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Hochschulen Öl-Milliarden speisen Bildungsboom im Persischen Golf

Mit Öl-Milliarden finanzieren die Länder am Persischen Golf einen beispiellosen Bildungsboom. In der Wüste soll ein Wissens- Drehkreuz entstehen, das Studenten aus der ganzen Welt anzieht.

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Absolventen bei der Abschlussfeier am persischen Golf Quelle: PR

Überall Sand. Sand brennt in den Augen, Sand knirscht zwischen den Zähnen, Sand wird immer wieder aufgewirbelt von dem heißen Wüstenwind. Doch heute setzt der Mini-Wüstenstaat Katar dem Sand etwas entgegen: Wasser. Genauer gesagt, die Wassermusik von Georg Friedrich Händel. Auf einer Insel in einem künstlichen See spielt das Royal Philharmonic Orchestra aus London den Dauerbrenner der Klassik-Hitparaden. Auf der Bühne gegenüber stehen 122 junge Menschen mit Talaren. Allesamt sind sie eine kleine Sensation: Sie sind der erste Abschlussjahrgang der Education City, einem der ambitioniertesten Bildungsprojekte unserer Tage.

Vor zehn Jahren war hier nur Wüste. Dann war es die Herrscherfamilie Katars leid, ihre Milliarden aus dem Erdgasgeschäft nur in Autorennen und Tennisturniere zu investieren. Sie überredeten amerikanische Spitzenuniversitäten, am Rande von Doha, der Hauptstadt des Golf-Wüstenstaates, eine Niederlassung zu eröffnen.

Heute ist die Wüste am Stadtrand ein Hybrid aus Science-Fiction- und Architekturmuseum. Manche Gebäude sehen aus wie Ufos, die gerade im Sand gelandet sind, andere wie Pyramiden. Starbucks, Schwimmbad, Golfplatz und Fitnessstudio sind in Laufnähe. Die Gebäude sind so großzügig geplant, dass sich die rund 1100 Studenten in den breiten Korridoren verlieren. Und in kühl klimatisierten Räumen lernen junge Männer und Frauen aus der ganzen Welt bei Professoren der feinsten Bildungsadressen der USA. 

Das Weill Medical College der Cornell University bildet Ärzte aus, Virginia Commonwealth sorgt für Designer-Nachwuchs, Carnegie Mellon trainiert Computerexperten und Jung-Manager, das Texas A&M College Ingenieure und die Georgetown University unterrichtet Diplomatie.

Die Top-Adressen der Disziplinen, versammelt auf einem Campus, in einer 14 Quadratkilometer großen Stadt nur für Bildung: Das ist die Education City.

Bildungsrausch am Persischen Golf

Am Persischen Golf herrscht ein Bildungsrausch. Wie Katar finanzieren auch die Emirate Dubai und Abu Dhabi, das Sultanat Oman und Saudi-Arabien mit Milliarden aus dem Öl- und Gasgeschäft hypermoderne Bildungsstätten. Sie zahlen Universitäten aus aller Welt Millionen, damit sie Niederlassungen in der Wüste aufbauen. Und sie locken Studenten mit angenehmen Studienbedingungen und attraktiven Stipendienprogrammen.

Die Zeit drängt. Über sieben Prozent Wachstum meldeten die Vereinigten Arabischen Emirate 2007, ebenso Katar. Die Unternehmen müssen Fachkräfte im Ausland einkaufen, weil die Hochschulen vor Ort den Bedarf schon lange nicht mehr decken. Nicht, weil sie zu wenig ausbilden: Ihr Standard ist schlichtweg zu niedrig.

So gut wie nie schaffen es die Universitäten der muslimischen Welt in internationale Ranglisten. Nur auf drei Themengebieten haben arabische Wissenschaftler in den vergangenen Jahren überhaupt beachtete Forschungsarbeiten veröffentlicht: in der Meerwasserentsalzung, der Kamelreproduktion und der Falkenjagd.

Laut Thomson Reuters produzierten 45 muslimische Staaten mit 1,3 Milliarden Einwohnern zwischen 2001 und 2005 nur etwas über drei Prozent der Artikel in naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften – ein wichtiger Indikator für die Forschungsleistung. Alleine aus Deutschland stammen 8,6 Prozent der Beiträge. Ein Grund dafür ist, dass die 22 Länder der Arabischen Liga im Schnitt nur 0,2 Prozent des Inlandsprodukts für Bildung ausgeben, in den deutschen Bundesländern sind es 2,5 Prozent.

