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ICILS-Studie Mädchen können besser mit dem Internet umgehen

Eine Studie zur digitalen Kompetenz von Schülern zeigt: Im Umgang mit neuen Medien brauchen nicht nur die Kinder Nachhilfe – auch Lehrer setzen die Möglichkeiten von PC und Internet zu selten ein.

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Achtklässler in Deutschland liegen bei der digitalen Kompetenz nur im Mittelfeld. Quelle: dpa

Wer heute zur Schule geht, gehört zu den Digital Natives, ist also mit Computern, Internet und Handy groß geworden. Schon 78 Prozent der 14- bis 29-Jährigen besitzen ein Smartphone. Jugendliche bewegen sich wie selbstverständlich in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Instagram.

Das bedeutet aber nicht, dass sie automatisch kompetent mit den neuen Medien umgehen können, wenn es etwa um Informationsbeschaffung geht. Zu diesem zentralen Ergebnis kommt eine weltweite Studie zu den Computer- und Internetkenntnissen von Achtklässlern.

Die „International Computer and Information Literacy Study“ (ICILS) nahm Schüler aus 21 Ländern ins Visier. Dabei wurde etwa untersucht, wie gut die technische Ausstattung ist. Im Mittelpunkt der Untersuchung stand aber die Frage nach der Nutzung der digitalen Möglichkeiten. Also: Wie kompetent setzen die Schüler das Internet ein? Und wie gut gelingt es Lehrern, die neuen Medien in ihren Unterricht einzubinden?

Wissenschaftlich geleitet wurde der deutsche Teil der Studie von Wilfried Bos, Professor am Institut für Schulentwicklungsforschung an der Technischen Universität Dortmund, und Birgit Eickelmann, Professorin am Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Paderborn. Die internationale Koordination der Studie lag bei der IEA (International Association for the Evaluation of Educational Achievement).

Die Untersuchung basierte neben Fragebögen auf einem Computertest. Da mussten Multiple-Choice-Aufgaben an einem Laptop gelöst und Softwareanwendungen genutzt werden. Die Jugendlichen sollten zum Beispiel einen Browser öffnen oder eine Datei speichern. Auch das Erstellen von Präsentationen mit Hilfe von Software und der Einsatz von E-Mailprogrammen wurden abgeklopft.

Absatzzahlen von Smartphones und Tablets

Die Auswertung für deutsche Achtklässler zeigt: Die Bundesrepublik liegt im Vergleich zu anderen EU-Staaten im Mittelfeld – im weltweiten Vergleich schneiden die deutschen Schüler noch etwas besser ab. Bei einem internationalen Mittelwert von 500 erreichten Punkten schnitten deutsche Schüler mit 523 Punkten überdurchschnittlich ab. Innerhalb der Vergleichsgruppe der EU (525 Punkte) liegen die deutschen Achtklässler im Mittelfeld. 

Insgesamt sehen die Studienautoren einen deutlichen Entwicklungsbedarf. Denn jeder dritte Schüler erreichte lediglich die untersten Kompetenzstufen I und II in der Wertung. Das bedeutet, dass ein viele deutsche Jugendlichen gerade einmal über rudimentäres Wissen und Fertigkeiten beim Umgang mit neuen Technologien verfügt. Sie konnten etwa einen Link oder eine E-Mail öffnen. Das Erstellen einfacher Textdokumente oder das eigenständige Ermitteln von Informationen gelang ihnen jedoch nicht (Kompetenzstufen III und IV).

Verharren sie auf diesem Niveau, werden sie es "voraussichtlich schwer haben, erfolgreich am privaten, beruflichen sowie gesellschaftlichen Leben des 21. Jahrhunderts teilzuhaben", urteilen die Studienautoren.

In die oberste Kompetenzstufe V, in der sicheres Bewerten und Organisieren selbstständig ermittelter Informationen sowie die Erstellung anspruchsvoller Informationsprodukte verlangt wurden, fanden sich nur 1,5 Prozent der deutschen Schüler. Der internationale Durchschnitt liegt bei 2,0 Prozent, in der OECD-Vergleichsgruppe sogar bei 2,4 Prozent.

Der Großteil der Achtklässler – sowohl international als auch in Deutschland – landete in der Kompetenzstufe III. Damit sind sie in der Lage, unter Anleitung Informationen zu ermitteln, Dokumente mit Hilfestellung zu bearbeiten und einfache Informationsprodukte (zum Beispiel Präsentationen) zu erstellen. Nachfolgend eine Beispielaufgabe, die in dieser Kompetenzstufe gelöst werden musste:

Beispielaufgabe Kompetenzstufe III im ICILS-Test

Dabei zeigen sich Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen: Mädchen (532 Punkte) schnitten in der Untersuchung durchgehend besser ab als ihre männlichen Klassenkameraden (516 Punkte). Dieser Vorsprung zeigte sich auch in den meisten anderen Ländern.

Im internationalen Vergleich war der Unterschied sogar noch deutlich größer mit 509 Punkten für Mädchen und 491 Punkten für Jungen. Und in keinem einzigen der Teilnehmerländer konnten Jungen ein höheres mittleres Leistungsniveau erzielen als Mädchen.

