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Hochschule Uni ohne Abi

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Friedrich Esser hofft jedenfalls auf ein Einlenken der Länder. Der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) verspricht sich von der deutschen Version des Qualifikationsrahmens einen "klaren Schub für die berufliche Bildung". Dann wäre "zum ersten Mal die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung in Deutschland öffentlich anerkannt".

Sybille von Obernitz teilt diese Meinung. Mit der sich abzeichnenden Einordnung von Bachelor und Meister auf der gleichen Ebene ist sie "vollauf zufrieden". Obernitz arbeitet für den Deutschen Industrie- und Handelskammertag, der seit Jahren die Gleichsetzung der Ausbildungen mit den akademischen Abschlüssen fordert. "Es ist an der Zeit, dass die Qualität der beruflichen Ausbildung im Vergleich zur akademischen Anerkennung findet", sagt sie.

Doch diese Anerkennung wird das Verhältnis der zwei Säulen des deutschen Bildungswesens grundlegend verändern. "Der Kopenhagen-Prozess weist eindeutig in Richtung einer engeren Verknüpfung von beruflicher Weiterbildung und universitärer Bildung", sagt Sigrun Nickel vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Dabei steht gerade für Deutschland mit seinem ausgezeichneten Ausbildungssystem viel auf dem Spiel.

Uni am Wochenende

Schon jetzt bieten Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz die Möglichkeit, in einzelnen Fächern vom Meister in den Masterkurs einzusteigen. Auf der anderen Seite stehen Entwicklungen wie in Baden-Württemberg, wo sich die Berufsakademien, bisher für die Meisterausbildung zuständig, zur "Dualen Hochschule" zusammengeschlossen haben, Bachelor und Master kann man hier studieren.

Es sind erste Schritte in Richtung einer neuen Institution, auf die Bildungsaufsteiger Dobischat sich freut: "In zehn Jahren wird die Universität bunter sein", prophezeit er, "es wird Unterricht am Abend und am Wochenende geben, in den Kursen werden 40-jährige Handwerksmeister neben 17-jährigen G8-Abiturienten sitzen."

Bildungsforscherin Nickel steht dieser Entwicklung durchaus positiv gegenüber. Aber: "Ich kann nicht verstehen, warum diese Debatte hauptsächlich von Lobbyisten geführt wird, so grundlegend wie die Folgen sein werden." Denn ein Teil des Erfolgsrezepts des deutschen Ausbildungssystems war stets die Separation: So hat sich ein eigener Korpsgeist in der beruflichen Bildung entwickelt, der sein Selbstbewusstsein stets auch daraus schöpfte, nicht nur der minderwertige Ableger einer akademischen Elite zu sein.

Wird jedoch aus gegenseitiger Anerkennung Verschmelzung, dann könnte das eine der beiden Säulen ihre Identität kosten. Und ein falsch verstandenes Kopenhagen würde im schlimmsten Fall zu dem, was Bologna für viele ist. Ein Schimpfwort.

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