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Ökonomie Bessere Nobelpreisträger verzweifelt gesucht

Reformdruck beim Ökonomie-Nobelpreis. Quelle: Illustration: Nate Kitch

Die höchste wissenschaftliche Auszeichnung für Ökonomen gerät unter Reformdruck: Statt ständig mathematische Spezialisten zu küren, sollte sich das Nobelpreiskomitee endlich für benachbarte Disziplinen öffnen.

Es ist eine ungewöhnliche Rolle für Ernst Fehr. Normalerweise arbeitet der Österreicher in seinen Versuchsräumen an der Universität Zürich, plant spieltheoretische Experimente oder wertet Daten aus. Doch jetzt steht der 61-Jährige im großen Hörsaal der Universität Wien, blickt auf seinen Laptop und hat eine pädagogische Aufgabe: Er soll 400 Oberstufenschüler für die Wirtschaftswissenschaften begeistern. „Get a taste“ heißt das Projekt, und Fehr startet, die Hemdsärmel aufgekrempelt, einen Parforceritt durch Wirtschaftsgeschichte und Wachstumstheorie, Klimawandel und Demografie, Reichtum und Ungleichheit.

Vor allem eine Botschaft vermittelt er den Jugendlichen: „Es sind noch nie so viele Menschen aus der Armut geholt worden wie in den vergangenen 30 Jahren.“

Der Mann, der hier seine Zuhörer fesselt, hat sechs Ehrendoktortitel und zählt zu den weltweit führenden Verhaltensökonomen. Anders als viele Kollegen bohrt Fehr nicht nur tief, sondern auch breit. Wie kaum ein anderer Ökonom bedient er sich bei seinen Forschungen der Erkenntnisse der Psychologie, Soziologie, Neurobiologie und Medizin und hat in Topjournals der Zunft veröffentlicht. „Die Mainstream-Ökonomie“, sagt Fehr, „war mir immer zu langweilig.“

Möglicherweise liegt es genau daran, dass Fehr, obgleich seit Jahren als Kandidat gehandelt, auf den Nobelpreis bislang vergeblich wartet. Am 9. Oktober wird der neue Preisträger bekannt gegeben, und die Erfahrung zeigt: Besonders gute Chancen haben Forscher, die mit neuen mathematischen Modellen oder statistischen Schätzmethoden virtuos Spezialproblemen ihres Faches auf den Grund gehen. Übermäßig bedeutend für Wirtschaft und Gesellschaft waren ihre Erkenntnisse dabei nicht immer.

Droht also die Profession zu einer Spielwiese für Esoteriker mit Inselbegabungen in Mathematik zu werden? „In den vergangenen Jahren haben keine AAA-Ökonomen, sondern nur noch Ökonomen aus der Kategorie B+ den Nobelpreis erhalten“, sagt die Universalgelehrte Deirdre McCloskey, die selbst als Anwärterin auf die höchste Auszeichnung für Ökonomen gilt. Schon vier Mal habe das Preiskomitee der Schwedischen Akademie der Wissenschaften, das über die Vergabe entscheidet, die Auszeichnung für Arbeiten aus dem hochmathematischen Spezialgebiet der Finanzwirtschaft vergeben. Bei diesen Entscheidungen war „eine dümmer als die andere“, findet McCloskey.

Die emeritierte Professorin für Ökonomie, Geschichte, Englisch und Kommunikation fordert, dem Nobelpreis mehr „intellektuelle Relevanz“ zu geben. Es sollten Forscher geehrt werden, die über den Tellerrand der Ökonomie hinausblicken, Menschen, die auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften verwurzelt sind. „Langfristig sind die ganzheitlichen, interdisziplinären Denker von Bedeutung, nicht die unzähligen Techniker und Ökonometriker“, so McCloskey.

Kritik sind die Juroren der Schwedischen Akademie der Wissenschaften gewöhnt. Zum einen ist die Auszeichnung für Ökonomie gar kein echter Nobelpreis. Der Preis wurde 1969 von der Schwedischen Reichsbank anlässlich ihres 300. Geburtstages gestiftet und heißt offiziell „Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel“. Der 1896 gestorbene Industrielle hatte nichts für die Wirtschaftswissenschaft übrig. In einem Brief aus seinem Nachlass fand sich der bezeichnende Satz: „Ich habe keine Wirtschaftsausbildung und hasse sie von Herzen.“ Viele Wissenschaftler anderer Disziplinen blicken daher auf die Ökonomen wie auf unerwünschte Parvenüs im Schoß der noblen Familie.