Was auch andere Bildungsstudien immer wieder zeigen: Kinder, die aus schlechter gestellten Gesellschaftsschichten stammen, haben auch schlechtere Ergebnisse. Ihre digitalen Kompetenzen liegen unter dem Durchschnitt ihrer Mitschüler aus höheren sozialen Schichten. Auch Kinder mit Migrationshintergrund schnitten schlechter ab als ihre Altersgenossen.

Im internationalen Vergleich liegen Achtklässler aus der Tschechischen Republik vorn. Sie erreichten mit durchschnittlich 553 Punkten den besten Wert. In Kanada (Ontario) wurden 547, in Australien und Dänemarkt jeweils 542 Punkte erreicht.

Besser als Deutschland waren außerdem Polen und Norwegen (je 537 Punkte), Korea (536 Punkte), die Niederlande (535 Punkte), Kanada (Neufundland und Labrador, 528 Punkte) sowie die Schweiz (526 Punkte). Am schlechtesten schnitten Thailand und die Türkei mit 373 beziehungsweise 361 Punkten ab.

Schulen haben schlechte Internetverbindungen

Für die Studie wurden im Jahr 2013 in Deutschland 150 Schulen aus allen 16 Bundesländern unter die Lupe genommen. Neben 2225 Schülern wurden auch 1386 Lehrer, die in der achten Klasse unterrichten, befragt. Zusätzlich wurden Schulleitungen und IT-Koordinatoren der Schulen einbezogen. Nachhilfebedarf in Sachen Internet und Computer wies die Untersuchung auch bei den Lehrkräften nach.

Viele Lehrer haben laut der Erhebung Vorurteile gegenüber dem Einsatz von Computern im Unterricht: Fast 76 Prozent befürchten, dass die Schüler dann nur noch andere Quellen kopieren, statt selbst zu arbeiten. Mehr als jeder vierte Lehrer ist überzeugt, dass die Schüler durch den Einsatz digitaler Medien vom Lernen abgelenkt werden. In den anderen ICILS-Teilnehmerländern war die Einstellung der Lehrkräfte positiver.

Es mangelt zudem an Fortbildungsangeboten und –maßnahmen für die Lehrpersonen. Der internationale Vergleich macht deutlich, dass deutsche Lehrer wesentlich seltener an IT-Fortbildungen teilnehmen als ihre Kollegen in anderen Ländern. In den vergangenen zwei Jahren nahmen zum Beispiel nur 8,1 Prozent an einem Einführungskurs zur Arbeit mit dem Internet teil:

Besuch von Lehrerfortbildungen zu IT in Deutschland

Mit gutem Beispiel voran geht hingegen Australien: mehr als die Hälfte (57,3 Prozent) der Lehrer bildet sich regelmäßig in Sachen digitale Medien fort. Dies liegt laut der Studie aber auch daran, dass die Schulleitungen dem Feld zu wenig Wert beimessen. Nur rund 12 Prozent der deutschen Schüler besucht eine Schule, an der entsprechende Angebote eine hohe Priorität haben. Damit liegt Deutschland überaus deutlich hinter der EU-Vergleichsgruppe: hier sind es im Schnitt fast 53 Prozent.

Auch beklagen die Lehrkräfte langsame und instabile Internetverbindungen, die den Einsatz neuer Medien im Unterricht einschränken. 43 Prozent der Befragten gaben an, dass die Schulcomputer veraltet seien.

Eine Untersuchung der IT-Ausstattung der Schulen zeigt, dass diese tatsächlich noch zu Wünschen übrig lässt: Zwar geben alle Schüler an, dass es einen Computerraum an ihrer Schule gibt. Computer im Großteil der Klassenzimmer sind nur in weniger als jeder fünften deutschen Schule vorhanden.

So kommen auf einen Computer auch 11,5 Schüler. Das entspricht zwar dem EU-Durchschnitt. In anderen Ländern wie zum Beispiel Norwegen fällt dieses Verhältnis mit 2,4 Schülern auf einen Rechner aber wesentlich günstiger aus.

Neue, leicht zu bedienende Tablets sind in Deutschland nach den ICILS-Daten kaum verbreitet: Nur 6,5 Prozent der deutschen Achtklässler besuchen eine Schule, in der Tablets für den Unterricht zur Verfügung stehen. Zum Vergleich: Im EU-Schnitt sind es mit 15,9 Prozent mehr als doppelt so viele. In Australien sind bereits für mehr als 60 Prozent der Achtklässler Tablets verfügbar.

Die traurige Konsequenz all dieser Punkte: In keinem anderen ICILS-Teilnehmerland setzen Lehrkräfte Computer so selten ein wie in Deutschland.

In Arbeit
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Durch die ICILS-Studie wurde erstmals ein internationaler Vergleich von informations- und computerbezogenen Kompetenzen bei Jugendlichen möglich. Mit der sich immer weiter beschleunigenden technologischen Entwicklung und Digitalisierung aller Lebens- und Arbeitsbereiche wird die Fähigkeit, kompetent mit neuen Technologien umgehen zu können, immer wichtiger.

Die Autoren der Studie sehen daher die Medienbildung als „Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts“ und nicht nur als gesamtgesellschaftliche Herausforderung, sondern „insbesondere für die Schule“ als eine verpflichtende Aufgabe. Und da heißt es für Deutschland: Nachsitzen!

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