Hochschulfinanzen Grenzen für die Drittmittelabhängigkeit

Die Hochschulen geben mehr Geld aus. Keine schlechte Nachricht. Aber der besonders stark wachsende Anteil der Drittmittel sollte endlich politisch begrenzt werden.

Hörsaal der Technischen Universität (TUM) in München Quelle: dpa

Die Ausgaben der Hochschulen in Deutschland sind auf einen Rekordwert von 43,8 Milliarden Euro gestiegen. Sie gaben 2011 rund 6,1 Prozent mehr für Lehre, Forschung und Krankenbehandlung aus als im Jahr zuvor. Der Ausgabenzuwachs sei auf eine Vielzahl von Faktoren zurückzuführen, meldete das Statistische Bundesamt, vor allem auf die gestiegene Zahl der Studienplätze, auf die Neugründung von Hochschulen, auf Zusatzmittel aus dem Zukunftsinvestitionsprogramm - und auf die Ausweitung der Drittmittelforschung.

Deutschlands Spitzen-Universitäten 2012
RWTH AachenAachen liegt in allen technischen Disziplinen vorne. Das ist auch der Anspruch der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH), die als eine der wenigen deutschen Elite-Unis gilt. Mit ihrem Zukunftskonzept „RWTH 2020“ hat sie sich zum Ziel gesetzt, bis zum Ende des Jahrzehnts eine der weltweit besten „integrierten interdisziplinären technischen Hochschulen“ zu werden. Diese Anstrengungen fördert die Bundesregierung mit ihrer Exzellenz-Initiative. Exzellenz bescheinigt die WirtschaftsWoche der RWTH auch in ihrem Uni-Ranking: Sie belegt den ersten Platz in Naturwissenshaften, Elektrotechnik, Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau. Bei Informatik steht Aachen auf dem zweiten Platz Quelle: dapd
Uni MannheimJunge Universität, alter Sitz. Erst 1967 wurde die Mannheimer Handelshochschule zur Universität erhoben. Die im Mannheimer Barockschloss heimische Hochschule gehört damit zu den jüngeren deutschen Unis. Aufgrund ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Ursprünge, zeigt sich in diesem Bereich auch die Kompetenz der Uni. Im Hochschul-Ranking der WirtschaftsWoche belegt sie in den Fächern VWL und BWL jeweils den ersten Platz. Außerdem ist sie in den Top 10 jeweils in Wirtschaftsinformatik (3), Informatik (8) und Jura (8). Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)Die Uni Karlsruhe war die Informatik-Pionierin unter den deutschen Hochschulen. 1969 etablierte sie als erste deutsche Hochschule einen Informatik-Diplomstudiengang, drei Jahre später entstand in Karlsruhe die erste deutsche Fakultät für Informatik. Nachdem, sie sich 2005 den Zusatz „Forschungsuniversität“ gab fusionierte sie 2009 mit dem Kernforschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Die Informatik-Pionierarbeit hat sich gelohnt: Das KIT belegt in dem Fach den ersten Platz im WirtschaftsWoche-Ranking. Bei Elektrotechnik, Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurwesen kommt das KIT auf den zweiten Platz, bei Naturwissenschaften auf den dritten. Quelle: dpa
Technische Uni München (TUM)Die Bundesregierung zeichnete die Technische Uni München (TUM) gleich doppelt aus: Einerseits gehörte sie 2007 zu den ersten drei geförderten Hochschulen ihrer Exzellenz-Initiative, andererseits ernannte sie der Bund als Teil seiner Existenzgründer-Initiative „Exist“ zur Gründerhochschule. Denn an der TUM soll nicht nur geforscht, sondern damit auch Geld verdient werden. Dafür hat sie mit der UnternehmerTUM GmbH etwa eine eigene Unternehmensberatung für ihre Studenten gegründet, die auch über einen Förder-Fonds verfügt. Im Fach Wirtschaftsinformatik verleiht die WirtschaftsWoche der TUM den ersten Platz unter der deutschen Hochschulen, bei Naturwissenschaften gibt es den zweiten Platz, bei Elektrotechnik, Maschinenbau und Wirtschaftsinformatik den dritten Platz, sowie bei BWL den zehnten Platz. Quelle: Technische Universität München, Albert Scharger
Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)Konrad Adenauer, Theodor Heuss und Gustav Heinemann studierten hier schon: Die 1472 gegründete Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) zählt zu den renommiertesten Universitäten Deutschlands. Im internationalen Times-Higher-Education-Ranking wurde sie 2011 als beste deutsche Universität ausgezeichnet, beim Ranking der Shanghaier Jiao-Tong-Universität landet sie in Deutschland auf dem zweiten Platz nach der TU München. Bei der WirstchaftsWoche belegt sie den ersten Platz im Fach Jura, sowie den dritten Platz bei BWL und VWL, sowie den vierten bei Naturwissenschaften. Quelle: Creaitve Commons: CC BY-SA 3.0
Uni KölnDicht hinter Mannheim, liegt in den Wirtschaftswissenschaften die Uni Köln. Bei VWL und BWL belegt sie im WirtschaftsWoche-Ranking den zweiten Platz, bei Jura Platz 3 und bei Wirtschaftsinformatik Platz 5. Genau wie in Mannheim, geht auch die Kölner Uni auf eine Handelshochschule zurück. Gegründet im Jahr 1901, wurde sie 1919 zur Universität umgewandelt. Ihre Vorgänger-Uni wurde 1388 als vierte Universität im deutsch-römischen Kaiserreich gegründet. 1798 wurde sie unter napoleonischer Besetzung geschlossen. Die heutige Universität zu Köln wird ebenfalls von der Exzellenz-Initiative der Bundesregierung gefördert. Quelle: dpa/dpaweb
Technische Uni DarmstadtHoheitlich ist der Sitz des Technischen Uni Darmstadt. Wie in Mannheim, beherbergt auch in Darmstadt ein Residenzschloss die Hochschule. Ihr universitärer Status ist allerdings ganze 30 Jahre jünger als der Mannheimer. Seit 1877 ist sie eine Technische Hochschule, zur Universität wurde sie erst 1997. Getreu ihrem Namen liegen ihre Stärken im technischen Bereich: Beim Wirtschaftsingenieurwesen landet sie im WirtschaftsWoche-Ranking auf dem dritten Platz, bei Informatik, Elektrotechnik und Maschinenbau kommt sie auf den vierten, bei Naturwissenschaften auf Rang 5. Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Die Ausgabensteigerungen konnten die Hochschulen nur zum Teil über höhere eigene Einnahmen finanzieren. Die "Einnahmen aus wirtschaftlicher Tätigkeit und Vermögen" - zu über 90 Prozent Entgelte für die Krankenbehandlung - wuchsen nur um 5,1 Prozent auf 14,2 Milliarden Euro.

