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Homeoffice Wie das Online-Praktikum abläuft

Praktikum auf der Sonnenseite: Mehr und mehr Unternehmen bieten Studenten an, Berufserfahrungen online von zu Hause aus zu sammeln statt vor Ort im Büro. Quelle: dpa

Berufserfahrung lässt sich auch im Homeoffice sammeln. Firmen bieten zum ersten Mal Online-Praktika an. Mitunter können Studenten dort sogar mehr Erfahrungen sammeln als in den Büros.

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Die Studentin, die kürzlich ihr sechsmonatiges Praktikum bei BASF begonnen hat, war nur am ersten Tag im Büro. Um sich Mitarbeiterausweis sowie Laptop und Headset abzuholen. Die nächsten sechs Monate wird sie vom Homeoffice die Personalabteilung des Chemiekonzerns unterstützen. Als erste Online-Praktikantin am Berliner Standort von BASF.

Ein Praktikum zweiter Klasse soll es dennoch nicht werden. „Die Kenntnisse und Erfahrungen sind die gleichen“, verspricht die Berliner BASF-Personalleiterin Jeannette Staudt. Das gelte neben dem Fachwissen auch für den persönlichen Austausch mit den Kollegen. Nur dass der eben nun über Telefon oder Videokonferenz laufe. Die Studentin wird auch beim Training von Azubis und potenziellen Führungskräften helfen, eigene kleine Projekte stemmen.

Kopieren ist im Homeoffice nicht drin

„Reine Online-Praktika gab es vor der Coronakrise nicht“, erzählt Staudt. An ihrem BASF-Standort wird nicht produziert, der Fokus liegt auf digitalen Dienstleistungen. Da hätten mobiles und flexibles Arbeiten schon länger eine große Rolle gespielt: „Daher war die Umstellung auf ein reines Online-Praktikum bedenkenlos möglich.“ Die Personalleiterin sieht sogar Vorteile beim virtuellen Einblick in die Arbeitswelt. „Es werden dadurch noch mehr technisches Grundverständnis und Kommunikationsstärke gefördert“, findet Staudt. Sie hält es für möglich, dass Remote-Praktika an ihrem Standort künftig in allen Abteilungen angeboten werden.

Das Online-Praktikum bei BASF war begehrt. Der Konzern hat deutlich mehr Bewerbungen dafür erhalten als üblicherweise. Vielleicht auch weil Praktikumsplätze anderswo schwer zu finden waren. „Die Anzahl der Praktika liegt weiterhin weit unter Vorjahresniveau“, berichtet Felix Altmann, Sprecher von Glassdoor. Auf der Jobplattform waren Anfang Mai etwa 22.000 Praktika ausgeschrieben. Ein Jahr zuvor hatte es fast doppelt so viele gegeben. In Zeiten von Kurzarbeit sinkt der Bedarf an Praktikanten - und auch die Möglichkeit, sie zu betreuen. Laut Altmann sind so aber auch viele überflüssige Angebote verschwunden: „Schließlich kann man im Homeoffice nicht Kaffee kochen und Kopien machen.“

Für Studenten aber, die derzeit ein Pflichtpraktikum suchen, stellt sich vor allem die Frage nach der Anerkennung eines Online-Praktikums fürs eigene Curriculum. „Wenn der Lehrbetrieb eingestellt ist, werden die Studierenden in der Regel nicht verpflichtet, das Praktikum zu absolvieren“, sagt Barbara Michalk, Referentin für Hochschulbildung in Deutschland und Europa der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). „Wenn das Beschäftigungsverhältnis bestehen bleibt und gegebenenfalls im Homeoffice durchgeführt wird, wird das Praktikum angerechnet“, sagt sie - und verweist auf die Praxis bei den Universitäten in Hohenheim, Augsburg, Hildesheim und der Freien Universität Berlin: „Eine kurze Bestätigung seitens des Unternehmens, zum Beispiel als E-Mail, ist in der Regel als Nachweis ausreichend.“

Michalk macht all jenen, für die Praktika in die Zeit der Pandemie fallen, mit der Flexibilität von Prüfungsordnungen Hoffnung. Das könne bedeuten, dass die Hochschulen die Praktika anerkennen, wenn nur ein bestimmter Prozentsatz der Zeit abgeleistet wurde oder dass die Studenten das Praktikum um einen etwas umfangreicheren Bericht als sonst üblich ergänzen, sagt die Referentin. Ob und wie Abstriche möglich seien, müsse aber im Einzelfall geklärt werden. „Für noch abzuleistende Praktika nach dem Sommersemester 2020 bleibt die Entwicklung der Lockerungen abzuwarten“, meint Michalk. Bei Industrie- und Wirtschaftspraktika könne künftig ein Homeoffice-Anteil dazugehören, bei Praktika in Sozial- oder Gesundheitsberufen müsse vor Antritt des Praktikums vermutlich die Infektionsfreiheit nachgewiesen werden.

