nun mal anspruchsvoll, das kann man nicht schnell im Internet nachlesen.

Welche Chancen Betriebswirte wirklich haben
Betriebswirtschaftslehre (BWL) gehört zu den beliebtesten Studienfächern in Deutschland - dementsprechend überlaufen sind Hörsäle und Seminare. Allein im Wintersemester 2011/2012 haben sich rund 200.000 Erstsemester für BWL eingeschrieben. Tendenz steigend. An dem oft kolportierten Gerücht, BWL sei ein Studium für alle die, die nicht wissen, was sie studieren sollen, scheint allerdings nicht allzu viel dran zu sein. Jedenfalls ziehen die Meisten ihr BWL-Studium durch: Laut dem Hochschul-Informations-Systems (HIS) liegt die Abbruchquote bei 27 beziehungsweise elf Prozent an Fachhochschulen. Quelle: dpa/dpaweb
Immerhin: Wer nicht weiß, was er mit seinem BWL-Studium nachher anstellen soll, muss sich wenig Sorgen machen: Von der Chefposition bis zum Buchhalter ist alles möglich. Quelle: Fotolia
Wer es bis auf den Chefsessel bringen will, braucht allerdings mehr als nur ein gutes Zeugnis von der Universität: Business Englisch ist ein Muss, allgemein sind Sprachkenntnisse von Vorteil. Auch Auslandserfahrungen und Praktika helfen, sich von der Konkurrenz abzuheben. Viele Unternehmen haben ihre aktuellen Führungskräfte bereits in betriebseigenen Praktika und Trainees kennen gelernt. Quelle: Fotolia
Der Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte beklagt allerdings, dass viele junge Betriebswirte, die frisch von der Universität kommen, noch nicht richtig auf den Job vorbereitet sind. Oft mangelt es an den sogenannten Soft Skills wie Teamfähigkeit oder der Fähigkeit, selbstständig zu arbeiten. Quelle: dpa
Trotzdem gilt: Wer sich im Studium nicht allzu dumm angestellt hat, hat später gute Karrierechancen. Laut einer Untersuchung des HIS bekleiden 37 Prozent der Betriebswirte bereits nach fünf Berufsjahren eine Stelle im mittleren oder oberen Management. Quelle: dpa
Außerdem kommen die Wirtschaftswissenschaftler so gut wie überall unter: Vom mittelständischen Betrieb über das Kreiskrankenhaus bis hin zum Global Player. Im WirtschaftsWoche-Ranking der beliebtesten Arbeitgeber der Wirtschaftswissenschaftler landete allerdings Audi: 17,8 Prozent der Befragten wünschen sich den Autobauer als Arbeitgeber. Quelle: dpa
Dass die BWLer auch bei den Arbeitgebern gefragt sind, macht sich beim Gehalt bemerkbar: Laut der Erhebung des HIS verdienen Betriebswirte nach zehn Jahren im Beruf 60.000 Euro brutto im Jahr. Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer verdient nur gut die Hälfte. Spitzenverdiener in der Branche schaffen es auch auf gut 80.000 Euro Brutto-Jahresgehalt. Quelle: dpa

Ist die klassische Unterteilung zwischen BWL und VWL dabei noch zeitgemäß? Die beiden Disziplinen greifen doch immer stärker ineinander über.
Das stimmt, es gibt Überschneidungen. Ich würde die Fächer trotzdem nicht zusammenpacken. Ich selber habe ein Mischstudium aus beiden Disziplinen absolviert und war damit nicht immer glücklich. Die Schwerpunkte und wissenschaftlichen Herangehensweisen sind so unterschiedlich, dass eine Trennung Sinn macht.

Wie hoch ist im Schnitt das Einstiegsgehalt von Wirtschaftswissenschaftlern, wenn sie frisch von der Uni kommen?
Das ist je nach Region und Branche unterschiedlich. Bei Betriebswirten sind es im Schnitt so um die 40.000 Euro. Bei Volkswirten lässt sich das nicht genau sagen, da ist ja auch der öffentliche Dienst mit im Boot.