Überdurchschnittlich, nämlich um 7,9 Prozent auf 6,4 Milliarden Euro, sind die Einnahmen von so genannten "Drittmitteln" für die Forschung gestiegen. Der wichtigste Drittmittelgeber bleibt die öffentliche Hand - über den Umweg der DFG Deutschen Forschungsgemeinschaft (2,1 Milliarden Euro) oder direkt aus der Bundeskasse (1,5 Milliarden). 1,3 Milliarden stammen von Unternehmen, der Rest von Stiftern und anderen Geldgebern.

Die wachsende Abhängigkeit der Hochschulen von Drittmitteln ist politisch gewollt. Sie verstärkt den Wettbewerbsdruck auf Hochschulleitungen und jeden einzelnen Forscher, sich um Geldquellen zu bemühen. Gerade für die klassischen, eher anwendungsfernen Disziplinen der Sozial- und Geisteswissenschaften, aber auch naturwissenschaftliche Grundlagenforschung wie zum Beispiel Astrophysik oder Evolutionsbiologie ist die Auswahl da gering. Am Ende sind sie meist auf die DFG angewiesen. Dass das Rennen um Drittmittel außerdem enormen Aufwand bedeutet, der von den eigentlichen Aufgaben in Forschung und Lehre abhält, wird von Wissenschaftlern immer mehr beklagt - und von Wissenschaftspolitikern ignoriert.

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Drittmittel - auch von Unternehmen - sind in Maßen natürlich sinnvoll. Aber sie bergen immer die Gefahr, dass die wichtigste Grundlage der Wissenschaft aufweicht: Die Freiheit der Wissenschaftler. Die Geldgeber mögen jeden Verdacht, die Freiheit ihrer Empfänger einzuschränken, von sich weisen, wie der Präsident des Stifterverbandes, Arend Oetker, im Handelsblatt. Und das wird auch durchaus ehrlich gemeint sein. Dennoch beeinflusst die Quelle der Finanzierung jeden Empfänger und noch wichtiger: die Nicht-Empfänger, die sich bemühen, bald selbst Empfänger zu werden. Die Wissenschaftspolitik wäre gut beraten, dem Anstieg der Drittmittelabhängigkeit und damit dem Einfluss wissenschaftsfremder Interessen an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen Grenzen zu setzen.

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