Die Folge: Unter einer Million Einwohnern finden sich in arabischen Ländern nur 371 Wissenschaftler – deutlich unter dem weltweiten Durchschnitt von knapp 1000.

Zudem setzen die Hochschulen der Region auf Auswendiglernen, nicht auf Lösungskompetenz, bemängeln Kritiker. Deswegen haben die Studenten international keine Chance. Wer mehr will, geht nach Europa oder Nordamerika. So sehr die Welt von den Rohstoffen der Golfländer abhängig ist, so abhängig sind die Golfstaaten von dem Wissen der westlichen Welt.

Die Education City soll den Braindrain stoppen, und das könnte funktionieren. Schon heute ist jeder zweite Student Ausländer. Menschen aus mehr als 50 Nationen studieren hier, darunter aus vielen Ländern der muslimischen Welt, aber auch aus Nordamerika, Australien und Europa.

Bildung in der Wüstenhitze – Matthias Müller kann das nur empfehlen. Vor drei Jahren bekam sein Vater ein Jobangebot in Katar. Die Familie zog von München an den Golf. Nach der Schule schaffte der 20-Jährige die Aufnahmeprüfung an der Texas A&M und studiert nun Elektrotechnik.

In guter Umgebung. In seinen Seminaren sitzen selten mehr als 20 Kommilitonen, sie lernen bei Professoren, die andere Studenten nur aus Lehrbüchern kennen, und die Uni ist technisch auf dem neuesten Stand: Sogar ein eigenes 3-D-Kino gibt es auf dem Campus – das Einzige in ganz Katar. Und als Müller mit Kommilitonen auf einer Exkursion in die USA reiste, zahlte die Uni alles: Flug, Freizeitprogramm und Vollpension im Hilton.

Luxus-Bedingungen für Studenten

Rund 15.000 Dollar kostet das Studium an der Texas A&M im Jahr. So viel zahlen auch seine Kommilitonen in den USA. Wer aber zum Studium in Katar zugelassen wird, bekommt bei Bedarf noch ein zinsloses Darlehen, ein luxuriöses Zimmer im Studentenwohnheim und Heimflüge zur Familie. Und wer nach dem Abschluss länger als vier Jahre in Katar arbeitet, muss das Darlehen nicht einmal zurückzahlen.

In Katar weiß man genau, dass das Projekt nur gelingen kann, wenn viele bleiben. 300 Millionen Dollar investierte das Emirat deswegen in einen Wissenschaftspark. Auf dem Campus der Education City sollen internationale Konzerne Entwicklungsarbeit erledigen und die jungen Absolventen beschäftigen. Auf 45.000 Quadratmetern entstehen Büros, Laborräume und Konferenzhallen. EADS, Microsoft, Shell und Total haben bereits zugesagt, rund 225 Millionen Dollar in der Education City zu investieren.

Demnächst soll in der Nähe des Wissenschaftsparks noch das Sidra-Medical-Research-Krankenhaus seinen Betrieb aufnehmen. Die Kosten: acht Milliarden Dollar. Mit dieser gigantischen Investition will das Land in der medizinischen Forschung Taktgeber der gesamten Region werden.

Die Studenten der Education City sind vermutlich die teuersten der Welt. Und die Verantwortlichen des Projekts räumen ein, dass es billiger wäre, sie in einem Fünf-Sterne-Hotel in den USA abzusetzen und an einer Elite-Uni vor Ort anzumelden. Doch dann müsste das Know-how weiterhin importiert werden. Damit soll Schluss sein.

Wenn Öl und Gas aufgebraucht sind, wollen die Länder am Golf längst ein Drehkreuz des Wissens sein. Deswegen werde man sich mit „einer anderen Art des Lehrens und Lernens“ auf den Weg in eine „wissensbasierte Gesellschaft“ machen, sagt das für die Education City zuständige Mitglied der Herrscherfamilie Abdullah al-Thani. Wie ernst das gemeint ist, sieht man einige Hundert Kilometer südöstlich von Katar – in Abu Dhabi.