Auffällig ist außerdem die Übermacht der Amerikaner, die mehr als zwei Drittel der Preisträger stellen. Und schließlich ging der Preis bis auf eine Ausnahme bisher ausschließlich an Männer höheren Alters (Durchschnitt: 67 Jahre). Dabei gibt es nach Ansicht von Kritikern durchaus jüngere Wissenschaftlerinnen mit Nobel-Potenzial. Etwa die Gesundheitsökonomin Amy Finkelstein, die 2012 die begehrte John-Bates-Clark-Medaille der American Economic Association erhielt. Oder die französische MIT-Professorin und Entwicklungsökonomin Esther Duflo. Oder die Harvard-Professorin Carmen Reinhart.

Heftige Kritik am Nobelpreis

Erste heftige Kritik am Nobelpreis hagelte es, kaum dass er ins Leben gerufen war. Der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek, der 1974 mit dem Preis ausgezeichnet wurde, fürchtete, dieser verleihe den Laureaten „eine Autorität, die in den Wirtschaftswissenschaften niemand haben sollte“. Denn die Ökonomie sei eine Sozialwissenschaft, eine Lehre vom Handeln der Menschen. Dieses Handeln lasse sich nicht aggregieren, nicht in Modelle pressen und entziehe sich einer exakten empirischen Überprüfung und Prognose, so Hayek. In seiner Preisrede warnte er die Ökonomen vor der „Anmaßung von Wissen“. Das Versagen der Ökonomen in der Politikberatung, so Hayek, sei „eng verbunden mit ihrer Neigung, die erfolgreichen Methoden der Physik auf die Ökonomie zu übertragen“.

Spätestens mit dem Ausbruch der Finanzkrise 2007/08 zeigte sich, dass Hayek recht hatte. Kaum einer der hochdekorierten Nobelpreisträger hatte die Krise kommen sehen. Statt sich zu fragen, ob die Kredit- und Immobilienexzesse, die der Krise vorausgingen, eine Gefahr für die Weltwirtschaft bedeuteten, kalibrierten die Ökonomen lieber ihre Gleichgewichtsmodelle und drehten dabei eine mathematische Pirouette nach der anderen, um möglichst viele Veröffentlichungen in den angesehenen Fachzeitschriften der Zunft zu platzieren. „Die Wirtschaftswissenschaften sind zu einer Publikationsmaschinerie verkommen“, sagt McCloskey.

Vielen Ökonomen gehe es nur noch darum, „quantitative Ergebnisse zu produzieren, um diese karrieresteigernd in Fachzeitschriften zu veröffentlichen“.

Die Vergabepraxis des Nobelpreises fördert diesen Prozess und begünstigt so die formalisiert-mathematische Mainstream-Ökonomie. Das Vorschlagsrecht für die Vergabe des Nobelpreises haben neben den Mitgliedern der Schwedischen Akademie der Wissenschaften und den Mitgliedern des Preiskomitees zum einen die bisherigen Nobelpreisträger. Die aber dürften kaum Kollegen vorschlagen, deren Arbeiten methodisch den eigenen entgehenstehen.

Weitere Vorschläge kommen von Professoren skandinavischer Universitäten, etwa aus Island, sofern sie in „relevanten Themengebieten“ forschen. Aus dem Rest der Welt werden jedes Jahr maximal sechs Universitäten ausgewählt, deren Ökonomen ebenfalls Vorschläge einreichen dürfen.

Das Preiskomitee trifft dann zunächst aus bis zu 300 Nominierungen eine Vorauswahl. Dann bittet es Ökonomen, die auf denselben oder verwandten Fachgebieten arbeiten, um eine wissenschaftliche Begutachtung der Vorschläge. Übermäßige Transparenz gibt es bei all dem nicht: Das genaue Abstimmungsergebnis, mögliche Kontroversen und die Protokolle der Treffen dürfen laut Statut erst nach 50 Jahren veröffentlicht werden.

Weil bei dem Auswahl- und Evaluierungsprozess die Publikationen der Kandidaten in wissenschaftlichen Fachzeitschriften im Vordergrund stehen, die wiederum vom Mainstream dominiert werden, „kommen inhaltliche und methodische Querdenker kaum zum Zuge“, sagt Gunther Schnabl, Ökonomie-Professor an der Uni Leipzig. Hätten bei der Auswahl der Preisträger früher die großen Ideen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme im Vordergrund gestanden, so gehe es heute fast nur noch um methodische Finessen.

Dass das zuweilen skurrile Folgen hat, zeigt das Beispiel Eugene Fama und Robert Shiller. Die beiden Ökonomen erhielten 2013 den Preis gemeinsam mit Peter Hansen für ihre Arbeiten zur Erforschung von Vermögenspreisen. Während Fama herausgefunden hatte, dass die Finanzmärkte effizient seien, weil die Marktpreise alle Informationen enthielten, behauptete Shiller das Gegenteil. Auf den Märkten herrsche irrationales Verhalten und Herdentrieb, so Shiller. Die Vergabe des Nobelpreises an zwei Wissenschaftler, die sich widersprechen – in den Naturwissenschaften undenkbar –, hat das Renommee des Wirtschaftspreises nicht gerade gefördert.