Und wie sind generell die Berufsperspektiven für Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland?
Es gibt nach wie vor eine hohe Nachfrage am Arbeitsmarkt. Allerdings ist bei den Absolventen, vorsichtig ausgedrückt, die qualitative Bandbreite größer als früher. Viele Hochschulabgänger bringen mittlerweile nicht mehr das theoretische Rüstzeug mit, das wir für anspruchsvollere Jobs voraussetzen. Das gilt für mein Unternehmen, ähnliche Kritik höre ich aber auch aus vielen anderen Betrieben.

"Modestudiengänge" entstehen

Vielleicht haben Sie ja nur Ihre Anforderungen hochgeschraubt.
Nein. Wir leiden vielmehr unter den Folgen der Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse. Die Ökonomenausbildung war früher generalistischer, die Absolventen hatten inhaltlich ein breiteres Spektrum. Dafür stand das Diplom. Nun entstehen vielerorts Modestudiengänge. Es findet eine frühe Spezialisierung der Studenten statt, da gibt es Eventmanagement und Gesundheitsmanagement und Medienmanagement; für jeden ist etwas dabei. Viele betrachten das Bachelor-Studium mittlerweile als Ersatz für eine klassische Ausbildung. So geht der Eliteanspruch, den eine universitäre Ausbildung haben sollte, verloren.

Die Verteilung von BWL- und VWL-Studenten.

Heißt das: Wer seinen Bachelor in BWL oder VWL macht, sollte in jedem Fall das Master-Studium dranhängen, um die für Top-Jobs nötige wissenschaftliche Breite zu bekommen?
Wer als Ökonom Karriere machen will, sollte dies unbedingt tun – und womöglich auch noch die Promotion dranhängen. Es ist nun mal so, dass der Bachelor-Abschluss für viele Aufgabenbereiche, die die Unternehmen früher mit Diplom-Absolventen besetzt haben, nicht ausreicht. Selbst ein notenmäßig guter Bachelor-Abschluss ist kein Selbstläufer auf dem Arbeitsmarkt. Auf Zeugnisse und Zertifikate vertrauen viele Unternehmen nicht mehr. Die Bedeutung der Abschlussnote nimmt in vielen Personalabteilungen ab.

Konkret: Wie gehen Sie als Unternehmer vor, wenn Sie neues Personal rekrutieren?
Wenn wir Berufsanfänger von der Hochschule einstellen, wollen wir die Leute vorher im Arbeitsalltag kennenlernen, etwa durch Praktika in den Semesterferien oder kleine Nebenjobs. So lässt sich die Persönlichkeit der Bewerber besser beurteilen. Wir nutzen zudem die Netzwerke unserer Mitarbeiter, indem wir sie in die Personalakquise einbinden und sie im Erfolgsfall mit Prämien belohnen. Und was ganz wichtig ist: Der introvertierte Einzelkämpfer ist out – selbst wenn er über exzellente Kenntnisse verfügt.

