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Pädagoge über die "Neue Lernkultur" An Schulen herrscht ein problematisches Menschenbild

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Politische Ziele und Wirtschaftsinteressen

"Politik ist ja meist - oder sogar immer - interessengeleitet. Welche bildungspolitischen Ziele, abseits von den offiziellen, vermuten Sie hinter der Neuen Lernkultur?"
Alle Menschen waren den Zwängen der Schule ausgesetzt und haben diese als mehr oder minder belastend empfunden, weswegen eine Pädagogik, die vorgibt „nun endlich“ den einzelnen Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen, leicht auf Beifall stößt. Dieser Humanismus ist aber nur vordergründig. In der Neuen Lernkultur ist meist von „selbstgesteuertem“ Lernen die Rede, was leicht mit aufklärerischen Vorstellungen von Mündigkeit und Autonomie verwechselt werden kann, aber nichts damit zu tun hat. Im Gegenteil: „Selbststeuerung“ ist ein Begriff aus der Kybernetik, bezieht sich also ursprünglich auf technische Systeme, die mit einer entsprechenden Programmierung und bestimmten Zielvorgaben technische Prozesse ohne weiteres menschliches Zutun abwickeln können.

Der „kybernetische Mensch“?

Mit diesem Begriff wird der Lerner implizit zu einem technischen System und das Lernen zu einem technischen Vorgang erklärt, der sich auf der Basis von Vorgaben präzise selbst steuert. Das verkennt nicht nur die Komplexität von Lernprozessen. Darin zeigt sich auch ein problematisches Menschenbild. „Selbstgesteuert“ als technische Metapher bedeutet, dass die Schüler sich aus eigenem Antrieb Fremdbestimmung unterwerfen und damit auch verantwortlich fühlen sollen für eine erfolgreiche Umsetzung der Erwartungen.

Was junge Deutsche über unsere Geschichte zu wissen glauben

Sind die Erwartungen denn heute andere?
Als Motiv für dieses Konzept wird meist die Notwendigkeit zu lebenslangem Lernen in der Wissensgesellschaft und ihrer Ökonomie genannt, die so dynamisch sei, dass künftige Arbeitnehmer in der Lage sein müssten, sich immer wieder dem raschen Wandel anzupassen. Sie werden damit, wie der Soziologe Bröckling es nennt, zu einem „Unternehmerischen Selbst“ erklärt, das sein eigenes Leben quasi als Managementprojekt zur Optimierung des individuellen Humankapitals betrachtet und eventuelles Scheitern als sein persönliches Versagen interpretiert.

Wirtschaft und Politik werden also aus der Verantwortung für Bildung entlassen?

So betrachtet steht hinter der Neuen Lernkultur ein Menschenbild, von dem man annehmen könnte, dass es der Wirtschaft und ihren Vertretern entgegenkommt. Aber tut es das wirklich? Mir erscheint hier eher neoliberale Ideologie am Werke zu sein, soweit sie sich in dem Bestreben erschöpft, möglichst alle Bereiche der Gesellschaft Marktregeln zu unterwerfen. Ein Bestreben das der Schweizer Ökonom Binswanger in seinen Buch „Sinnlose Wettbewerbe“ überzeugend entzaubert. Es springt ins Auge, dass ein allein seiner Selbststeuerung überlassener Markt seinen Zweck langfristig ebenso wenig erfüllt wie ein selbstgesteuerter Mensch, wie ja gerade die Freiburger Schule des Ordoliberalismus wusste, aus der die soziale Marktwirtschaft hervorgegangen ist.
Eine Schule, die sich dieser Ideologie andient, möglicherweise ohne dass die in ihr Handelnden dies durchschauen, hat in meinen Augen versagt, denn sie sollte ein Schonraum für Lern- und Entwicklungsprozesse sein und ihren Schülern verschiedene Zugänge zur Welt eröffnen, statt sie zu „Selbstunternehmern“ abzurichten.

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