Crashkurs in Selbstständigkeit

Die Suche nach Praktikumsplätzen am heimischen Schreibtisch ist allerdings nicht so einfach. Viele Unternehmen würden die Stellen nicht dezidiert als Remote-Praktika ausschreiben, erläutert Glassdoor-Sprecher Altmann. Er rät Interessenten, einfach bei der Firma nachzufragen. Denn bei Büro-Arbeitsplätzen könne man davon ausgehen, dass Praktika auch aus der Ferne absolviert werden können. „Zumindest momentan noch“, betont er.

Bei der Digitalagentur Ventzke Media hält man am direkten Kontakt in Coronazeiten fest. Zwar wurden die Praktikantin und das restliche Team auf Homeoffice umgestellt und nun Remote-Praktikanten gesucht, berichtet Geschäftsführer Frederik Ventzke. Aber: „Wir treffen uns einmal pro Woche in der Agentur und besprechen alle Aufgaben. Das dient auch zur Bindung der persönlichen Kontakte und dem Team-Building.“ An den übrigen Tagen laufe die Kommunikation über Programme wie Slack oder klassisch per Telefon und E-Mail.

Das fordere die Praktikanten. „Sie lernen mehr Selbstständigkeit in einem kürzeren Zeitraum. Ansonsten würde das Remote-Konzept nicht funktionieren“, sagt Ventzke, der in Berlin ein Kernteam von zehn Mitarbeitern sowie Entwicklerteams weltweit beschäftigt. Ein Remote-Praktikum könne dadurch aber für denjenigen, der es durchläuft, wertvoller sein - und im Lebenslauf als Nachweis von Soft Skills dienen, die heutzutage unerlässlich seien.

Wohnungssuche fällt flach

Ventzke rät Studenten auf der Suche nach einem Online-Praktikum, sich auf kleine oder mittelständische Betriebe zu konzentrieren. Die seien flexibler als große Unternehmen, was die Umstellung in der Coronakrise angehe. Ventzke plant, die neuen Online-Praktika auch dann weiterhin anzubieten, wenn alle zum Büroalltag zurückkehren. Die Nachfrage scheint da zu sein, wenn auch nicht unbedingt das Hintergrundwissen. „Wir erhalten täglich neue Bewerbungen, wobei den meisten Bewerbern nicht von Anfang an klar ist, was ein Remote-Praktikum ist und wie der Ablauf aussehen wird“, sagt Ventzke.

Bei seiner Agentur erhalten Praktikanten 300 bis 800 Euro pro Monat. Auch für das Online-Praktikum bei BASF gibt es Geld. Eine Selbstverständlichkeit ist das nicht. Auf Jobplattformen findet sich schnell ein Fernpraktikum mit mindestens 30 bis 40 Stunden pro Woche und dem Hinweis in Großbuchstaben: „Bitte beachte, dass das Praktikum nicht vergütet wird.“ Gleiches Geld für weniger Zeit heißt es hingegen bei der Bank J.P. Morgan. Anfang Juli starten Hunderte ihrer Praktikanten in Europa sowie dem arabischen und afrikanischen Raum zum ersten Mal in ein reines Online-Praktikum. Mit der Verlegung in den virtuellen Raum wurde das Praktikum von zehn auf fünf Wochen verkürzt.

Ein Praktikum im Homeoffice kann sich noch in anderer Hinsicht finanziell rechnen. Studenten, die sich einen Aufenthalt in einer anderen Stadt nicht leisten können, stehen plötzlich viele neue Möglichkeiten offen. Die erste Remote-Praktikantin bei BASF in Berlin kommt aus Osnabrück. Einige der deutschen Studenten bei J.P. Morgan werden nicht über die Zentrale in Frankfurt am Main, sondern von London oder einem anderen Standort im Ausland betreut. Der Globalisierung sind aber zumindest bei dem Bankhaus Grenzen gesetzt. Denn letztlich nutzt J.P. Morgan auch das Online-Praktikum, um für den jeweiligen Standort Nachwuchskräfte zu rekrutieren. Da sind Bewerber aus anderen Teilen der Welt im Nachteil.


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