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Lehrer-Forderung Informatik muss Pflichtfach für alle werden

Warum brauchen unsere Kinder eine informatische Grundbildung? Wie können Schulen Bildung für das Leben in der digitalen Welt anbieten? Und wo gibt es dabei Probleme? Einblicke in den Schulalltag.

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Schüler an einem Computer-Arbeitsplatz. Quelle: dpa

Die Titelgeschichte der WirtschaftsWoche sorgte für mächtig Diskussionsstoff: Nach unserem Plädoyer für Programmieren als Schulfach erreichten uns hunderte Zuschriften und Kommentare.

Auch die Lehrer meldeten sich zu Wort. So fordern die beiden Informatiklehrer Leonore Dietrich und Urs Lautebach, dass alle Schüler eine informatische Grundbildung bekommen, und zeigen, wo es in der Praxis hapert.

Informatik ist in unseren Schulen immer noch nicht angekommen. Obwohl sie DIE Grundlagenwissenschaft des 21. Jahrhunderts ist, hat fast niemand mehr als nur eine vage Vorstellung von „Informatik". Obwohl die Wissenschaft interessante und zukunftsfähige Berufsfelder bietet und die ganze Wirtschaft verzweifelt Fachkräfte sucht, versäumen wir es, Jugendliche dafür zu interessieren.

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Dabei greift Software permanent und massiv in unser Leben – trotzdem haben sich die meisten Menschen in einer geradezu lähmenden Ohnmacht eingerichtet, nach dem Motto: "Das kann man ja sowieso alles nicht verstehen".

Leider entwickelt sich diese Verweigerung der Realität allmählich zu einem Versagen unseres Schulsystems: Anstatt Kindern die Welt zu erklären, in der sie leben, geben wir dieses fundamentale Nichtverstehen Jahr für Jahr an die nächste Generation weiter. Das muss sich ändern, wenn Schule einen Welterklärungsanspruch einlösen soll.

Es kann sich nur ändern, wenn die Informatik allmählich in den Kanon der allgemeinbildenden Schulfächer hineinwächst, so wie auch Mathematik und Chemie einmal hineingewachsen sind.

Die Probleme beim Informatikunterricht

Zwar gibt es durchaus Informatikunterricht in Deutschland, auch guten. Aber leider weisen Schulpraxis und Debatte verschiedene Probleme auf:

- Informatik als Wahlfach erreicht nur Schüler, die sich sowieso dafür interessieren. Ein Wahlfach schafft keine Allgemeinbildung mit Breitenwirkung.

- Informatik in der Oberstufe ist wertvoll, aber vor allem für Mädchen viel zu spät. Denn sie lassen sich vor der Pubertät (also in Klasse 5 oder 6) für technische Inhalte oft noch begeistern, danach wird es schwierig.

Warum sollten wir Programmieren als Schulfach einführen?

- Informationstechnische Grundbildung (ITG), Medienpädagogik und ähnliche Konstruktionen zielen meistens auf Bedienerschulung. Das heißt: Im besten Fall zeigen Lehrer ihrer Klasse den Aufbau eines PC, machen Übungen mit Office und sprechen über Risiken von Facebook. Das ist wichtig, aber statt echter Grundlagen werden damit ja lediglich Fertigkeiten eingeübt. Auch wegen ihrer kurzen Halbwertszeit ist der Bildungswert dieser Inhalte fraglich.

- Querschnittsthema: „Informatik ist so wichtig, das muss überall rein". Das ist richtig. Falsch ist aber die Schlussfolgerung, dass man „deswegen kein eigenes Fach mehr braucht". Auch Mathe und Deutsch sind „Querschnittsthemen", aber mit gutem Grund wird die Muttersprache in eigenen Deutschstunden von studierten Germanisten geformt und nicht etwa von Geografen, obwohl die doch perfekt Deutsch können. So absurd es klingt, Informatik von Menschen unterrichten zu lassen, die das Fach nicht einmal kennen, ist dieses Modell doch immer wieder im Gespräch. Die daraus folgende…

Warum braucht Deutschland eine digitale Bildungsoffensive?

