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Hochschule Uni ohne Abi

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Anteil der nicht traditionellen Studenten an allen Studenten 2008 (in Prozent) Quelle: Eurostudent

Manfred Wannöffel kennt diese Zahlen, aber im Gegensatz zu den meisten anderen hat er nicht nur Vermutungen, sondern auch Indizien, wieso sich an ihnen bisher so wenig ändert. Wannöffel arbeitet an der Ruhr-Universität Bochum, und er hat die erste Befragung in der Gruppe der Studierenden ohne Abitur gemacht. "Die Gruppe ist so klein, dass ihre Interessen lange Zeit einfach ignoriert wurden", sagt Wannöffel. Er sprach mit allen Betroffenen an der Universität mit ihren 34 000 Studenten, es waren 30.

Die Studierenden ohne Abitur sind demnach vor allem eines nicht: klassische Studenten. Diese haben vor Studiumbeginn nichts oder sehr wenig verdient, beruflich Erfahrene verfügen meist über ein gesichertes Einkommen. Studenten nutzen die Universität oft, um von zu Hause wegzukommen. Berufstätige wollen ihren Job behalten und deshalb nah an der Heimat studieren. Sie wollen abends lernen und am Wochenende oder nur von zu Hause. Mit anderen Worten: Sie wollen genau das, was die Institution Uni nicht ist. Und in vielen Fällen auch nicht sein will.

Wer kein Abitur hat, der muss sich an der Universität deshalb ganz hinten anstellen. So stellte Wannöffel fest, dass relativ viele beruflich Qualifizierte Interesse an einem Medizinstudium hatten. Mit Ausbildungen in Pflegeberufen brachten sie zudem ein hohes Vorwissen mit. Einen Studienplatz im Traumfach konnte dennoch keiner von ihnen ergattern: Die Universität wertete ihre Vorkenntnisse unabhängig von Ausbildungsnoten pauschal mit der Note 4,0. Das bedeutet mindestens drei Jahre Wartezeit.

Latinum gleich Lehre

Doch mit solchen administrativen Schikanen verzögern die Universitäten nur eine Annäherung, die wohl bald beschlossen sein wird. Anhand des Europäischen Qualifizierungsrahmens (EQR) sollen auch hierzulande alle Ausbildungen, Lehren, Schul- und Hochschulabschlüsse in insgesamt acht Stufen einsortiert werden: vom Hörgeräteakustiker (4) bis zum Bachelor der Biologie (6), vom Hauptschulabsolventen (2) bis zum Professor für Byzantinistik (8).

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) will, da ist sie sich mit den Wirtschaftsministern in den Ländern einig, das Abitur auf Stufe 4 einordnen; genau dort, wo sich auch Berufe mit einer dreijährigen Ausbildungszeit wiederfinden. Deutschland, so ihr Argument, werbe in der Welt stets für die hohe Qualität der Ausbildungen, das müsse man nun auch zu Hause dokumentieren. Damit hätten Gesellen dann zumindest formal das Qualifikationsniveau für Hochschulen.

Genau gegen diese Gleichmacherei von Latinum und Lehre aber gibt es noch hartnäckigen Widerstand, vor allem von den Kultusministern: Sie wollen, dass die Allgemeine Hochschulreife auf Stufe 5 rangiert. Wenn am 20. Oktober die Kultusministerkonferenz tagt, müsste für das Problem eine Lösung her, sonst könnte der Starttermin 2012 gerissen werden.

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