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Pädagoge über die "Neue Lernkultur" An Schulen herrscht ein problematisches Menschenbild

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Die Folgen der Neuen Lernkultur

Was kann denn die Neue Lernkultur besser machen?
Der Lernerfolg unter diesen Bedingungen ist bisher kaum erforscht. Einig ist sich die Forschung aber darüber, dass lernschwächere Schüler weitaus mehr auf die Unterstützung durch Lehrkräfte angewiesen sind als stärkere. Da es hier gerade um die schwächeren Schüler geht, kann man skeptisch sein, ob die Neue Lernkultur das Problem lösen wird. Zugespitzt gesagt: Wer schon zu Hause mit der Bewältigung schulischer Aufgaben allein gelassen wird, sollte dies nicht auch noch in der Schule bleiben.

Striche zählen und Werte ablesen

Welche Folgen der Neuen Lernkultur erwarten Sie – für den Bildungsstandort Deutschland, die Berufswelt, die Schulen und die Schüler?
Ich betrachte Deutschland nicht als „Bildungsstandort“, da der Begriff unterstellt, Bildung diene allein der Sicherung volkswirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Die Bildungsidee lässt sich aber nicht darauf reduzieren.
Über die Folgen der Neuen Lernkultur kann man nur spekulieren. Ich möchte zwei zentrale Faktoren herausgreifen, die eng miteinander verknüpft sind, nämlich die wachsende Heterogenität der Schülerschaft und die wachsende gesellschaftliche Akzeptanz unterschiedlichster Lebensentwürfe einerseits und die Funktion allgemeiner Bildung und damit die Aufgabe der Schule andererseits.
Selbstverständlich muss die Schule der gewachsenen Heterogenität Rechnung tragen, aber das geht nicht mit beliebiger Individualisierung des Unterrichts. Das ist weder zu leisten, noch gesellschaftlich ratsam. Die Politik wird nicht umhin kommen, sich für bestimmte Differenzmerkmale - kulturelle Herkunft, Geschlecht, bestimmte Behinderungen – zu  entscheiden, damit die Schule gezielt darauf eingehen kann. Eine diffuse Form der Individualisierung ist mit Sicherheit nicht das Patentrezept. Denn dabei gerät die Verbindlichkeit von Bildung aus dem Blick: verstanden als bestimmte Fähigkeiten, aber auch als kulturell, gesellschaftlich, politisch und wissenschaftlich relevantes Wissen, mit dem sich die künftige Generation die Welt erschließen kann. Diese Verbindlichkeit durchzusetzen, gegebenenfalls auch unabhängig von den Befindlichkeiten und Interessen der einzelnen Kinder, bleibt eine wesentliche Funktion von Schule.

Haben Sie konkrete Beispiele für Gefahren?
Die Gefahr kann man zum Beispiel an ebenso gängigen wie unsinnigen Phrasen der Art „Man braucht nichts mehr zu wissen, sondern nur noch zu wissen, wo etwas steht“ ablesen.  Das führt dazu, dass der Unterricht sich am Erwerb von „Methodenkompetenz“ orientiert und darüber die Erschließung von Inhalten vernachlässigt. Ein Beispiel dafür: Mein Kollege Klein von der Universität Frankfurt gab Neuntklässlern eine Abiturklausur im Fach Biologie, die sie mangels fachwissenschaftlicher Kenntnisse normalerweise nicht hätten lösen können. Erstaunlicherweise bestanden aber fast alle diese Klausur, einige sogar besser als ausreichend. Des Rätsels Lösung war, dass die Antworten auf die Fragen praktisch alle dem umfangreichen Klausurmaterial zu entnehmen waren, die Schüler brauchten also nur eine ausreichende Lesekompetenz, um zu bestehen.
Das Beispiel hat natürlich nicht direkt mit „Neuer Lernkultur“ zu tun, es besteht aber die Gefahr, dass mit der Fokussierung individueller Lernprozesse statt fachlicher Anforderungen, den Schülern der Stoff vorenthalten wird, an dem sie sich bilden könnten. Dabei erscheint es mir gerade angesichts wachsender Heterogenität unerlässlich, in der Schule ein für alle Schüler verbindliches kulturelles Fundament zu schaffen.

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