- Fächerintegration ist der Versuch, Informatik in anderen Fächern, also von fachfremden Lehrern, mit abhandeln zu lassen. Über den fachlichen Ertrag einer solchen Veranstaltung brauchen wir uns keine Illusionen zu machen. Der Versuch ist in den letzten Jahrzehnten auch mehrfach gescheitert, in Baden-Württemberg zuletzt mit Informationstechnischer Grundbildung (ITG). Fachfremde Lehrkräfte können anspruchsvolle Fachkonzepte nicht adäquat unterrichten, schon gar nicht nebenbei.

- Digitalisierung: Die aktuelle Digitalpaktdebatte kreist um Tablets, WLAN, Smartboards und digitale Schulbücher, also um Ausstattung. Nur leider kommt Bildung nicht mit dem Möbelwagen. Das ist, als würde man Musik samt Musiklehrer durch Stereoanlagen, MP3-Player und iTunes-Abos ersetzen und dann von „musikalischer Bildung" schwärmen.

Informatik ist die Grundlage der Digitalisierung – nicht umgekehrt. Trotzdem enthält selbst das aktuelle „Digitalpapier" der Kultusministerkonferenz kein einziges Mal das Wort Informatik. Unser Schulsystem ist träge, Veränderungen brauchen Zeit. Das ist gut so – Bildung darf nicht jedem Trend nachlaufen. Aber man kann 2017 auch nicht mehr so tun, als wäre Informatik eine Art Modeerscheinung.

Was getan werden kann

Auch die Chance des „Bildungsplan 2016" wäre in Baden-Württemberg um ein Haar wieder vertan worden; statt Informatik in der Mittelstufe einzuführen, wurde sogar ITG noch ersatzlos gestrichen. Erst die Intervention von Ministerpräsident Kretschmann brachte in letzter Minute die Wende: Informatik als echtes Schulfach. Sie findet zwar nur in Klasse 7 und nur eine Stunde pro Woche statt, erreicht aber alle Schülerinnen und Schüler.

Die eine Wochenstunde ist natürlich viel zu wenig, aber mehr war so kurzfristig wirklich nicht zu machen. Darauf gilt es nun aufzubauen. Derzeit ist aber offen, was der nächste Schritt sein wird. Wartet Stuttgart einfach den nächsten Bildungsplan ab (also bis etwa 2028)?

Auch falls das Fach dann endlich solide aufgestellt würde – der erste Jahrgang mit diesem Bildungsplan erreicht dann ja erst um 2035 den Ausbildungs-, 2040 den Arbeitsmarkt. Schüler, Gesellschaft und Wirtschaft wären bis dahin schon lange abgehängt.

Vor allem die Zeit der Schüler (also Unterrichtszeit) ist ein kostbares Gut und zwischen den Fächern hart umkämpft. Trotz der Widerstände, die das auslöst – klar ist: Informatik wird langfristig Stunden anderer Fächer bekommen müssen.

Man muss trotzdem nicht warten, sondern kann schon binnen weniger Jahre die Weichen stellen: Wir schlagen vor, dass das Ministerium ab 2020 vier der 13 „Poolstunden" (eine Reserve etwa für Fördermaßnahmen, über die Schulen selbst entscheiden) der Informatik widmet. Damit kann während der Unter- und Mittelstufe mehr oder weniger durchgehend flächendeckender Informatikunterricht stattfinden. Der Vorteil: Bis 2020 bleibt noch ausreichend Zeit für Lehrerfortbildungen.

Auf diesem Weg kommen die ersten Absolventen mit fundierter informatischer Bildung schon zehn Jahre früher aus der Schule. Unser Plan belastet Schülerinnen und Schüler nicht (weil der Unterrichtsumfang gleich bleibt), er greift vorerst nicht in den Stundenumfang anderer Fächer ein, und er ist nicht mal besonders teuer (weil keine zusätzlichen Lehraufträge benötigt werden).

Auf dieser Basis muss dann ab 2028 das allgemeinbildende Fach ab Klasse 5 für alle Schüler in allen Schularten weiter ausgebaut werden. Nur so können wir unsere Kinder auf die digitale Zukunft vorbereiten. Die Zeit läuft.

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