Ausgerechnet die Sorbonne hat in dem reichsten der Vereinigten Arabischen Emirate eine Niederlassung eröffnet. Jene Uni, die als Symbol für westliche Wissenschaft gilt und die immer wieder Schauplatz systemkritischer Proteste wird. „Wir sind hier, um kritisches und freies Denken in den Lehrbetrieb zu bringen“, sagt Ronald Perlwitz, der an der Sorbonne Abu Dhabi Angewandte Fremdsprachen lehrt. Die Bedingungen dafür sind gut. In Paris scheiterte manches Projekt alleine daran, dass weißes Papier fehlte, erinnert sich Perlwitz: „Überall musste gespart werden.“

Im neuen Bildungsrausch kennt man keine Geldsorgen. Abu Dhabi überwies der New York University 50 Millionen Dollar, damit die weltbekannte Alma Mater eine Kopie ihres Campus’ in die Wüste pflanzt. Dubai legte einen Zehn-Milliarden-Dollar-Fonds für eine neue Wissensstadt nach. Und Katar zahlte vermutlich noch mehr für die Education City – über seine Bildungsausgaben schweigt das Emirat.

Das Geld reicht jedenfalls für ein beachtliches All-inclusive-Paket: Katar bietet den Hochschulen mietfrei neue Gebäude, bezahlt die Professoren und spendiert ihnen voll ausgestattete Wohnungen plus Jeep vor der Tür. Die Bedingung: Die Zulassungsvoraussetzungen und Abschlüsse der Wüsten-Außenstellen müssen denen in den USA entsprechen.

Im ersten Jahrgang scheint das gelungen zu sein. Das Niveau der Studenten sei „vergleichbar mit dem der Kommilitonen in den USA“, sagt Daniel Alonso, Dekan des Weill Cornell Medical College in Katar. Kein Wunder, dass viele Absolventen des ersten Jahrgangs nun aus fünf Job-Angeboten wählen können – Männer wie Frauen.

Das ist neu. In den Cafés auf dem Campus sitzen Studenten mit getrimmten Schnurrbart, zusammen mit blonden Frauen in Jeans, Kommilitoninnen in Sari und jungen Männern im Dischdascha, dem traditionellen arabischen Gewand. Sie lernen gemeinsam, bringen Projekte auf den Weg und treffen sich in ihrer Freizeit. Noch vor wenigen Jahren waren gemischte Schulklassen in Katar tabu – eine höhere Bildung für die Söhne der Familien vorbehalten. Deswegen sind die Frauen die eigentlichen Gewinner der Bildungsrevolution am Golf.

Doch so gut die Lern-Umgebung sein mag: Kommilitonen aus dem Westen berichten, dass vieles gewöhnungsbedürftig sei in den neuen Wüsten-Unis. Dass es im Sommer mit 55 Grad so heiß wird wie anderswo nur in Dampfbädern und dass das Studentenleben „mau“ sei, sagt etwa Steven Stelljes, der an der Texas A&M studiert.

Studentenkneipen, Speed-Dating-Abende und Erstsemester-Partys kennt man in Katar nur aus dem Fernsehen. Alkohol gibt es nur in Hotels, und ein Kulturprogramm wird gerade erst in aller Welt zusammengekauft. Wenn Studenten ausgehen, treffen sie sich deswegen vor dem Fernseher oder in den Kinos der Einkaufszentren. Meist endet der Abend – noch vor Mitternacht – in einer Teestube.

Wer die Besten haben will, muss mehr bieten. Das hat sich auch bei den Verantwortlichen herumgesprochen. Sie haben im „Programing Board“ einige Studenten abgestellt, die mit einem eigenen Budget das Freizeitangebot aufpeppen sollen.

Das Ergebnis: Bingo-Abende, Basketballturniere, Wüstentouren und ein kleines Filmfestival. Im nächsten Jahr sind Jazz-Konzerte geplant und Vorstellungen mit bekannten Comedians. Wie viel die Studenten ausgeben dürfen? Keine Details. „Aber es ist genug“, sagt Stelljes, der gerade zum Vorsitzenden dieser Studentenvertretung gewählt wurde, „um jede Menge zu organisieren.“

So bleibt im neuen Bildungsrausch nichts dem Zufall überlassen. Nicht einmal das Studentenleben.

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