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Moderne Lernmethoden Deutsche Schulen verschlafen die Digitalisierung

Hefte statt Handy, Mitschrift statt Monitor, Tafel statt Tablet: deutsche Schulen verschlafen die Digitalisierung. Dabei böten moderne Medien Lehrern und Schülern die Chance auf individuellen Unterricht. Ein Gastbeitrag.

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Was wirklich hinter Lernmythen steckt
Bloß nicht mit den Fingern rechnen Quelle: Fotolia
Eine Lehrerin schreibt mit Kreide an die Tafel Quelle: dpa
Schüler mit dem Smartphone auf dem Schulhof Quelle: dpa
Fehler helfen beim LernenWer sich beim Lernen häufig verhaspelt und die Lösung raten muss, lernt trotzdem was. Eine kanadische Studie hat gezeigt, dass die Gedächtnisleistung sogar von den Fehlern profitiert. Dies gilt allerdings nur, wenn die Raterei nicht völlig ins Kraut schießt, sondern nur knapp an der richtigen Lösung vorbei ist. Wer häufig fast richtige Vermutungen anstellt, dem helfen diese wie kleine Brücken beim Erinnern an die korrekte Information. Diesen Vorteil konnten die Forscher sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Probanden feststellen. Wer sich selbst herantastet, profitiert davon also mehr, als wenn ihm die richtige Antwort vorgesagt wird. Quelle: Fotolia
Texte wiederholt zu lesen, heißt viel zu lernen Quelle: dpa
Gelerntes erzählen, hilft es sich zu merken Quelle: AP
Hochbegabte sind LernüberfliegerWer einen ungewöhnlich hohen IQ hat, ist in der Schule noch lange kein Überflieger. Weil viele Hochbegabte in der Schule unterfordert sind, markieren sie den Klassenclown und bekommen entsprechend schlechte Noten. Quelle: Fotolia

Stellen Sie sich vor, Sie wachen nach einem 50-jährigen Schlaf auf. Sie würden die Welt von heute in weiten Teilen nicht wiedererkennen. Nur in unseren Schulen hat sich seither wenig getan. In den Klassenzimmern wird häufig immer noch gelehrt wie 1985 als ich selbst Abitur machen durfte. Von der Moderne keine Spur: Statt Laptop für jeden gibt es Handyverbot, keine Informatik als Pflichtfach, und statt Tablets zu bedienen müssen die Kinder an die Tafel. Dabei würden gerade die technologischen Innovationen der jüngsten Vergangenheit Lehrern echte Bildungsfortschritte erlauben. Lernangebote wären individuell auf den persönlichen Wissensstand und die Lernpräferenzen jedes einzelnen ihrer Schüler zugeschnitten. Vorreiterschulen aus dem Ausland zeigen wie es geht.

Stefan Ries

Ein Lehrer, 30 Schüler, ein Klassenzimmer – das hat sich überholt

Etwa das New Yorker Schulkonzept “School of One”, das mittlerweile an 30 Schulen in den USA zum Einsatz kommt. Mit modernsten Methoden erzielt beispielsweise die Middle School 88 in Brooklyn vor allem im Matheunterricht exzellente Resultate. Gerade Mathematik ist für viele Schüler hochproblematisch: Verstehen sie nicht die Basiselemente, haben sie kaum eine Chance, den nachfolgenden Stoff zu verstehen. Genau das war das Problem der Middle School 88. Das Mathewissen der vorwiegend von Kindern aus ärmeren Elternhäusern besuchten Schule reichte in der siebten Klasse vom Kindergartenniveau bis hin zu dem von Achtklässlern. „Keine Chance, dass hier ein Lehrer vor einer Gruppe von 30 Schülern die passende Lehrmethode hätte darstellen können“, sagt der ehemalige Mitarbeiter der New Yorker Schulbehörde und School-of-One-Initiator Joel Rose.

Schulreformierer Rose ließ die Schule 2009 zunächst drei Wände einreißen. So entstand ein gigantischer Klassenraum allein für den Matheunterricht. Jedes Kind bekam einen eigenen Laptop. Zusätzlich wurde der Raum mit Monitoren ausgestattet und mit unterschiedlich farbigen Teppichen und Regalwänden, Tisch- und Stuhlgruppen in verschiedene Lernzonen unterteilt. Alle 120 Schüler ein- und derselben Jahrgangsstufe werden seither an der Middle School 88 von mehreren Mathelehrern im Team unterrichtet. Über Monitore, wie sie sonst eher an Flughäfen üblich sind, informieren sich die Schüler vor Beginn der Mathestunde, wo und wie sie den Unterricht bestreiten werden. An einem Tag gilt es für sie, Fragen am Computer zu beantworten, während nebenan Kleinstgruppen mit einem Lehrer am Tisch Gleichungen lösen und in einer dritten Lernzone an einem mehrtägigen Projekt zum Thema Wahrscheinlichkeitsrechnung gearbeitet wird.