Die besten Universitäten
Technische Universität BerlinDie 1879 gegründete TU Berlin schafft es gleich in fünf Fächern unter die ersten Zehn: Platz zwei in den Naturwissenschaften, Rang vier im Wirtschaftsingenieurwesen, Platz fünf in der Informatik. Sechster wurde die TU Berlin in der Elektrotechnik, siebter im Maschinenbau. Insgesamt konnte sich der Hochschulstandort in diesem Jahr deutlich verbessern und in zahlreichen Kategorien aufsteigen. Quelle: TU Berlin/Dahl
Universität zu KölnIhre Vorgänger-Uni wurde 1388 als vierte Universität im deutsch-römischen Kaiserreich gegründet. 1798 wurde sie unter napoleonischer Besetzung geschlossen. 1919 wurde sie neu gegründet. Auch 625 Jahre nach ihrer ursprünglichen Gründung ist die Hochschule noch auf dem neusten Stand, wie das Uni-Ranking zeigt. Die Volkswirte der Universität zu Köln schaffen es auf den zweiten Platz. Im Fach BWL reicht es diesmal für den dritten Rang. Unter die ersten Fünf gelangt sie außerdem bei dem Wirtschaftsinformatikern. Quelle: dpa
Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU München)Doch die bayrische Hauptstadt beherbergt noch eine weitere Spitzenuniversität – die LMU München. Schon Konrad Adenauer, Theodor Heuss und Gustav Heinemann studierten hier. Die 1472 gegründete Hochschule zählt zu den renommiertesten Universitäten Deutschlands. Im internationalen Times-Higher-Education-Ranking wurde sie aktuell als beste deutsche Universität ausgezeichnet. Und auch die deutschen Personaler kann sie von sich überzeugen, vor allem in den Wirtschaftswissenschaften. Rang zwei erreicht sie im Fach BWL, in der Volkswirtschaftslehre reicht es für den dritten Rang. Die Bronzemedaille sicherte sich die LMU außerdem in den Naturwissenschaften. Quelle: Presse
Technische Universität MünchenBereits 1868 gegründet, kann die TU München auf eine fast 150-jährige Geschichte zurückblicken, die von reichlich Erfolgen geprägt ist. So wurden zum Beispiel schon 13 Alumni und Professoren der Universität mit einen Nobelpreis ausgezeichnet. Auch im diesjährigen Hochschul-Ranking der WirtschaftsWoche kann die TU überzeugen. In der Wirtschaftsinformatik belegt sie hinter Darmstadt den zweiten Rang. Platz drei geht an die Informatiker der TU München. Auch im Maschinenbau (5. Platz), in der Elektrotechnik (4. Platz) und den Naturwissenschaften (5. Platz) punktete die bayrische Hochschule. Quelle: Technische Universität München, Albert Scharger
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am MainDie Bankenstadt Frankfurt am Main bleibt auch im Uni-Ranking 2014 ihrem Image treu und punktet vor allem in den Wirtschaftswissenschaften: Sie siegt in der Volkswirtschaftslehre und schafft es im Fach BWL immerhin auf den fünften Rang. Genauso wie bei den Naturwissenschaften. Quelle: dpa
Technische Universität DarmstadtHoheitlich ist ebenfalls der Sitz der TU Darmstadt. Wie in Mannheim, beherbergt auch in Darmstadt ein Residenzschloss die Hochschule. Ihr universitärer Status ist allerdings nochmal 30 Jahre jünger als der Mannheimer. Seit 1877 ist sie eine Technische Hochschule, zur Universität wurde sie erst 1997. Getreu ihrem Namen liegen ihre Stärken im technischen Bereich: In der Wirtschaftsinformatik konnte die Universität ihren Sieg aus dem Vorjahr verteidigen. Im Maschinenbau, der Elektrotechnik und dem Wirtschaftsingenieurwesen belegt sie jeweils Rang drei. Platz vier wurde es in der Informatik. Quelle: Thomas Ott/ TU Darmstadt
Universität MannheimJunge Universität, alter Sitz. Erst 1967 wurde die Mannheimer Handelshochschule zur Universität erhoben. Die im Barockschloss heimische Hochschule gehört damit zu den jüngeren deutschen Unis. Aufgrund ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Ursprünge, zeigt sich in diesem Bereich auch die Kompetenz der Universität. Im diesjährigen Hochschul-Ranking belegt sie in der Betriebswirtschaftslehre weiterhin den ersten Rang. Im Fach Wirtschaftsinformatik reichte es immerhin für Platz zwei, in der VWL für den vierten Rang. Eine weitere TopTen-Platzierung schaffte sie im Bereich Informatik – Platz sechs. Quelle: Norbert Bach - Universität Mannheim

Wen suchen Sie stattdessen?
Gefragt sind Mitarbeiter, die ihre Vorgehensweisen, Ideen und Ergebnisse vermitteln können. Es nützt nichts, wenn ich tolle Ergebnisse produziere, diese aber anderen nicht begreiflich machen kann. Die Ansprüche an soziale und kommunikative Kompetenz sind deutlich gestiegen.

