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Hochschule Uni ohne Abi

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Anteil der Studienanfänger ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung in Deutschland (in Prozent) Quelle: CHE, Statistisches Bundesamt

Die Idee, den Zugang zu universitärer Bildung statt vom Lernweg von der Begabung abhängig zu machen, ist mindestens so alt wie die Bundesrepublik. Es war Karl Schiller (SPD), der spätere Wirtschaftsminister und Erfinder des legendären magischen Vierecks der Wachstumspolitik, der gemeinsam mit Gewerkschaften und Genossenschaften 1948 in Hamburg die Hochschule für Wissenschaft und Politik (HWP) gründete.

Ihr Ziel: akademische Bildung für jeden, der willens und dazu in der Lage ist. So unterschiedliche Persönlichkeiten wie Linken-Chef Klaus Ernst und der zum Radikal-Liberalen mutierte ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel haben hier später ihren Abschluss erworben.

Regeln werden von den Universitäten nicht umgesetzt

Doch aus der alten Idee ist nie eine größere Bewegung geworden. Die HWP machte 2005 dicht. Zur Zeit der Bildungsexpansion erlebte sie eine kurze Blüte, seitdem wird sie immer mal wieder hervorgekramt, wenn es besonders akut an Fachkräften mangelt. Erst die demografische Perspektive der jüngsten Vergangenheit hat der Bewegung neuen Schwung gegeben. "Angesichts der Bevölkerungsprognosen und der wachsenden Anforderungen am Arbeitsmarkt bleibt uns gar nicht anderes übrig, als die Universitäten weiter zu öffnen", sagt Niedersachsens Wissenschaftsministerin Johanna Wanka.

Zwar platzen die Universitäten angesichts doppelter Abiturjahrgänge und abgeschaffter Wehrpflicht gerade aus allen Nähten, doch längst ist klar: Danach zeigt der Trend eindeutig nach unten. Bis 2013 wird die Zahl der Studienanfänger auf einen Höchststand von 492 000 steigen, doch 2020 soll sie schon nur noch bei gut 407 000 liegen, das entspricht einer Verringerung um mehr als 17 Prozent.

Wer dann noch Formalitäten vor Fähigkeiten stellt, wird sich schnell die Existenzfrage stellen müssen. Jedoch: "Die Regeln auf Länderebene sind schon sehr weitreichend, nur an der Umsetzung in den Universitäten mangelt es", sagt Walburga Freitag vom Hochschulforschungszentrum HIS. So haben sich die Kultusminister nach ihrem gemeinsamen Beschluss 2009 relativ zügig darangemacht, die Universitäten auch für Ausgebildete zu öffnen.

Wer eine abgeschlossene Berufsausbildung hat und einige Jahre gearbeitet hat, der kann fachbezogen studieren. Voraussetzung ist eine Zulassungsprüfung, in manchen Ländern ein Probestudium. Das klingt gut, doch in der Praxis hat sich kaum etwas geändert. Denn die Unis sind mit der akuten Bewerberschwemme beschäftigt, die zudem den Blick auf den kommenden Mangel verdeckt. Die Unis haben Angst, überrannt zu werden – dabei müsste das Gegenteil ihre größte Sorge sein.

So haben die Unis zwar auf Druck aus den Ministerien die formalen Möglichkeiten geschaffen – doch um die realen Bedürfnisse der Studenten hat sich keiner gekümmert. Beispiel Nordrhein-Westfalen: Im vergangenen Jahr hat sich hier die Zahl der Studenten ohne Abitur zwar um sagenhafte 284 Prozent oder 2730 Studienanfänger erhöht. Doch von denen schrieben sich knapp 90 Prozent allein an der Fernuniversität Hagen ein.

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