Die Länder mit der höchsten Akademikerquote
Platz 10: IrlandBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 39,7 ProzentIm Jahr 2012 haben knapp 40 Prozent der Iren zwischen 25 und 64 Jahren eine universitäre Ausbildung. Das resümiert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (kurz: OECD) in ihrem Bildungsbericht 2014. Deutschland hingegen schafft es nicht unter die Top Ten: Nur 28 Prozent haben einen Tertiärabschluss – also ein abgeschlossenes Studium oder einen Meister. Der OECD-Durchschnitt liegt dagegen bei knapp 33 Prozent. Quelle: AP
Platz 9: NeuseelandBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 40,6 ProzentDie weltweite Finanzkrise hat sich in Neuseeland nicht wirklich bemerkbar gemacht: Während die Zahl der Studenten in vielen Industriestaaten zwischen 2008 und 2011 zurückgegangen ist, steigt sie in Neuseeland weiter an und liegt bei knapp 41 Prozent. Im Jahr 2011 investieren neuseeländische Studenten im Durchschnitt knapp 11.000 US-Dollar in ihre Hochschulausbildung. Quelle: dpa
Platz 8: GroßbritannienBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 41,0 ProzentA-Level-Studentin Tabitha Jackson (r.) freut sich mit ihren Kommilitoninnen über ihren Abschluss am Brighton College. 41 Prozent der britischen Bevölkerung hat einen Hochschulabschluss. Ein Studienjahr in Großbritannien kostet rund 16.000 US-Dollar. Quelle: REUTERS
Platz 7: AustralienBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 41,3 ProzentEin Surfer springt mit seinem Brett in die Wellen vor Sydney. Auch „Down Under“ hat eine gut qualifizierte Bevölkerung, die deutlich über dem OECD-Durchschnitt liegt: 41,3 Prozent der Erwachsenen haben einen Universitätsabschluss. Pro Jahr muss ein australischer Student etwa 16.000 US-Dollar für seine Ausbildung zahlen. Quelle: AP
Platz 6: KoreaBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 41,7 ProzentJunge koreanische Studentinnen feiern ihren Abschluss an der privaten Sookmyung Universität in Seoul. In Korea haben 41,7 Prozent der erwachsenen Bürger einen Hochschulabschluss. Ein Studienjahr kostet knapp 10.000 US-Dollar. Quelle: dpa
Platz 5: USABevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 43,1 ProzentVon allen 30 untersuchten Staaten ist ein Studium in den USA am teuersten: Rund 26.000 US-Dollar muss ein Student dort pro Jahr an einer Universität zahlen. Dennoch kann fast jeder zweite Erwachsene einen Hochschulabschluss vorweisen. Auf diesem Foto ist der Campus der Georgetown University in Washington zu sehen. Quelle: AP
Platz 4: IsraelBevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss: 46,4 ProzentDieses Bild zeigt die israelische Universität Beerscheva, die auch als Ben-Gurion University of the Negev bekannt ist. Auch Israels Bevölkerung ist mit einem Anteil von 46,4 Prozent Hochschulabsolventen überdurchschnittlich gut ausgebildet. Pro Jahr investiert ein israelischer Student im Durchschnitt knapp 12.000 US-Dollar in seine Ausbildung. Quelle: dpa

Lehrer werden in Echtzeit über den Lernstand jedes Schülers informiert

Dabei lernen die Schüler im ersten Schritt den Stoff mit Hilfe von Computerspielen oder einem Video. Schafft ein Schüler die gestellte Aufgabe, liefert der Computer oder der Lehrer für ihn neue, weiterführende Herausforderungen. Der Clou ist aber vor allem die Auswertung der täglichen Online-Assessments: Jeden Tag erhält der Lehrer – bei Bedarf sogar in Echtzeit – vom Computer Feedback, wo der Schüler lerntechnisch steht – ob er eine Lektion noch einmal üben sollte oder einen Schritt weitergehen kann. Und wenn der Schüler ein Thema noch nicht so gut beherrscht, liefert der Computer einen Vorschlag, mit welcher Methode der Stoff möglicherweise besser vermittelt werden kann. Per Algorithmus entwickelt der Rechner personalisierte Lehrpläne und passt diese täglich an die Fortschritte und Bedürfnisse der Schüler an. „Die Schüler empfinden die täglichen Assessments nicht als Tests, die ihnen im Zweifel nur schlechte Noten einbrocken“, so Rose: „Sie haben wirklich das Gefühl, dass ihnen die Assessments helfen, den Stoff besser zu verstehen.“ Die Lernerfolge dieser Methode sind beachtlich, und völlig unabhängig davon, ob es sich um einen Einserkandidaten oder einen benachteiligten Schüler handelt.

