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Knauß kontert

Die Schule der Geschichtslosen

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Schwafeln ohne Wissen

Auch den Autoren der Geschichtslehrpläne in den Kultusministerien der deutschen Bundesländer sind Jahreszahlen ziemlich egal. Sachsen-Anhalt, so die Nachricht vor wenigen Tagen, führt einen Geschichtsunterricht ein, der fast gänzlich ohne verbindliche Ereignisse und Daten auskommt. Diese Tendenz bestimmt den Geschichtsunterricht auch in den anderen Bundesländern. Nordrhein-Westfalen marschiert, wie so oft, in bildungspolitischen Fragen besonders blind voran. Hier kommt man gut bis zum Abitur und wenn man will damit auch zum Geschichtsstudium, ohne jemals etwas von Friedrich dem Großen gehört zu haben.

Jahreszahlen, Schlachtenorte und Namen von „großen Männern“ auswendig zu lernen, ist natürlich noch nicht mit historischer Bildung zu verwechseln. Aber ohne ein festes Fundament an Wissen, ohne ein Gerüst der Chronologie im Kopf muss jeder Versuch, zu historischer Erkenntnis zu gelangen, scheitern.

Striche zählen und Werte ablesen

Kompetenzorientierung heißt seit Jahren das Zauberwort der Bildungspolitik für alle Fächer. Darin steckt die Behauptung, dass man auch ohne Wissen klug werden könnte! Die künftigen Bürger von Sachsen-Anhalt sollen aus dem Geschichtsunterricht zum Beispiel „narrative Kompetenz“ mit ins Leben nehmen. Ein „Narrativ“ ist eine bestimmte Erzählweise der Wirklichkeit. Die Schüler sollen zum Beispiel „Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf die Zivilgesellschaft“  bewerten können oder ein Kriegerdenkmal „ideologiekritisch“ untersuchen. Sie sollen also das können, was bisher Doktoranden und Professoren vorbehalten war. Und das im chronologischen Vakuum! Was für ein pädagogischer Größenwahn! Wann der Krieg endete, wie er verlief, warum die eine oder andere Seite gewann, ist wurscht. Aber munter über die Folgen schwafeln… Das ist, als ob man in Mathematik Kurvendiskussionen machen soll, ohne das kleine Einmaleins zu beherrschen.

Aber ist das überhaupt alles so wichtig? Geht es da nicht ohnehin um „Gedöns“? Ist historische Bildung nicht eher ein Hobby für Kultur-Nerds ohne politische, geschweige denn ökonomische Relevanz.  

In Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ – noch so ein futuristischer Roman fürs brodelnde Lese-Volk – bestehen die Islamisten, als sie in eine Koalitionsregierung eintreten, unbedingt darauf das Bildungsressort besetzen zu können. Die anderen überlassen es ihnen widerstandslos, weil sie glauben, dass das Entscheidende, nämlich Wirtschaftspolitik, anderswo entschieden wird. Sie werden sich irren.

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