Und am Ende regieren die eloquenten Schaumschläger, während die stillen Tüftler untergehen.
Es kommt nicht darauf an, besonders geschliffen zu reden. Sondern darauf, dass ich andere abholen kann, dass ich teamfähig bin. Leute, die nicht im Team arbeiten können oder wollen, versuchen wir von vornherein herauszufiltern. Wer als Volks- oder Betriebswirt Schwächen im kommunikativen Bereich hat, muss daran arbeiten. Sonst wird es schwer, einen guten Platz im Unternehmen zu finden.

Gibt es speziell für Volkswirte überhaupt noch Top-Jobs in Deutschland?
Ja, auch wenn die Zahl der attraktiven Stellen tendenziell abnimmt. Der klassische Einsatzbereich sind Verbände, politiknahe Institutionen und Forschungsinstitute. In der Privatwirtschaft ist es schwieriger. Vereinzelt stellen Beratungsunternehmen gezielt Volkswirte ein, aber auch Banken oder große Konzerne, die sich eine eigene volkswirtschaftliche Abteilung leisten können.

Die besten Universitäten der Welt
Rang 10: Universität von Kalifornien in Berkeley und University of Chicago Quelle: Creative Commons/Falcorian
Rang 9: ETH Zürich Quelle: REUTERS
Imperial College London Quelle: Imperial College London
Princeton University Quelle: dpa
Rang 6: Harvard Universität Quelle: Reuters
Rang 5: Massachusetts Institute of Technology Quelle: Creative Commons/Thermos
Rang 4: Universität von Cambridge Quelle: REUTERS

Müssten mit dem Wandel der Wirtschaft nicht auch neue Berufsbilder für Ökonomen entstehen?
Das passiert doch. Die Unternehmen fragen zum Beispiel immer stärker Informatiker nach, die betriebswirtschaftliche Kenntnisse mitbringen – oder suchen umgekehrt Betriebswirte, die sich gut mit IT-Fragen auskennen. Ähnlich ist es im Maschinenbau. Die Kombination aus technischem und ökonomischem Wissen wird auf dem Arbeitsmarkt immer wichtiger. Die zunehmende Vernetzung der Wirtschaft erhöht zudem in vielen Berufsbildern den Stellenwert von Logistikwissen. Darauf müssen die Hochschulen mit ihren Angeboten reagieren.

Und wie ist es mit den Schulen? Kommen wirtschaftliche Fragen im Unterricht ausreichend vor?

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.


Nein, im Gegenteil. Wirtschaft findet an den meisten Schulen nur völlig unzureichend statt. Ökonomische Bildung muss daher dringend ein fester Bestandteil der schulischen Ausbildung werden. Unser Verband fordert seit Langem ein Pflichtschulfach Wirtschaft. Dass das Bundesland Baden-Württemberg entsprechende Pläne angekündigt hat, begrüßen wir ausdrücklich.

Wie soll das aussehen? Wollen Sie mit 11-Jährigen über Konjunkturtheorie diskutieren?
Es geht nicht darum, Dinge aus dem Studium vorwegzunehmen, sondern um das Verständnis ökonomischer Zusammenhänge. Die Schule sollte junge Menschen auf die vielen Facetten des Wirtschaftslebens vorbereiten. Das kann schon damit anfangen, wie Versicherungen funktionieren oder was man bei einem Sparplan oder Handyvertrag beachten muss.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%