Der Lehrer hat nicht mehr das Wissensmonopol

Mit der digitalen Technik und den neuen Lehrmethoden verändert sich auch die Rolle des Lehrers. Er ist nicht mehr der Wissensmonopolist, der sein Know-how an die Schüler weitergibt. Denn die können ihr Wissen heute aus einer Vielzahl an Quellen schöpfen. Der Lehrer kann – technikgestützt – auf die Lernpräferenzen jedes einzelnen Schülers eingehen und über moderne Lernmethoden, wie bei School of One, Rückmeldung über den individuellen Lernfortschritt erhalten. Das wiederum bedeutet, dass eine grundlegende Umgestaltung des Lehrprozesses notwendig wird. Schon vor Jahren mahnte Frank Schirrmacher, der vor kurzem verstorbene Mit-Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem Buch „Payback“: „Völlig desinteressiert daran, dass die digitale Welt im Begriff ist, unsere Hirnverdrahtungen zu verändern wie seit der Erfindung des Lesens nicht mehr, behandeln viele Schulen und Universitäten die Maschinen weiterhin so, als seien sie nur Fernseher, die nur senden und verschlimmern damit die kognitive Krise. Denn nicht nur Computer sind reine Sender, auch die Lehrer und Professoren sind es allzu oft.“ In Zukunft jedoch werden Lehrer auch an deutschen Schulen nicht mehr darum herumkommen, sich vom Wissensvermittler in Förderer und Coaches zu verwandeln. Einige wenige Leuchttürme gibt es schon und dies ist eine tolle Chance für diesen wichtigen Beruf und kein Risiko. Es wird zu ihrer Hauptaufgabe, Schüler dabei zu unterstützen, aus eigener Kraft kreative und kluge Wissensproduzenten zu werden.

Besuch von Lehrerfortbildungen zu IT in Deutschland

Digitale Technik macht Lust aufs Lernen

Auch hierbei können die Lehrkräfte von der Anziehungskraft und Attraktivität digitaler Medien profitieren. Denn mit ihrem Einsatz steigt automatisch der Spaßfaktor beim Lernen, wie das Beispiel der Ngee Ann Secondary School in Singapur zeigt. Innerhalb von nur 50 Jahren schaffte es das Land trotz seines hohen Anteils von Ungelernten und Analphabeten an die Spitze der besten Bildungssysteme der Welt. Dabei setzt Singapur ganz bewusst auf genau die Technik, die die Kinder täglich privat nutzen, kennen – und längst schätzen gelernt haben - wissend, dass „Smartphone Daddeln“ keine solide Informatikausbildung ersetzt.

So beantworten die 13- bis 16-jährigen Schüler der Ngee Ann Secondary School zum Beispiel viele Fragen ihrer Lehrer im Unterricht via Instant Messaging. Ausgerüstet mit handlichen Minicomputern landen ihre Kurznachrichten in Sekundenschnelle während des regulären Live-Unterrichts auf dem Rechner ihres Lehrers. „In einer Unterrichtsstunde können Lehrer unmöglich 40 Schüler befragen, aber mit einem Messenger funktioniert das. Und nicht nur das: der Lehrer sieht auch, wie sie mit dem Techniktool umgehen“, sagt Adrian Lee, Direktor der Ngee Ann Secondary School. Und die Kinder bleiben mit Spaß dabei, auch weil sie eben nicht alleine mit Stift und Papier arbeiten, sondern ihr geliebtes digitales Medium zum Einsatz kommen darf. „Wer sich mit Computertechnik nicht auskennt und sie sicher beherrscht, verliert die Kinder in der Schule“, urteilt denn auch Ho Peng vom Singapurer Bildungsministerium.

Weltmarktführer … auch in der Schulbildung

Der Vorteil: Schüler nehmen nicht nur Wissen auf, sondern sie produzieren Wissen. Hier müssen dringend auch deutsche Lehrpläne ansetzen, um Schüler von reinen Techniknutzern in Technikgestalter zu verwandeln. Leider sind wir hierzulande davon noch himmelweit entfernt. Schlimmer noch: Mit unserem schwerfälligen, föderalen Bildungswesen verlieren wir weltweit den Anschluss. Dabei ist unser Bildungssystem doch die Voraussetzung dafür, dass wir unsere wirtschaftliche Stellung in einer sich rasant wandelnden Welt erhalten und ausbauen können. Es sollte das weltbeste sein – und bleiben. Dass Deutschland als Bildungsstandort ins Mittelmaß abgerutscht ist, gehört spätestens seit Pisa zum Allgemeingut.

In Arbeit
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Die deutsche Politik muss handeln - und dies zügig. Wir brauchen dringend eine Digitale Agenda für Schulen. Themen wie Big Data, das Internet der Dinge, cyberphysische Systeme brauchen ihren festen Platz in den Lehrplänen. Außerdem müssen Informatik und Wirtschaft offizielle Schulfächer für jedermann werden. Ein erster Schritt dahin könnten AGs sein. Diese ließen sich schon heute einfach etablieren. Allein die Klassenzimmer mit Hardware auszustatten, wird jedoch nicht ausreichen. Wir müssen vor allem den Lehrern Mut machen. „In der neuen Welt des Lernens sind sie alles andere als überflüssig“, betonen Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt in ihrem 2015 erschienenen Buch „Die digitale Bildungsrevolution“ (DVA). Das Fazit der beiden Bildungsexperten lautet: „Lernvideos können keine Persönlichkeitsbildung ersetzen und Computertechnik nicht die Bindung zwischen Lehrer und Schüler. Was sie jedoch können, ist, Freiräume genau dafür zu schaffen.“

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