Widerspruch gegen "economical correctness"

Allerdings zeigt die Geschichte auch dies: Geht der Preis doch mal an Querdenker oder Ökonomen, die der „economical correctness“ widersprechen, ist das Geschrei groß. So führte die Ehrung des Mikroökonomen Gary Becker, der die ökonomische Theorie auf Kriminalität, Kindererziehung und Familie ausdehnte und die Ehe als Ergebnis einer rationalen Kosten-Nutzen-Rechnung erklärte, im Jahr 1992 zu einem öffentlichen Aufschrei. Linke Leitartikler echauffierten sich über den „Imperialismus der Ökonomie“, schwedische Feministinnen drohten mit Protestaktionen.

Auch die Auszeichnung von Robert Aumann 2005 provozierte Kritik: Der amerikanisch-israelische Mathematiker war mit spieltheoretischen Studien zu dem Schluss gekommen, Israel solle seine Siedlungen in den Palästinensergebieten nicht aufgeben. Große Wellen schlug auch der Preis an Milton Friedman 1976. Weil der marktradikale Ökonom und seine Schüler den damaligen Diktator Augusto Pinochet in Chile berieten, protestierten andere Nobelpreisträger öffentlich gegen Friedmans Ehrung.

Dass die Spezialisten die Generalisten bei der Preisvergabe verdrängt haben, liegt nicht zuletzt daran, „dass die bahnbrechenden Erkenntnisse der Ökonomie hinter uns liegen“, sagt Andreas Freytag, Ökonomie-Professor an der Uni Jena. Zwar haben Spezialisten wie der Marktdesigner Alvin Roth, der mit seinen Arbeiten die Vergabe von Organspenden verbessert hat, wichtige Impulse für die Praxis gesetzt. Doch in die großen gesellschaftlichen Debatten sind viele Preisträger kaum noch involviert.

Wer hat den Preis für Wirtschaftswissenschaften verdient?

Der Grund: Wer als junger Forscher heute Karriere machen will, „muss sich ein möglichst enges Spezialgebiet suchen und dieses mit den neuesten Methoden bearbeiten“, sagt Freytag. Dabei gilt auch für die Forschung das Gesetz des abnehmenden Grenzertrags: Je mehr Probleme erforscht sind, desto geringer ist der zusätzliche Erkenntniswert weiterer Studien.

Sollte der Nobelpreis für Wirtschaft also abgeschafft werden? Nein, sagt McCloskey. Es sei zwar eine „Schande“, dass große Ökonomen wie der Wettbewerbstheoretiker William Baumol (1922–2017) und der Sozialphilosoph Albert Hirschman (1915–2012) den Preis nie bekamen. Ihn deshalb abzuschaffen gehe jedoch zu weit. Besser sei es, mehr interdisziplinäre Forscher zu krönen.

Die Schwedische Akademie kennt diese Vorwürfe. Das Preiskomitee sei daher bestrebt, „alle Arbeiten zu berücksichtigen, die für Ökonomen von Interesse sind, auch wenn die Forschungen in anderen akademischen Disziplinen erfolgt sind“, kontert Peter Eglund, ehemaliger Sekretär des Preiskomitees. Bisher aber ging der Preis nur zwei Mal an fachfremde Forscher: an die Politologin Elinor Ostrom (2009) und den Psychologen Daniel Kahneman (2002).

Um den Nobelpreis aus dem Korsett der ökonomischen Tiefenforschung zu befreien, sollte man ihm einen neuen Namen geben, schlägt Ökonom Freytag vor. „Wenn aus dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften der Nobelpreis für Sozialwissenschaften wird, verpflichtet dies das Preiskomitee, mehr Forschungen aus benachbarten Wissenschaftsdisziplinen zu berücksichtigen“, sagt Freytag. So gebe es bahnbrechende Arbeiten von Juristen und Soziologen, etwa zu Fragen der Korruption und Unabhängigkeit von politischen Institutionen, die nobelpreiswürdig seien.

Vielleicht kontert das Nobelkomitee die wachsende Kritik an der Vergabepolitik ja diesmal mit einer überraschenden Wahl – und zeichnet nach längerer Zeit wieder einen Anti-Mainstream-Ökonomen aus. Sollte es Verhaltensökonom Fehr sein, müssten sich die Überbringer der guten Nachricht allerdings vorher seine Handynummer besorgen und lange klingeln lassen: Der Österreicher ist an diesem Tag für eine Gastprofessur in New York. Wenn der Anruf aus Stockholm kommt, ist es dort erst 5.45 Uhr.

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